Ivo Bracher
Wasserstadt Solothurn - Projekt, Traum oder Vision?

Ivo Bracher will ein Klein-Venedig auf dem ehemaligen Solothurner Stadtmist bauen. Die entscheidenden Würfel fallen bald und Investor Bracher bringt sein Projekt in Position. Doch viele Fragen sind noch offen.

Lucien Fluri
Drucken
Teilen
Ein Paradebeispiel, wie unterschiedlich unternehmerische und politische Prozesse funktionieren: Ivo Bracher – hier hinter einem früheren Wasserstadtmodell – treibt seit zehn Jahren das Projekt voran.Archiv Hanspeter Bärtschi

Ein Paradebeispiel, wie unterschiedlich unternehmerische und politische Prozesse funktionieren: Ivo Bracher – hier hinter einem früheren Wasserstadtmodell – treibt seit zehn Jahren das Projekt voran.Archiv Hanspeter Bärtschi

Demokratie kann langsam sein. Sehr langsam sogar. Der Solothurner Unternehmer Ivo Bracher sitzt jetzt bald eine Stunde auf den Zuschauerreihen im Solothurner Gemeinderat. Er war pünktlich da, doch die 30 Gemeinderäte lassen ihn warten und warten. Sie diskutieren über die 100 unterschiedlichen Strassenleuchten in der Stadt. Sie diskutieren über die Öffnungszeiten der Stadtverwaltung. Sie leben Demokratie und ringen um kleinste Details des alltäglichen Zusammenlebens. Für grosse Würfe ist da gerade keine Zeit.

Dann endlich darf Ivo Bracher vor das Pult des Stadtpräsidenten treten und sprechen. Der 2-Meter-Mann überragt alle im Raum. Und er hat Grosses vor. Im Westen Solothurns will er für über 600 Mio. Franken ein Klein-Venedig mit rund 660 Wohneinheiten bauen; eine einzigartige Wasserlagune. Auf Land, das heute noch nicht eingezont ist.

Bracher könnte für Solothurn zu einer Art «reicher Onkel aus Amerika» werden. Er verspricht der Stadt, ihren Giftmüll in Geld umzuwandeln. Dutzende Millionen müsste die Stadt schlimmstenfalls für die Stadtmist-Sanierung bezahlen. Doch genau dort, wo heute der Stadtmist liegt, will Bracher seine künstliche Aareschlaufe bauen und damit so viele steuerkräftige Zuzüger anlocken, dass nicht nur der Stadtmist saniert ist. Stadt und Kanton sollen zudem bis zu 300 Mio. Franken neue Steuereinnahmen in den nächsten 40 Jahren erhalten.

40

Prozent der federführenden «wasserstadtsolothurn AG» gehören der Bonainvest AG, deren Geschäftsführer Ivo Bracher ist. Zu ihren Aktionären wiederum gehören die Pensionskassen von Migros und Coop. Bracher widersprach im Solothurner Gemeinderat dem Vorwurf, er wolle Gewinn machen. Das Land bei der Wasserstadt gehöre nicht ihm. Stadt und Kanton würden den Verkaufserlös erhalten.

An der Wasserstadt AG sind auch die AEK, Bracher und Partner, BSB Ingenieure, dosima Holding AG, Wyss A. Holding, die Familie Hürlimann, die Regio Energie Solothurn sowie die Firmen Saudan, Sterki Bau und Marti AG beteiligt.

Das behauptet zumindest eine Wertschöpfungsstudie, die Bracher den Gemeinderäten mitgebracht hat. Die Stadt könne die Steuern dann um drei Prozent senken, sagt Bracher. Ohne Wasserstadt würde der Steuerfuss wegen der Sanierung um sieben Prozent in die Höhe schnellen. Der Clou: Über 700 Interessenten seien schon vorhanden, so Bracher. Die Finanzierung der ersten Etappe sei praktisch sicher. «Ich bürge mit meinem Namen. Ich habe noch kein Projekt gebaut, das nicht finanziert war.»

