In Nachthemd und Schlafmütze sitzt der barfüssige Ebenezer Scrooge auf seinem Bett, löffelt Haferschleim und wettert über den grössten Humbug der menschlichen Spezies: Weihnachten. Es ist ein trauriges Bild der Einsamkeit und der absoluten Verbitterung, wie sich der alte Scrooge an Heiligabend so sehr über das grosse Fest der Liebe ereifert, dass er Mühe hat, seinen Brei hinunterzuwürgen.

Obwohl es fast 175 Jahre her ist, dass Charles Dickens, inspiriert von den schlechten Lebensverhältnissen der damaligen Zeit, die gesellschaftskritische Weihnachtgeschichte «A Christmas Carol» verfasste, hat diese seither nichts an Bedeutung eingebüsst. Die Entwicklung des kaltherzigen und geldgierigen Ebenezer Scrooge zu einem liebenswürdigen Menschen will zeigen, dass es – mit genügend Einsicht – nie zu spät für eine Veränderung zum Guten ist. Bei Scrooge kommt diese Einsicht allerdings nicht von ganz alleine: In der Nacht auf Weihnachten erscheint ihm sein verstorbener Geschäftspartner Jacob Marly.

Dieser kommt direkt aus der Hölle, um Scrooge mit rasselnden Ketten zu warnen: «Bereue, oder es ergeht dir wie mir!» Tatsächlich ist Marly aber nur der erste von vier Geistern, die den gefühlskalten Scrooge in dieser unheimlichen Weihnachtsnacht heimsuchen. Der Geist der vergangenen, der jetzigen und der zukünftigen Weihnachten nehmen den Weihnachtshasser mit auf verschiedene Zeitreisen, um ihn in puncto Menschlichkeit eines Besseren zu belehren und ihm aufzuzeigen, was im Leben wirklich zählt. Spoiler-Warnung: Geld ist es nicht.

Komik, Trauer, echtes Grauen

Mit unglaublicher Schauspielkunst versetzt Jörg Seyer als Ebenezer Scrooge die Zuschauer in die Haut des miesepetrigen Geizkragens und kann dabei auf seine trockene Art für den einen oder anderen Lacher sorgen. Die sieben anderen Schauspieler, unter denen der Jüngste gerade mal elf Jahre alt ist, mimen während des 90-minütigen Stückes mehrere Charakteren.
Dabei wechseln sich Komik, Trauer und hin und wieder echtes Grauen im Turnus ab und lösen dadurch eine Vielfalt von Gefühlen aus.

Obwohl sich Patrick Barlows Adaption von «A Christmas Carol» sowohl an Erwachsene als auch Kinder ab acht Jahren richtet, beschwören einzelne Szenen, wie der Auftritt des in schwarze Tücher gehüllten Geist der zukünftigen Weihnachten, doch eine sehr gespenstige Atmosphäre hinauf, welche durch den Einsatz von skurriler Musik noch verstärkt wird. Doch das vorwiegend aus Erwachsenen bestehende Publikum stören diese einzelnen düsteren Elementen nicht im Geringsten, da diese einen schönen Kontrast zu den heiteren Sequenzen mit dem nur so von Leben sprühenden Geist der jetzigen Weihnachten, gespielt von Atina Tabé, bilden. Der schier nicht enden wollende Applaus am Schluss ist Zeugnis genug, dass das Theaterstück «A Christmas Carol» eine zwar etwas andere, aber umso sehenswertere Weihnachtsgeschichte ist.