Interview
Wasserstadt-Initiant: «Man ist daran, eine grosse Chance zu vergeben»

Ivo Bracher ist «not amused» über das Rechtsgutachten zum Projekt Wasserstadt, das am Donnerstagnachmittag vorgestellt wurde.

Wolfgang Wagmann
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Wasserstadt-Promoter Ivo Bracher fühlt sich übergangen.

Wasserstadt-Promoter Ivo Bracher fühlt sich übergangen.

Wolfgang Wagmann

Ivo Bracher, wann haben Sie von dem raumplanerischen Gutachten erfahren?

Ivo Bracher: Am Vortag der Präsentation habe ich es um 22 Uhr erstmals in den Händen gehabt und rasch durchgesehen. Kurzfristig war alleine der Delegierte des Verwaltungsrates der Wasserstadt AG, Markus Graf, vor zwei Tagen zu einer Sitzung des Wasserstadt - Lenkungsausschusses anderntags auf 14 Uhr aufgeboten worden. Grund: Besprechung des Gutachtens. Die sonst üblichen Teilnehmer, der Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident wurden nicht eingeladen. Mit Erstaunen habe ich dann vernommen, dass eine Medienkonferenz am gleichen Tag um 15 Uhr anberaumt sei. Mit Erstaunen deshalb, weil das Gutachten schon seit dem 23. Dezember bei den Auftraggebern liegt.

Wie erklären Sie sich dieses Verhalten?

Ich nehme an, gewisse Leute in der Stadt haben Angst, das Projekt Weitblick werde mit der Wasserstadt gefährdet und konkurrenziert. Dies ist aber klar nicht der Fall: Es gibt da zwei Überlegungen. Alle grösseren Gemeinden im Kanton haben Gewerbe- und Wohnzonen ausgeschieden. Durch die Ansiedlung von Biogen haben wir fünf bis zehn Jahre lang keine Steuereinnahmen. Die haben wir nur mit der Ansiedlung von Einwohnern. «Weitblick» und die Wasserstadt weisen gemeinsam ein Riesenpotenzial auf, Firmen wie beispielsweise Google anzuziehen. Wir haben 750 Interessenten für Wohnraum in der Wasserstadt, 30 haben sogar angezahlt. Sich vorzustellen, dass die Raumplanung dies verunmöglicht, macht für mich keinen Sinn.

Und die zweite Überlegung?

Wenn der Stadtmist völlig saniert wird, kostet das 80 bis 300 Millionen. Davon zahlt der Bund maximal 40 Prozent. Die Stadt und der Kanton stehen klar unter wirtschaftlichem Druck, denn sie zahlen die restlichen 60 Prozent. Ohne die Wertschöpfung durch die Wasserstadt dürften bei der Annahme von mittleren Sanierungskosten die Steuern in der Stadt auf zehn Jahre hinaus um sieben Punkte ansteigen. Mit der Wasserstadt würde der Steuerfuss nicht nur auf dem heutigen Stand bleiben sondern mittelfristig gar sinken.

Aber laut Gutachten dürfen keine finanziellen Überlegungen für eine Kompensations-Umzonung geltend gemacht werden.

Wenn wir hätten mitarbeiten können, wären die Fragen anders gestellt worden. Dürfen Stadt und Kanton – wenn eine kompensationsfreie Einzonung nicht möglich ist – einzonen, indem beispielsweise die Hälfte des Weitblick-Areals vielleicht auch nur vorübergehend zur Verfügung gestellt wird? Markus Graf hat die Idee der Kompensation mit Grundstücken des Areals Attisholz Nord eingebracht. Die Wasserstadt/der Kanton könnten dieses Areal zum Beispiel als Kompensationsfläche abkaufen. Warum soll man in diesem schlecht erschlossenen, abseits liegenden und sonnenarmen Gebiet investieren? Der Wohnraum Wasserstadt ist raumplannerisch viel sinnvoller!

Auch der geplante Aarebogen dürfte laut Gutachten aufgrund des Gewässerschutzgesetzes nicht gebaut werden.

Ich bin lange genug Jurist, um zu wissen, dass es fast für alles Lösungen gibt. So können auch Ausnahmen bewilligt werden. Diese sieht auch das Gesetz klar vor.

Sie haben in Sachen Einzonung des Wasserstadt-Areals stets aufs Tempo gedrückt.

Ja, wir haben Tempo gemacht. Zont jetzt ein, dann haben wir die Sanierungskosten im Trockenen! Wenn die Stadt vor vier, fünf Jahren wie von uns verlangt aktiv geworden wäre, wäre diese Diskussion jetzt nicht nötig. Das Wasserstadt-Gebiet wäre heute locker eingezont. Jetzt bleibt als letzte Chance nur noch eine Kompensations-Einzonung.

Hängen sie das schöne Bild von der fertig gebauten Wasserstadt jetzt ab?

(Ivo Bracher blickt kurz hinter sich an die Wand): Wir werden erst einmal die Studie ganz genau analysieren. Dann werden wir die politischen Gremien kontaktieren, die bisher hinter dem Projekt gestanden sind. Entweder nutzen wir die Chance oder lassen es bleiben. Letztlich ist das Ganze ein politischer Entscheid. (Hält inne und zitiert nochmals die befürchtete Steuererhöhung von 7 Prozent). Nein, das ist nicht sehr motivierend.

Sie haben zehn Jahre an dem Projekt gearbeitet, und sind jetzt 58. Wollen Sie sich überhaupt noch für diese Vision einsetzen?

Es ist ja interessant, dass sich ein Mann wie Markus Graf nach seiner Pensionierung nun für die Wasserstadt engagiert hat, weil er sie auch für die beste Idee hält.

Fühlen Sie sich brüskiert?

Nun, man ist daran, eine grosse Chance zu vergeben. Die Wasserstadt AG hat jetzt 2,5 Millionen Franken in Cash und eine Million Vorleistungen auf Null abgeschrieben. Die Aktionäre wären bereit, sich weiter für das Projekt einzusetzen. Aber die Art und Weise, wie das Gutachten erstellt worden ist, zeigt, dass gewisse Kreise nicht das Interesse haben, etwas für die Attraktivierung von Stadt und Region zu tun. Aber wir werden das Thema Kompensationsfläche nochmals genau unter die Lupe nehmen.