Stadtgeschichte

Was tat sich in Solothurn in den letzten 200 Jahren?

Verena Bider, Direktorin der Zentralbibliothek, und Erich Weber, Konservator des Museums Blumenstein, sind für die Umsetzung der Jubiläumsschrift verantwortlich. Hanspeter Bärtschi

Verena Bider, Direktorin der Zentralbibliothek, und Erich Weber, Konservator des Museums Blumenstein, sind für die Umsetzung der Jubiläumsschrift verantwortlich. Hanspeter Bärtschi

Das anspruchsvolle Projekt einer Jubiläumsschrift zum 2000-jährigen Bestehen der Stadt Solothurn liegt in profunden Händen.

2020 feiert die Stadt Solothurn ihr 2000-jähriges Bestehen. Neben den noch zu planenden Feierlichkeiten und Festivitäten soll im Auftrag der Stadt Ende 2019 auch eine Jubiläumsschrift erscheinen. Es handelt sich dabei um ein Forschungsprojekt, an dem sich neun erfahrene Historiker beteiligen.

Der Fokus liegt auf dem 19. und 20. Jahrhundert. Thematisiert werden in acht Themenblöcken unter anderem die Stadtentwicklung und Aufgabenteilung zwischen Staat und Stadt, die Organisation der politischen Behörden, die demografische Entwicklung und soziale Struktur der Bevölkerung, die Entfaltung von Handel, Gewerbe, Industrie und Dienstleistungen und der Werdegang der verschiedenen Religionsgemeinschaften. Ferner sollen auch das Schulwesen sowie das Verhältnis der Geschlechter im Bildungswesen und die Entstehung und Entwicklung des Kulturlebens durch Gesellschaften und Vereine beleuchtet werden. Auch vor heiklen Themen wie Vormundschaften, Prostitution und Drogen werden die ausgewählten Historiker nicht Halt machen.

Wert gelegt wird auf einen gut lesbaren Lauftext sowie statistische Informationen und Bildquellen. Die einzelnen Fachhistoriker – unter ihnen leider keine Frau – werden gemäss dem Konzept den Detailinhalt der einzelnen Kapitel selbst gewichten. Klar ist bereits jetzt, dass alle Themen dargestellt werden sollen, aber nicht alle gleich breit abgehandelt werden können. Eingeplant sind eingeschobene Kästchen, die an ausgewählte Subautoren vergeben werden.

Gegen eine halbe Million Kosten

Die Leitung des Projekts übernimmt die Direktorin der Zentralbibliothek, Verena Bider. Die stadthistorische Begleitung liegt in den Händen von Erich Weber, Leiter des Historischen Museums Blumenstein. Dank der grossen Erfahrung der Zentralbibliothek mit Forschungs- und Publikationsprojekten ist gewährleistet, dass das Vorhaben erfolgreich abgewickelt werden kann. Quellen finden die Autoren im professionell aufgebauten neuen Stadtarchiv, das heisst dem Behördenarchiv der Stadtverwaltung, dem Bürgerarchiv und dem Staatsarchiv.

Die Kosten für die 380-seitige Schrift im A-4-Format sind mit rund 480 000 Franken brutto veranschlagt. Verena Bider ist zuversichtlich, dass sich etliche Unternehmen und Stiftungen an den auf die Jahre 2018 und 2019 verteilten Kosten beteiligen werden.

1798 kein Ende, sondern Beginn

Weshalb aber wird die Stadtgeschichte in der Jubiläumsschrift bloss auf das 19. und 20. Jahrhundert beschränkt? Dazu der Historiker Erich Weber: «Wir wollen aufzeigen, dass die Geschichte unserer Stadt nicht, wie es oft den Anschein erweckt, 1798 mit dem Einmarsch der Franzosen endet. Ganz im Gegenteil, alle unsere Institutionen, Behörden, Körperschaften, Gewerbe- und Industriebetriebe sowie das ganze Kulturleben und unser Brauchtum wurzeln im 19. und 20. Jahrhundert. Sie prägen unser heutiges Leben als Einwohner und machen die Stadt lebenswert.» Mit den Strukturen des Ancien Régime vor 1798 verbinde die Stadt, abgesehen von den markanten Baudenkmälern eigentlich nichts mehr, resümiert Erich Weber. «Wenn wir die Wurzeln des heutigen Lebens in der Stadt verstehen wollen, müssen wir uns nicht in erster Linie mit Römern, Heiligen, Patriziern, Söldnern und Ambassadoren beschäftigen, sondern mit den heutigen Strukturen und Bräuchen.»

Forschungslücke schliessen

Weber und Bider sind sich einig, dass bis jetzt niemand den Willen oder die Zeit hatte, sich systematisch mit der Stadtgeschichte der vergangenen 200 Jahre zu befassen, was dazu geführt hat, dass diese kaum aufgearbeitet ist. «Es gibt sehr viele gute, auch ältere Publikationen zu Einzelthemen und einzelnen Epochen, aber es ist nichts Zusammenfassendes verfügbar», bedauert Verena Bider. «Das Projekt möchte diese Forschungslücke mit Einbezug der professionell erschlossenen Quellen des analogen und digitalen Langzeitarchivs der Stadt schliessen.» Deshalb soll sich die Jubiläumsschrift an alle richten, die den heutigen Strukturen auf den Grund gehen wollen. Sie soll Lesebuch und Nachschlagewerk in einem sein.

Einen weiteren Vorteil der Erforschung dieser Epoche in der heutigen Zeit sieht die Direktorin der Zentralbibliothek auch in der Aktualität: «Es gibt noch Zeitzeugen, die sich an die letzten drei Generationen erinnern können.» Damit seien ein grosses Interesse und eine Bereitschaft zur Mithilfe der Bevölkerung garantiert, hofft Verena Bider.

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