Mit dem Fallen der Blätter war es jeweils so weit: Besenvals zogen von der Waldegg ins Palais an der Aare, Vigiers an den Kronenplatz, wo heute die Raiffeisenbank steht, die Wallier vom Aarhof an den Friedhofplatz. Die Saison der Sommerhäuser war vorbei. Wobei viele männliche Familienmitglieder ihre kleinen Schlösser selten bis nie sahen – sie hatten am Hof zu Paris oder im Feld Besseres zu tun. Die kleinen Schlösser verdienten ihren Namen wegen einer typischen Solothurner Spezialität: dem Türmli. Daraus wurde das Türmlihaus, und viele Landsitze entsprechen diesem Typus. Der Prototyp heisst denn auch Türmlihaus – es ist das versteckteste aller Sommerhäuser, kaum zu entdecken an der Türmlihausstrasse. Und ist wohl auch deshalb Privateigentum.

Schimmel und Chimäre

Die meisten Sommerhäuser entstanden im 16. und 17. Jahrhundert. Reich geworden, hatten die Solothurner Söldnerführer nur eins im Kopf: Repräsentativ zu wohnen. Als die Patrizier abgedankt hatten, gingen viele Häuser in bürgerlichen Besitz über. Wenige nur wurden abgerissen, doch ihre Schicksale verliefen höchst unterschiedlich. Die schönsten Landsitze hatten mehr Glück. Beispielsweise die Waldegg, vom Kanton zum Museum und Amtssitz restauriert. Wie andere auch besitzt sie eine lange, fast imperiale Allee, auf Stadtboden noch zum Schloss Steinbrugg und zum Königshof hinaufführend. Dieses wohl schönste Gesamtensemble mit Bauernhof steht seit 2013 unter kantonalem Schutz. Das Türmlihaus ist neu in Privatbesitz, die Landwirtschaft beim Kanton geblieben. Draussen auf der Koppel grast ein Schimmel, ein weiterer biegt mit einer jungen Dame auf dem Rücken in die prächtige Allee ein. Der Königshof als Reiterparadies.

Eine Chimäre blieb dagegen das Projekt der dort in den Neunzigerjahren angesiedelten Firma Belland: Sie wollte Plastik erfinden, der durch Wasser aufgelöst werden könnte. Aufgelöst wurde zuletzt nur die Firma.

Wo die Bischöfe sitzen

Ausserhalb der Stadttore besitzt die Stadt neben dem Blumenstein auch das Haus von Roll – heute mit Stadtpräsidium, -kanzlei und -bauamt eine kommunale Drehscheibe. Weiter östlich hat sich das Bistum Basel zuerst 1924 im ehemaligen Sommersitz der Familie Grimm eingenistet, um dem Bischof eine würdige Unterkunft zu ermöglichen. Drei Jahre später doppelte das Bistum mit dem Erwerb des Schlosses Steinbrugg nach, wo mittlerweile das dortige Priesterseminar aufgelöst worden ist. Ein anderer Bischof, der Ständerat Pirmin, ist mit seiner Advokatur im Müllerhof eingemietet. Mehrere auch international agierende Firmen sorgen für eine recht intensive Nutzung des ehemaligen Tugginerho-fes. Dessen schlossähnliche Anlage übrigens wie das Sommerhaus Vigier auch beim Schanzenbau hätte abgerissen werden sollen – um ein freies Schussfeld gegen Angreifer zu ermöglichen. Es blieb beim Plan.

Ein Mausoleum der Liebe

Einer der schönsten Landsitze ist wegen seiner Lage das Glutzehübeli. Ein einfacher Bau, kein Türmlihaus, denn die zwei Türmli fassen nur die halbrunde Stützmauer. Schade, dass es nicht mehr wie Anfang des 19. Jahrhunderts ein Restaurant ist – mit einem mit Reben bestücken Südhang könnte das «Château Huebeli» wohl die Topadresse in Soleure sein ...

Bleibt der Aarhof. Kein Leben ist mehr in ihm, trotz zwei Besitzerwechseln seit 2005. Aus Überbauungsplänen wurde nichts. So bleibt das atypische Ein-Turm-Haus ein Mausoleum der Liebe: Im Herbst 2001 gingen die letzten Bewohner und damaligen Besitzer gemeinsam in den Freitod. Den das Liebes- und Ehepaar schon 1927 vereinbart hatte, sollte das Alter eins vom andern trennen.