Muss überhaupt saniert werden?

«Das ist Flughöhe 10 000 Meter», wird eine kritische Stimme später sagen. «Aus dieser Distanz sieht alles fantastisch aus.» Je genauer das Projekt unter der Lupe ist, umso mehr Stolpersteine gibt es. Stolpersteine, die Bracher nicht anspricht. Was ist zum Beispiel, wenn es eine Wirtschaftskrise gibt: Kommen dann die Steuerzahler? Und wie verlässlich sind Brachers Zahlen? Es sind nur Schätzungen. Bracher rechnet mit 80 bis 200 Mio. Franken Sanierungskosten. Doch diese Zahlen sind Jahre alt. Definitive Zahlen gibt es noch nicht.

Vor allem aber ist derzeit die alles entscheidende Frage offen: Muss der Stadtmist überhaupt totalsaniert werden oder reicht eine Teilsanierung? Das weiss man trotz jahrelangen Abklärungen noch immer nicht. Die Arbeiten verzögern sich seit Jahren. Noch vor wenigen Wochen wollte das Amt für Umwelt die Entscheide im Februar 2015 veröffentlichen. Inzwischen wird es April.

Knacknuss Raumplanung

Brachers Traum könnte zerplatzen, falls nur eine Teilsanierung nötig ist. Dann nämlich würden die Bundesbeiträge fehlen. Die Stadt müsste die für die Wasserstadt nötige Totalsanierung auf eigene Kosten – oder mithilfe des Kantons – stemmen, um die Umweltsünde für immer zu beseitigen. Stimmen für eine Totalsanierung um jeden Preis gibt es bereits, «um das Problem ein für alle Mal zu lösen»: «Die FDP wünscht eine Gesamtsanierung», sagt Gemeinderat Beat Käch jetzt schon. «Was wollen wir unseren Enkeln hinterlassen?», fragt Ivo Bracher.

Der Idealfall wäre aus Sicht der Wasserstadt-Initianten, wenn eine Totalsanierung des Stadtmistes nötig wäre: Die Stadt müsste Millionen zahlen. Sie wäre wohl auf Bracher angewiesen, «wenn wir nicht Millionen aufwenden wollen, um danach eine sanierte Kuhweide zu haben», wie es ein Gemeinderat sagt.

Es gibt noch weitere grosse Stolpersteine, von denen Bracher nicht spricht: Bevor je Land für die Wasserstadt eingezont werden könnte, muss der kantonale Richtplan erst noch vom Bund genehmigt werden. Vor Ende 2016 dürfte das nicht der Fall sein. Und Beschwerden könnten den Entscheid noch weiter hinauszögern.

Es sind Gegensätze, die aufeinanderprallen: auf der einen Seite der Immobilienprofi Bracher, der schnelle und klare Entscheide gewohnt ist. 200 Mio. Franken verbaut er jährlich mit seiner Bonainvest, an der die Pensionskassen von Coop und Migros mit hohen Millionenbeträgen beteiligt sind. Zehn Jahre plant er bei der Wasserstadt jetzt schon, zehn Jahre, in denen er in Biel auf dem Stadtmist mehrere hundert Wohnungen gebaut hat. Und Bracher braucht noch einen langen Atem, wenn man auf die bevorstehenden Hürden schaut.

«Mehr Fragen als Antworten»

Auf der anderen Seite steht Bernard Staub, Chef des Amtes für Raumplanung. «Es gibt im Moment mehr Fragen als Antworten», sagt er und verweist darauf, dass die Wasserstadt im Richtplanentwurf als «Zwischenergebnis» aufgeführt ist. Für eine «Festsetzung» sind die Voraussetzungen noch nicht erfüllt. Konkret heisst das: Die Hürden für eine Einzonung sind hoch. Der Solothurner Gemeinderat müsste dem Projekt zustimmen und die Gemeindeversammlung müsste das räumliche Leitbild abändern; die öV-Erschliessung müsste geplant werden und es bräuchte eine Extralösung für den Teil der Wasserstadt, der in der Witi-Schutzzone liegt. Überall lägen da für Verbände und Politik Möglichkeiten von Einsprachen, Beschwerden und Hürden. «Schauen Sie den Widerstand gegen die Flughafenerweiterung in der Witi-Zone an», sagt Staub nur.

