Es ist das erste Mal überhaupt in mehr als fünfzig Jahren, dass in Eberhards Schaufenstern Rabattschilder prangen. «Mein Mann verzichtete immer darauf, Ausverkauf-Aktionen anzubieten», erinnert sich Tina Eberhard. Die Gleichbehandlung der Kundschaft sei ihm immer am Herzen gelegen. Doch jetzt ist die Situation eine andere: Genau diese Schilder markieren nämlich den endgültigen Ausverkauf im Einrichtungshaus. An Heiligabend schliesst «Eberhard Interieur» seine Pforten. Bereits vor einem Jahr hatte Horst Otto Eberhard die Geschäftsaufgabe angekündigt, «denn wenn man auf die 80 Jahre zugeht, darf man sich Gedanken darüber machen, kürzerzutreten», befand der dazumal rüstige Unternehmer. Am Gespräch mit der Zeitung konnte der kürzlich 80 gewordene Inhaber nun aber altersbedingt nicht mehr teilnehmen. Seine Frau sowie Sohn Reto Eberhard haben für die letzten Betriebstage das Zepter übernommen und lassen die Firmenchronik Revue passieren, während sich die Räume langsam leeren.

Wobei: Bis auf die Rabattschilder deutet wenig auf den Schluss hin. An der Bielstrasse 158 stösst man auf eine Zeitmaschine: Drinnen kommt man an antiken Schreinen vorbei, an Intarsienschränken, Vorhängen, Gobelinstühlen, Biedermeier-Tischen, Gemälden hiesiger Persönlichkeiten, an in Holz gearbeiteten Spieltischen, verwitterten Marienstatuen, goldfarbenen Spiegeln, und man wandelt über alte Perserteppiche. Die antike Pendeluhr in der Ecke steht still. Man würde meinen, in diesem Museum der Wohnkultur liesse sich die Zeit so bremsen. Und doch leert sich die 2000 Quadratmeter grosse Ausstellungsfläche allmählich. «Das Murano-Glas ist bereits alles weg», sagt Tina Eberhard. Einige Trouvaillen gehen schneller über den Ladentisch, andere weniger rasch.

Reich bepflasterte Firmenchronik

Sein Geschäft gründete Horst Otto Eberhard als junger Innendekorateur 1963 an der Wengistrasse 24. «Viel Volk schaute ihm damals beim Matratzennähen über die Schulter», erzählt Tina Eberhard. «Seine fundierte Ausbildung war das hauptsächliche Startkapital.» Später unterhielt er zwei Filialen am Stalden, sowie ein spezielles Antiquitätengeschäft im Roamer-Haus. Mit dem Umzug an die Bielstrasse bezog Eberhard die Räumlichkeiten der vormaligen Schreinerei Füeg und beschäftigte lange Zeit sogar den Intarsienschreiner Visini. Durch zahlreiche Um- und Anbauten wuchs das Möbelhaus an. Rund 50 Lehrlinge bildete Eberhard als diplomierter Meister aus. Ein Nähatelier und eine Polsterei zählten ebenso zum Betrieb wie der Verkauf und die dazugehörige Beratung. Seine Frau steuerte als Schaufensterdekorateurin mit Wissen und Taten ihren Beitrag bei. «Für die grossen schweren Sachen war er immer zuständig, die Accessoires waren mein Ressort», erinnert sich Tina Eberhard lächelnd. Und sogar die Kinder, auch wenn sie nicht beruflich im väterlichen Metier Fuss fassten, halfen oft tatkräftig mit.

Freche Kombinationen

Ganze Wohneinrichtungen haben ihren Ursprung im Möbelhaus. Und die Solothurner Arrangements, die schweizweit Absatz fanden, waren oft unkonventionell, wenn nicht gar frech. «Wer hier einkaufen kam, musste Charakter haben, seiner eigenen Geschmacksrichtung zu folgen», weiss Reto Eberhard. Und so wurde schon mal ein schlichtes Sofa mit einem Barockspiegel kombiniert, oder ein Louis-XI-Tisch mit modernen Lederstühlen. Auch konnte man hier durchaus auch auf ein altes Fauteuil im Leopardenlook stossen. «Der Faktor Spannung ist für meinen Vater immer massgebend gewesen», so Reto Eberhard. Die Kombination von alt und dekorativ, sowie von modern und schlicht war Erfolgsrezept und stetige Herausforderung zugleich. «Und oft erkannten Gäste, wenn einer einen ‹Eberhard› zuhause stehen hat.» Überredet habe er die Kunden aber nie, sondern auf ihre Wünsche reagiert.

Eberhard schien aber nicht nur am Puls des Kunden, sondern auch am Puls des Zeitgeists zu horchen. So spürte er auch die Tendenzen des «IKEA-Einheitsbreis» aufkommen, wie er es selbst nannte, und hielt dagegen. Trotzdem war die Schliessung nicht dem veränderten Geschmackssinn, sondern der Tatsache geschuldet, dass kein Nachfolger fürs Geschäft gefunden wurde. «Nun steht das Gebäude zum Verkauf», informiert Tina Eberhard. Und damit kehrt die Zeitmaschine musealer Faszination wieder in die nüchternen Gegenwart zurück.