Bürgerspital Solothurn
Wenn Begrüssung und Abschied zur gleichen Zeit stattfinden

Der frühe Tod eines Kindes vor, während oder kurz nach der Geburt ist ein traumatisierendes Erlebnis. In der Öffentlichkeit ist er immer noch ein Tabuthema. Das Bürgerspital Solothurn verfügt über ein Konzept, wie Eltern in einer solchen Phase begleitet werden können.

Christian Sutter (Text)und Hanspeter Bärtschi (bilder)
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Sancha Neururer hilft im Bürgerspital Solothurn Eltern, die ihr Kind früh verloren haben.

Sancha Neururer hilft im Bürgerspital Solothurn Eltern, die ihr Kind früh verloren haben.

Hanspeter Baertschi

Sancha Neururer aus Solothurn ist Hebamme und ausgebildete Lebens- und Trauerbegleiterin für den frühen Kindstod. Sie versucht, dem Thema ein Gesicht zu geben und das Tabu zu brechen. Angestellt ist sie in der Frauenklinik des Bürgerspitals Solothurn auf der Wochenbettstation. Teilweise arbeitet sie auch selbstständig und wird von betroffenen Eltern und Spitälern aufgesucht.

Die Ausbildung zur Lebens- und Trauerbegleiterin absolvierte sie 2003 aus eigener Motivation. Neururer erzählt: «Ich merkte, dass mir einfach in Todesfällen das nötige Werkzeug als Hebamme am Wochenbett fehlte.» Sie führt weiter aus, dass es viel zu wenig ausgebildete Fachleute im perinatalen Bereich für Trauerbegleitung gäbe. Dabei sei ein bewusster Trauerprozess für betroffene Eltern immer wichtig, um das Gleichgewicht und die innere Ruhe im eigenen Leben wiederzufinden.

Die Begleitung der Eltern beginnt meistens bereits im Spital und dauert je nach Bedürfnissen in der Regel drei bis vier Monate. Neururer betont die Komplexität eines Trauerprozesses bei den Eltern. Sie redet auch von «verwaisten» Eltern. «Wenn man ein Kind verliert, verliert man die Zukunft», führt sie aus.

Eltern hätten gewisse Vorstellungen darüber, wie das Leben mit dem Kind hätte sein sollen. Sie projizieren auch oft viel in das noch ungeborene Kind und die gemeinsame Zukunft hinein und schmieden Pläne, so Neururer weiter. «Und dann gibt es dieses Kind plötzlich nicht mehr. Dies entspricht in keiner Weise dem biologischen Lebenszyklus, denn Eltern sterben normalerweise vor den Kindern», fügt sie weiter an. Sie vergleicht den frühen Kindstod mit einem Erdbeben. Danach sei auch nichts mehr, wie es vorher einmal war.

Konkret gibt Neururer Inputs zur Gestaltung von Ritualen, die den Trauerprozess fördern. Den Eltern stehen dabei verschiedene Möglichkeiten offen. Es gehe beispielsweise um die Gestaltung eines Sarges. Oft werden Symbole eingesetzt, zwei Herzchen oder Ikonen, wovon ein Symbol im Sarg bleibt und das zweite mit nach Hause genommen wird. Auch Kleidchen werden zur Verfügung gestellt. «Verstorbene Kinder haben die gleichen Rechte wie die Lebenden», betont Neururer.

Ein tragendes Element im Trauerprozess, wie er im Bürgerspital Solothurn durchgeführt wird, kommt dem besonders zur Verfügung gestellten Gedenkbuch zu, in welches Eltern und Verwandte zeichnen oder schreiben können. Es können auch kleine Symbole wie Federn oder Schmetterlinge eingeklebt werden. Gerade Schmetterlinge sind beliebt, weiss Neururer. Sie sind Symbol für eine Wandlung. Die Eltern sieht Neururer im Trauerprozess letztlich immer als die besten Experten für ihre eigenen Bedürfnisse. Jede Familie, jedes verstorbene Kind, jede Familien-Biografie sei individuell. Dieser Tatsache sei durch eine offene Gestaltung des Trauerprozesses ganz bewusst Rechnung zu tragen.

Neururer und das Bürgerspital unterstützen die Betroffenen auch bei der Regelung der anfallenden administrativen Aufgaben. «Administrative Belange können für betroffene Eltern oft eine zusätzliche Belastung bedeuten», erklärt sie.

Die geltenden Gesetze gäben weder Zeit noch den nötigen Raum, um auf seine ganz persönliche Art zu trauern. «Unsere Gesellschaft ist tod-feindlich», moniert Neururer weiter. So sei nicht etwa die persönliche Befindlichkeit im Trauerprozess massgebend für eine Rückkehr an den Arbeitsplatz, sondern alleine die Gesetzeslage oder Vorschriften.

Für SAncha Neururer hat alles im Leben einen Sinn. Im ersten Moment erscheine ein früher Kindstod sicher immer sinnlos, weiss sie, doch sie sagt: «Ein Kind, auch wenn es so früh stirbt, hinterlässt immer eine Botschaft.» Auch wenn der Tod für die betroffenen Eltern letztlich immer völlig sinnlos sei, gelte es für die Eltern, diese Botschaft zu suchen. «Manchmal ist eine Botschaft auch erst nach Jahren erkennbar.»

Angesprochen auf die Frage nach Gott und in solchen Momenten auch nach Zweifeln an dessen Existenz sagt Neururer, dass die Frage nach Gott in der Tat nicht allzu häufig gestellt werde. «Ab und zu aber schon.»