Stadtbummel

«Weissheiten» – oder wie uns die Eiszeit abhanden kam

Frozen Solothurn: die Aaregfrörni von 1929.

Frozen Solothurn: die Aaregfrörni von 1929.

Eiszeit. Die ist noch gar nicht so lange her. Vor schlappen 18 900 Jährchen hatte der Rhonegletscher seine Maximalausdehnung bis Wangen an der Aare erreicht. Und über Solothurn lag meterdick Eis. Erst vor gut 11 000 Jahren waren wir das Eis definitiv los. Nächstes Jahr feiert Solothurn 2000 Jährchen. Also an sich ist die letzte Klimakatastrophe noch gar nicht so lange her. Ein letztes Aufbäumen der Eiszeit hatten wir sogar erst 1929. Da war die Aare radibutz zugeforen. Und am Fasnachtsdienstag gabs nach dem Umzug 18 Grad – minus. Das haben sich die Solothurner Fasnächtler gemerkt. Und wollen nicht schon ab dem 11. 11. den Winter vertreiben. Dann fängt dieser nämlich erst an. Siehe Göiferlätsch zuletzt. In den achtziger Jahren fand ein schwedischer Modeladen den 11. 11. geil für seine Geschäftseröffnung. Und engagierte eine Gugge. Niemand ging hin – Eiszeit in Solothurn.

Eis war sicher noch bis in die siebziger Jahre: Im Dezember warteten wir nur noch darauf, dass bald die Hockey-Saison auf dem Bäucher Weiher begann. Ein jüngerer Bruder brach einmal in der Uferzone durchs Eis ein. Wir schickten den klatschnassen Kerl auf dem Velo heim in die Weststadt. Und spielten weiter. Handys hatten wir damals keine. Wir gingen davon aus, dass er es nach Hause geschafft hatte. Das war eben noch Eiszeit.

Eisige Zeiten. Man stelle sich vor, das Bipperlisi wäre vor 11 000 Jahren Richtung Bipp gefahren. Das Gleis rausgefräst aus meterdickem Rhonegletscher-Eis. Ein regelrechter
Glacier-Express. Und kein Mensch wäre damals auf die Idee für ein zweites «Gl-Eis» gekommen. Im Jahrhundertwinter 1962/62 brauchte das Bipperlisi einen Pflug, um voranzukommen. Monatelang lag Schnee, morgens wars meist zweistellig minus. Die Mutter schickte mich trotz knappem Haushaltungsgeld auf den Bus. Damit ich nicht zwischen der Weststadt und dem «Hemmli» irgendwo anfriere. Wär auch halb so wild gewesen. Die Kesb gabs damals noch nicht. Dafür die kleine Eiszeit.

Eisern freute ich mich als Bub auf den ersten Schnee. Sinnend am Estrichfenster ob der St. Urbangasse, fasziniert, wie Flocke um Flocke das Dächermeer der Stadt weiss einfärbte. Das erste Schlittelabenteuer am «Högerli» bei der Reformierten Stadtkirche, die erste Ski-Abfahrt ohne Sturz am «Bördli» beim Weststadtschulhaus. Oben die Schneeballschlachten rund unsere weisse Burg, die wochenlang dem Tauwetter trotzte. Oder die weissen, dicken Schneewürste rund um die Wäscheleinen über dem Chüngeligraben. Der Sonntagsausflug nach Oberdorf, von wo wir mit den Ski auf der Hauptstrasse in die Weststadt zurück bretterten. Und so weiter und so fort.

Schnee von gestern. Immerhin: Am Sonntag könnte es flöckeln. Die Muotathaler sagen uns gar weisse Weihnachten voraus. Die Plagörine! Grüne Ostern wäre uns lieber. Aber auch dann legen die Wetterschmöcker öfters ihre Eier – und nicht der Hase. Denn der weiss von nichts.

Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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