Nicht weniger hürdenreich ist der Passus des neuen Raumplanungsgesetzes, der für Neueinzonungen Kompensationen – also anderweitige Auszonungen – vorschreibt. Zwar plant der Kanton im Richtplanentwurf Ausnahmen für «dringliche Projekte von übergeordnetem Interesse». Dass die Wasserstadt ein Ausnahmefall sein könnte, bezweifelt Amtschef Bernard Staub aber zumindest aus fachlicher Sicht. Doch eigentlich will er auf diese Frage aufgrund der unklaren und offenen Ausgangslage vorläufig keine abschliessende Antwort geben. «Das ist auch eine höchst politische Frage, die die Politik entscheidet», sagt er.

Und Landkompensationen in der Stadt? Da bliebe nur das Entwicklungsprojekt Weitblick. Stadtpräsident Kurt Fluri kann sich das «nur schon von den Grössenverhältnissen her nicht vorstellen. Die Wasserstadt braucht 17 Hektaren Land, zumeist Wohnzone. Der Weitblick hat 4,8 Hektaren Wohnzone, die zum Teil schon nächstes Jahr auf den Markt kommen sollen und 7,6 Hektaren Arbeitszone.

Projekt, Traum, Vision?

Pistenverlängerung in Grenchen, Gondelbahn, Windräder auf dem Berg. Im Vergleich zur Wasserstadt sind das fast schon planerische Peanuts. Und sie alle kämpfen oder kämpften gegen Widerstand.

Ivo Bracher scheint sich durch all diese Einwände und das langsame Mahlen demokratischer Mühlen nicht beeindrucken zu lassen. Er zeigt den Gemeinderäten eine Folie: «2017 Deponie entsorgt und Infrastruktur gebaut», steht darauf, – eine Jahreszahl, die wohl kein Planungsexperte unterschreiben würde. Bracher dagegen wischt die Bedenken weg, erweckt den Eindruck, morgen könne alles losgehen. Wenn man will, dann ist dieses Projekt schnell möglich, scheint sein Motto.

Lebt dieser Ivo Bracher hier einen Traum, der an den Hürden von Demokratie und Bürokratie scheitern wird? Hat er sich verrannt und will sich nicht eingestehen, welche Hürden Raumplanung, Demokratie und Bürokratie sein können?

Oder ist er ein Visionär? Hat er einfach eine grosse Portion des vielen fehlenden Mutes, um überhaupt noch ein visionäres Projekt gegen alle Hürden durchzuboxen? Das sind Fragen, die Bracher aufwirft, wo er auftritt. Vielleicht irritiert auch einfach die Vehemenz, mit der sich ein Privatmann um die Sanierung einer Abfalldeponie, die Stadt und Staat erledigen müssen, zu seinem eigenen Projekt macht.

Wer sich in wilder Fantasie panisch ausmale, dass es überall Stau, Unfälle und Pannen gebe, werde nie in ein Auto steigen und nach Zürich fahren, sagt Bracher und versichert. «Die Wasserstadt ist kein Wolkenkuckucksheim. Wenn sie nicht machbar wäre, würde ich nicht daran glauben.»

Im Solothurner Gemeinderat blieb es am Dienstagabend ziemlich ruhig zum Projekt. Noch scheinen sich viele dahinter zu verstecken, dass der Sanierungsentscheid erst nächstes Jahr fällt. Spätestens aber im April dann wird die Politik Farbe bekennen müssen. Kein Wunder, lobbyiert Bracher jetzt schon vor dem Gemeinderat. Dieser hielt übrigens nichts davon, kundenfreundlichere Öffnungszeiten bei der Stadtverwaltung einzuführen.

Aktuelle Nachrichten