Gassenküche
Wenn der Glanz der Festtage längst verblasst ist

Die Gassenküche ist mehr als ein Ort, wo ein warmes Essen hilft, den harten Alltag zu bewältigen. Menschen mit Suchtproblemen finden hier auch ausserhalb der Essenszeit ein Zuhause und Wärme - gerade jetzt, wo es draussen bitterkalt ist.

Katharina Arni-Howald
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Bereichsleiterin Sibylla Motschi weiss um die Nöte der Randständigen zu Weihnachten.

Bereichsleiterin Sibylla Motschi weiss um die Nöte der Randständigen zu Weihnachten.

Hanspeter Bärtschi

«Ich hasse Weihnachten», sagt Leo kurz nach Mittag in der vollbesetzten Gassenküche in der Solothurner Vorstadt. Der Umgangston der Männer an den Tischen ist rau und die Stimmen sind laut. In der modernen Chromstahlküche sind Frauen mit dem Abwasch beschäftigt. Rund 50 Mahlzeiten werden hier täglich zubereitet.

Doch die Gassenküche ist mehr als ein Ort, wo ein warmes Essen hilft, den harten Alltag zu bewältigen. Menschen mit Suchtproblemen finden hier auch ausserhalb der Essenszeit ein Zuhause und Wärme - gerade jetzt, wo es draussen bitterkalt ist. Es ist ein Kommen und Gehen. Man kennt sich und versteht die Probleme der anderen.

Oft Streitereien an Weihnachten

Heiligabend: «Ein geschätzter, friedlicher Anlass»

Dank einer grösseren Institution kann die Gassenküche seit dem Umzug in den ehemaligen Adler jeweils am
24. Dezember eine Weihnachtsfeier mit einem Gratis-Abendessen durchführen. «Der Raum wird festlich dekoriert, und die Teilnehmenden erhalten ein Geschenk», sagt Sibylla Motschi. Es gebe Frauen, die das ganze Jahr hindurch Socken, Mützen und Schals strickten, um den Besuchern eine Freude zu bereiten. Auch mit selbst gemachten Backwaren kann die Gassenküche an Weihnachten rechnen. «Es ist meist ein friedlicher Abend, der geschätzt und genossen wird«, so Motschi. Am 25. und 26. Dezember bleibt die Gassenküche geschlossen. Dasselbe gilt für den Neujahrs- und den Bärzelistag. Offen bleibt die Anlaufstelle nebenan. «Niemand muss an diesen Tagen auf der Strasse stehen», garantiert die Bereichsleiterin. Spenden können auch auf das Postkonto 40-744587-4, Perspektive Region Solothurn, Gassenküche, 4500 Solothurn, überwiesen werden.

«An Weihnachten gab es zu Hause immer Streit. Es wurden Drogen und Alkohol in grossen Mengen konsumiert», sagt Beat. «Oft wurde ich auch vom Vater verprügelt und in den Keller gesperrt.» Beat ist einer jener Randständigen aus gutem Haus, die spüren, dass ihnen das Leben entglitten ist und sich deswegen selbst verachten.
«Wenn meine Mutter nicht wäre, hätte ich mich schon lange umgebracht», fügt Robert bei. Er gehört zu den Glücklichen, die Weihnachten noch in der Familie feiern können. «Die Mutter hat sogar gesagt, ich könne meine Kollegen zum Fest mitbringen.» Seine Augen beginnen zu glänzen und man spürt, wie stolz er auf sie ist. Auch wenn er in der Gesellschaft nicht mehr mithalten kann, gibt es noch Dinge, über die er sich freuen kann.

Schmerzliche Kindheitserinnerung

Das Glitzern in den Augen hat Ivo längst verloren. «Weihnachten ist reine Heuchelei. Sie gaukelt eine heile Welt vor, die es gar nicht gibt», sagt er und bekommt von überall her Zustimmung. «Einmal im Jahr versuchen alle nett zueinander zu sein, und dann schreien sie einander wieder an.» Die Kindheitserinnerungen von Yvo rufen Bitterkeit hervor.

Ein grosses Thema sind die Geschenke. «Ich hatte einen guten Job, verdiente viel Geld und konnte teure Geschenke kaufen. Heute hasse ich es, wenn man mir etwas schenkt, weil ich nichts zurückgeben kann», sagt Lorenz, der in seiner Kapuzenjacke geknickt am Holztisch sitzt. Dieses Gefühl kennen auch seine Kollegen, die aber nicht darüber sprechen möchten. Nur Heini, der einst Zugbegleiter war, sagt fast aus dem Leeren heraus: «Weihnachten ist schwierig, in dieser Zeit gibt es die meisten Schienensuizide.»

Obwohl immer wieder Emotionen durchschimmern, geht es in der Gassenküche an diesem Vorweihnachtstag auch um ganz konkrete Dinge. «Weihnachten ist deshalb Scheisse, weil über die Feiertage alles geschlossen ist und man nirgendwo hingehen kann», sagt Roman stellvertretend für die anderen. Auch er hat den Glauben an den Retter, der an Weihnachten willkommen geheissen wird, längst verloren. Bleibt also die Gassenküche? «So ist es», befindet Roman, dessen Freundin vor kurzem gestorben ist: «Wenn es diesen Ort nicht gäbe, wäre es für mich in diesen Tagen ganz schlimm.»

Wie wichtig die Gassenküche für die Randständigen gerade in dieser Zeit ist, weiss auch Sibylla Motschi. Sie ist Bereichsleiterin der Perspektive und zuständig für die Gassenküche. «In der Weihnachtszeit haben randständige Menschen noch mehr als sonst Geborgenheit und einen Raum nötig, wo sie Kontakte pflegen und eine warme Mahlzeit einnehmen können.» Für viele sei diese Zeit schwierig und sie hätten mehr als sonst das Bedürfnis, sich auszusprechen - wenn da nicht all die unschönen Erinnerungen wären.

Die Namen der Menschen, die wir angetroffen haben, sind geändert.