Weltmädchenfussballtag
«Mädchen gehen oft unter im Fussball» – junge Fussballerinnen brauchen Förderung und Vorbilder

Am ersten Weltmädchenfussballtag in Solothurn ist man sich einig: Der Frauenfussball wird präsenter. Der Fokus des Events liegt auf den Nachwuchsspielerinnen: Sie sollen ihre Vorbilder sehen, Träume für ihre Zukunft entwickeln und – am allerwichtigsten – Spass am Spiel haben.

Anja Neuenschwander
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Aus dem Tessin ist Marta Simaz (links) mit ihrer Mannschaft angereist, um gegen die Solothurner am Weltmädchenfussballtag zu spielen. Rechts Sophie Siegenthaler aus Niederbipp.

Aus dem Tessin ist Marta Simaz (links) mit ihrer Mannschaft angereist, um gegen die Solothurner am Weltmädchenfussballtag zu spielen. Rechts Sophie Siegenthaler aus Niederbipp.

Hansjörg Sahli

Sonntagmorgen, Anpfiff auf dem Fussballfeld in Brühl in Solothurn. Die Schlachtrufe der neun Mädchenteams schallen über den Rasen. Von weit her sind sie angereist, einige sogar aus dem Wallis und dem Tessin, um am Weltmädchenfussballtag gegeneinander anzutreten. Jedes der motivierten Mädchenteams wird dabei von einer Profispielerin der AXA Women's Super League unterstützt.

Auf die Beine gestellt haben das Ganze die Regionalfussballverbände von Solothurn und der Nordwestschweiz in Kooperation mit der «Kinderhilfe Embolo Foundation» und «Kenyan Children Help» sowie des Schweizerischen Fussballverbandes.

Am Feldrand steht Kommentator Beni Thurnheer und gibt übers Mikrofon die Finalistenteams bekannt. Er sei hier dabei, weil er gemerkt habe, dass Mädchen genau gleich gerne Fussball spielen wie die Jungs, sagt er gegenüber Tele M1. Daher brauche es gleiche Rechte im Fussball für beide Geschlechter: «Tschutte ist nicht Buebesach», sagt er. «Wenn ein Mädchen Fussball spielen will, dann lasst sie Fussball spielen.»

Tele M1

Und das tun sie: Nach dem Turnier der Mädchenteams liefern sich die Frauenteams des FC Basel und YB ein Showmatch. Unterstützt werden die Profis dabei von Zweitligaspielerinnen, unter anderem vom FC Attiswil, vom SC Blustavia und dem FC Solothurn.

Beim SC Blustavia wurde im Vorfeld ausgelost, wer am Showmatch teilnehmen darf: Die 20-jährige Elin Bogaert hat den FC Basel in der Verteidigung unterstützt, Deborah Stritt spielte für YB. «Der Event ist vor allem für die jungen Spielerinnen wichtig, damit sie sich an den Älteren orientieren können», sagt Bogaert.

Elin Bogaert (links) spielte am Showmatch mit dem FC Basel, Deborah Stritt (rechts) verteidigte für YB. Die Berner gewannen 2:0.

Elin Bogaert (links) spielte am Showmatch mit dem FC Basel, Deborah Stritt (rechts) verteidigte für YB. Die Berner gewannen 2:0.

Hansjörg Sahli

Als sie und Deborah Stritt angefangen hatten zu spielen, habe es noch nicht viele weibliche Vorbilder gegeben. Das habe sie beide aber nicht weiter gestört. Wichtig sei zuerst mal die Leidenschaft, das Geschlecht der Spieler sei da zweitrangig.

Auf dem Platz sähe das aber manchmal etwas anders aus. Vorurteile und Kommentare, weil sie als Mädchen Fussball spielen, gebe es zwar heute fast nicht mehr. «Manchmal merkt man es aber noch im Spiel, wenn der Schiedsrichter fast keine gelben Karten verteilt», sagt Bogaert. Im Kanton Solothurn gebe es bis jetzt nur eine Schiedsrichterin. Die meisten Partien werden also von Männern gepfiffen.

Der Männerfussball sei präsenter, gerade im Fernsehen, meint Stritt. «Der Frauenfussball kommt erst – und es tut sich viel», sagt sie. «Aber es braucht Zeit.» Bogaert fügt an: «Wichtig für die Zukunft ist eine gute Förderung und ein nachhaltiger Aufbau der Juniorinnen.»

Es braucht mehr Frauen in der Fussballwelt

Tatjana Haenni, Verantwortliche Frauenfussball im Schweizer Fussballverband.

Tatjana Haenni, Verantwortliche Frauenfussball im Schweizer Fussballverband.

Hansjörg Sahli

Tatjana Haenni beschäftigt sich mit solcher Zukunftsplanung. Fussball sei ihre Leidenschaft, seit sie denken kann. Sie sei zwar das einzige fussballspielende Mädchen aus der Nachbarschaft gewesen, aber die Jungs hätten sie gut integriert. In der Fussballwelt sah sie nach ihrer Karriere als Spielerin aber keine weiteren Berufsmöglichkeiten. Bis sie von der Uefa ein Jobangebot bekam und so ihr Hobby zum Beruf machen konnte. Mittlerweile ist sie Verantwortliche des Frauenfussballs im Schweizer Fussballverband.

Für sie ist klar: Es braucht mehr Frauen in Führungspositionen im Verband und in der Fussballwelt.

«Mein Ziel ist es, beim SFVB aufhören zu können, und es hat noch zehn andere Frauen.»

Der Frauenfussball werde in der Geschäftsleitung nicht belächelt oder beiseitegeschoben, er sei dort zuvor schlicht kein Thema gewesen. «Daher braucht es Frauen in der Geschäftsleitung, um sich Gehör zu verschaffen und sich dem Frauenfussball anzunehmen», sagt Haenni. Sie plant, eine Frauenfussballkommission zu gründen. Auch die Männer sollen darin ihren Platz haben: «Frauen sollten eine Rolle im Männerfussball spielen und umgekehrt.»

Dazu brauche es eine Frauenfussballstruktur, auch in den einzelnen Klubs. Jeder Klub sollte Mädchenfussballteams haben:

«Mädchen gehen oft unter im Fussball.»

Daher sind Events, die explizit an sie gerichtet sind, ein wichtiges Puzzleteil in der Förderung des Frauenfussballs: «Die Mädchen sollen träumen können und Vorbilder haben.»

«Ich habe das Gefühl, wir stehen kurz vor dem Durchbruch. Der Frauenfussball hat ein riesiges Wachstumspotenzial in der Fussballwelt», bemerkt Haenni. Das werde langsam, aber sicher auch im Verband klar. Seit 2020 sponsert AXA zudem die Women's Super League – «ein Meilenstein», sagt Haenni.

Ein Meilenstein, dem wohl noch viele weitere folgen werden. Für die Fussballbegeisterten in Solothurn geht es am Sonntagnachmittag weiter mit Podiumsdiskussionen, an denen unter anderem Ex-Fussballerin Permi Jhooti mitdiskutiert. Ein Konzert in der Kulturfabrik Kofmehl mit ausschliesslich weiblichen Acts rundet das Event am Abend ab.

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