Solothurn

Welche Auswirkungen hat die Drogenkriminalität im Bahnhofradius?

Vom Drogenhandel direkt betroffen: die Liegenschaften in Bahnhofsnähe.

Vom Drogenhandel direkt betroffen: die Liegenschaften in Bahnhofsnähe.

Mit Unmut und regelmässig beobachten Vorstadt-Bewohner kriminelle Aktivitäten im Umfeld des Hauptbahnhofs der Stadt Solothurn. Doch wie wirkt sich das auf die wirtschaftliche Situation aus? Klar ist, das eine Geschäft vermiest das andere.

«Es dringt davon kaum etwas an die Öffentlichkeit», meint René Mühlheim. Der Hausbesitzer erzählt von Teenagern, die von Dealern Stoff angeboten bekommen, von Rivalitäten, die mit gezücktem Messer ausgefochten werden, und von mit Füssen getretenen Drogenabhängigen. «Nur» Begleiterscheinungen des eigentlichen Problems, nämlich des Drogenumschlags. Und neben dem subjektiven Sicherheitsgefühl macht Mühlheim als Vermieter auch die wirtschaftlichen Folgen der Zustände deutlich.

So liessen ihm langjährige, sonst zufriedene Mieter die Kündigung zukommen. «Einer gab sogar schriftlich diese Umstände in der Vorstadt als Grund an», so Mühlheim. Und: «Eine Neuvermietung ist sehr schwer geworden, trotz sonst bester Lage.» Abgesehen von diesem Negativpunkt habe sich in der Vorstadt alles andere zum Besseren entwickelt. Hier windet Mühlheim dem Verein «ProVorstadt» und Investoren ein Kränzchen: «Sie haben wesentlich zu einem Aufblühen beigetragen.» Zudem rühmt er Fassadenrenovationen, die Hauseigentümer in den letzten Jahren gemacht haben.

Vor ähnliche Probleme sieht sich Liegenschaftsbesitzer Fehmi Ramadani gestellt, der rund 15 Mieter verwaltet: «Zwar wollen viele eine Wohnung, aber wenns um die Vorstadt geht, kriegen sie Angst.» Und so stehen nach einer Mietkündigung die Wohnungen oft eine Zeit lang leer, «während wir noch vor vier Jahren mit der Neuvermietung kaum Probleme gehabt hätten.» Sein aktuelles Vorhaben, am Rossmarktplatz neun weitere Wohnungen zu realisieren, wägt Ramadani deshalb im Moment noch sehr vorsichtig ab: «Was ist, wenn sie dann einfach leer bleiben?»

Verluste über Verluste

Keinen Gefallen getan hat sich Hausbesitzer Stefan Andres mit der Vermietung eines Kioskladens an der Dornacherstrasse 39: Vor dem und im Geschäft tummeln sich nach seiner Beobachtung oft zahlreiche Leute aus dem Kreis des Drogenhandels: «Vom öffentlichen Grund bringe ich sie ja nicht weg.» Er schliesst auch nicht aus, dass im angegliederten Internetcafé ein Drogenumschlag stattfindet. Nach rechtlichen Hürden konnte Andres dem Betreiber, dessen Kiosk zum Magnet für Dealer geworden ist, nun kündigen, «dennoch darf er bis Ende Februar bleiben. Ich fahre also ohnehin Verluste ein.»

Auch er stellt zudem eines fest – was sich in Mietkündigungen und leer bleibenden Wohnungen niederschlage: «Die Leute haben Angst, vor allem die Frauen.» Dies sei insbesondere in der Nacht der Fall. Und gegen die Dealer habe die Polizei das Nachsehen. «Die Drogenhändler stehen an jeder Strassenkreuzung auf Sichtkontakt und haben Mobiltelefone. So können sie sich vor Patrouillen gegenseitig warnen.» Entschärft würde das Problem, wenn die Kantonspolizei neben der zuständigen Stadtpolizei stärker eingebunden würde.

Auch Hannes Sperisen, ebenfalls Liegenschaftsbesitzer, wünscht sich mehr Kontrollen und Einsatzkräfte seitens Polizei: «Das vorrangige Problem besteht für mich aber nicht in finanziellen Einbussen», so Sperisen, der ein Büro an der Dornacherstrasse 41 betreibt: «Die Lebensqualität hat einfach in den letzten 20 Jahren auf katastrophale Weise abgenommen. Und wenn man Kinder hat, muss man sie fast überall hin begleiten.»

«Das Rumlungern wird als bedrohlich empfunden, Frauen werden ‹angemacht›», beschreibt Walter Im Obersteg, Hotelier des «Ambassador». Auch betriebliche Konsequenzen beklagt er: «Die Passanten gehen schnell durch die Bahnhofstrasse in die Altstadt rüber. Wir haben unter anderem wegen dieser Zustände den Barbetrieb massiv eingeschränkt.»

«Man hat sich daran gewöhnt»

Hans-Ueli Kneubühler, der an der Hauptbahnhofstrasse ein Modegeschäft führt, relativiert die Situation: «Die gegenwärtige Lage herrscht bei uns schon länger. Nur haben die Leute im Quartier gelernt, damit zu leben.» Lediglich bei den mutmasslichen Drogendealern fällt ihm eine Verschiebung von Osteuropäern zu heute mehrheitlich Afrikanern auf. Insbesondere in den letzten Monaten stellte Kneubühler zudem eine Verlagerung der Szene Richtung Aare fest.

Er beobachtet zwar auch, dass es Kunden und Mitarbeiter nach Einbruch der Dunkelheit mit der Angst zu tun bekommen – gerade, wenn sie allein unterwegs sind. «Das schafft ein Negativimage für die Bahnhofsgegend. Aber dass deswegen der Geschäftserfolg der Läden leidet, denke ich nicht.» Gleichwohl wendet er ein, dass allein 2012 drei Diebstähle resp. Einbrüche auf sein Geschäft verübt wurden. «Mittlerweile stellen wir auch die Kleiderständer nicht mehr hinaus. Dort wurden oft Kleider entwendet. Den flüchtigen Dieb konnten wir dabei nicht fassen.»

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