Zeitenwende
Wenn es Herbst wird in Solothurns Sommerhäusern

Mochte der Oktober noch so golden sein – früher begann dann in Solothurns Sommerhäusern die Zeit des Abschieds. Und heute? Einige Einblicke hinter die Mauern der alten Patriziersitze.

Wolfgang Wagmann
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Reitparadies entlang dem Köngshof
10 Bilder
Die Königshof-Allee führt in die Stadt hinunter
Der Müllerhof
Der Königshof von Süden her
Sommerhäuser Solothurn
Das Sommerhaus Vigier
Der Aarhof steht seit über zehn Jahren leer
Das imposante Schloss Steinbrugg
Das Glutzehübeli
Das Schloss und Museum Blumenstein im Besitz der Stadt

Reitparadies entlang dem Köngshof

Wolfgang Wagmann

Mit dem Fallen der Blätter war es jeweils so weit: Besenvals zogen von der Waldegg ins Palais an der Aare, Vigiers an den Kronenplatz, wo heute die Raiffeisenbank steht, die Wallier vom Aarhof an den Friedhofplatz. Die Saison der Sommerhäuser war vorbei. Wobei viele männliche Familienmitglieder ihre kleinen Schlösser selten bis nie sahen – sie hatten am Hof zu Paris oder im Feld Besseres zu tun. Die kleinen Schlösser verdienten ihren Namen wegen einer typischen Solothurner Spezialität: dem Türmli. Daraus wurde das Türmlihaus, und viele Landsitze entsprechen diesem Typus. Der Prototyp heisst denn auch Türmlihaus – es ist das versteckteste aller Sommerhäuser, kaum zu entdecken an der Türmlihausstrasse. Und ist wohl auch deshalb Privateigentum.

Schimmel und Chimäre

Die meisten Sommerhäuser entstanden im 16. und 17. Jahrhundert. Reich geworden, hatten die Solothurner Söldnerführer nur eins im Kopf: Repräsentativ zu wohnen. Als die Patrizier abgedankt hatten, gingen viele Häuser in bürgerlichen Besitz über. Wenige nur wurden abgerissen, doch ihre Schicksale verliefen höchst unterschiedlich. Die schönsten Landsitze hatten mehr Glück. Beispielsweise die Waldegg, vom Kanton zum Museum und Amtssitz restauriert. Wie andere auch besitzt sie eine lange, fast imperiale Allee, auf Stadtboden noch zum Schloss Steinbrugg und zum Königshof hinaufführend. Dieses wohl schönste Gesamtensemble mit Bauernhof steht seit 2013 unter kantonalem Schutz. Das Türmlihaus ist neu in Privatbesitz, die Landwirtschaft beim Kanton geblieben. Draussen auf der Koppel grast ein Schimmel, ein weiterer biegt mit einer jungen Dame auf dem Rücken in die prächtige Allee ein. Der Königshof als Reiterparadies.

Eine Chimäre blieb dagegen das Projekt der dort in den Neunzigerjahren angesiedelten Firma Belland: Sie wollte Plastik erfinden, der durch Wasser aufgelöst werden könnte. Aufgelöst wurde zuletzt nur die Firma.

Sommerhaus Vigier: Fast wäre es bei der Stadt gelandet

1649 konnten die Eheleute Wallier ihren neuen Sommersitz, das Türmlihaus in den «kalten Häusern», beziehen. Später besassen ihn die von Roll und Gibelin, ehe er 1821 durch Erbschaft an die Familie Vigier fiel. Bill de Vigier, charismatischer Unternehmer in London, soll das Sommerhaus vor einigen Jahrzehnten der Stadt zur späteren Übernahme angeboten haben. Immerhin spielte de Vigier ab und an ein Tennismätschli neben dem Sommerhaus mit dem damaligen Stadtammann Urs Scheidegger. Die Stadt, 1952 schon mit dem Schloss Blumenstein beglückt, das sie als Museum weiterführte, lehnte dankend ab. Bill de Vigier, 2003 mit 91 Jahren verstorben, hatte zuvor zwei Stiftungen gegründet: Die eine unterhält aus dem Erlös des in der Achtzigerjahren umgebauten Vigierhofs das Sommerhaus, die andere richtet grosszügige Preise an innovative Jungunternehmer aus. Im Sommerhaus erinnern der Sitzungssaal unter einer Glaspyramide und sein Wagenpark an Bill de Vigier. (ww)
Quellen: «Kunstdenkmäler des Kantons Solothurn. Die Stadt Solothurn II, Profanbauten» von Stefan Blank und Markus Hochstrasse (2008) und «Solothurner Patrizierhäuser von Charles Studer, (1981)

Wo die Bischöfe sitzen

Ausserhalb der Stadttore besitzt die Stadt neben dem Blumenstein auch das Haus von Roll – heute mit Stadtpräsidium, -kanzlei und -bauamt eine kommunale Drehscheibe. Weiter östlich hat sich das Bistum Basel zuerst 1924 im ehemaligen Sommersitz der Familie Grimm eingenistet, um dem Bischof eine würdige Unterkunft zu ermöglichen. Drei Jahre später doppelte das Bistum mit dem Erwerb des Schlosses Steinbrugg nach, wo mittlerweile das dortige Priesterseminar aufgelöst worden ist. Ein anderer Bischof, der Ständerat Pirmin, ist mit seiner Advokatur im Müllerhof eingemietet. Mehrere auch international agierende Firmen sorgen für eine recht intensive Nutzung des ehemaligen Tugginerho-fes. Dessen schlossähnliche Anlage übrigens wie das Sommerhaus Vigier auch beim Schanzenbau hätte abgerissen werden sollen – um ein freies Schussfeld gegen Angreifer zu ermöglichen. Es blieb beim Plan.

Ein Mausoleum der Liebe

Einer der schönsten Landsitze ist wegen seiner Lage das Glutzehübeli. Ein einfacher Bau, kein Türmlihaus, denn die zwei Türmli fassen nur die halbrunde Stützmauer. Schade, dass es nicht mehr wie Anfang des 19. Jahrhunderts ein Restaurant ist – mit einem mit Reben bestücken Südhang könnte das «Château Huebeli» wohl die Topadresse in Soleure sein ...

Bleibt der Aarhof. Kein Leben ist mehr in ihm, trotz zwei Besitzerwechseln seit 2005. Aus Überbauungsplänen wurde nichts. So bleibt das atypische Ein-Turm-Haus ein Mausoleum der Liebe: Im Herbst 2001 gingen die letzten Bewohner und damaligen Besitzer gemeinsam in den Freitod. Den das Liebes- und Ehepaar schon 1927 vereinbart hatte, sollte das Alter eins vom andern trennen.