Was macht die Identität der Stadt Solothurn aus? Wie gestaltet sich ihre Innenentwicklung? Rund 90 Interessierte, darunter etliche Architekten, verfolgten diese weitere Gesprächsrunde zur Ortsplanungsrevision in der Säulenhalle. «Die Bürger haben das Gefühl, sie könnten nicht mehr bauen», ging Andrea Lenggenhager, Leiterin des Stadtbauamts, nach ihrer grundsätzlichen Einleitung auf zuletzt geäusserte Bedenken ein, dass mit dem neuen Regime Rechtsunsicherheit und härtere Kontrollmechanismen Baulustige abschrecken würden.

Dazu hatte sie schon vorher betont, dass die Qualität der Quartiere gestärkt werden soll, doch Instrumente wie der Beizug einer Fachkommission, das Vorschreiben eines Wettbewerbs oder Gestaltungsplans würden sicher nicht für eine Einzelparzelle angewendet, sondern nur bei «grösseren, anspruchsvollen Bauvorhaben.» Viele Bauherren suchten sogar den Gestaltungsplan, um mehr bauen zu können. «Wir haben sogar ein Gesuch für eine Einzelparzelle von 1500 Quadratmetern abgelehnt», meinte Lenggenhager mit Blick auf die 74 Gestaltungspläne, die seit 1948 in Solothurn erlassen worden sind.

Der Luxus von Solothurn

«Da wo ich mich wohlfühle», sah Stadtplanerin Gabriela Barman die Identität von Solothurn. «Es ist eine Stadt, die eine gewisse Dichte haben darf. Wir haben hier den Luxus einer Geschichte, die ablesbar ist.» Für Diego de Angelis hat Identität mit Echtheit zu tun, «es gilt abzurufen, was die Bevölkerung fordert.» Pierre Feddersen mit der Optik des auswärtigen Experten, zeigte sich «sehr beeindruckt» von der geleisteten Planungsarbeit in Solothurn. Zum Thema Identität meinte er lakonisch: «Wir Architekten haben immer Rom als Vorbild, normale Leute aber ganz andere Bilder.» Darum sei Identität auch über die Ortsplanung «schwierig zu schaffen».

De Angelis dagegen ordnete einer Stadt stets zwei Gesichter zu, «sie hat auch Probleme». Und sprach konkret die Anbindung der Weststadt ans Zentrum oder die Problemzone Wengistrasse an. Wiederum Feddersen erklärte: «Wir müssen vielleicht auch einmal das Quartier des 21. Jahrhunderts bauen. Aber das braucht viel Fingerspitzengefühl.» Und plädierte für «etwas Spezielles, etwas schaffen, das Solothurn noch nicht hat». Einen weiteren Luxus ortete Stadtplanerin Barman darin, dass die Kleinstadt Solothurn nicht dem Druck wie etwa Zürich ausgesetzt sei. «Die Kunst liegt in der richtigen Abgrenzung», fand der Gast aus Grenchen, Fabian Ochsenbein. Um Qualität zu erhalten, brauche es neben den genannten Instrumenten das persönliche Gespräch, um etwas zu erreichen. Was wiederum De Angelis Forderung entsprach: «Man muss die Bevölkerung abholen!»

Kritik aus dem Saal

Moderator Markus Christen hatte eine reiche Auswahl an emporgestreckten Händen, als es um den Publikumseinbezug ging. Josef Maushart, Präsident des Industrievereins Solothurn, hatte sich allerdings im Thema des Abends vergriffen, als er die Staus auf der Westumfahrung in der Agglomeration Solothurn mit 7000 Industrie-Beschäftigten und einer Wertschöpfung von 3,2 Mrd. Franken kritisierte – das Thema Mobilität hatte seinen Podiumsabend schon vor Wochen gehabt. Erstmals seit seinem abrupten Abgang als Solothurner Stadtplaner äusserte sich Daniel Laubscher wieder einmal öffentlich. Er monierte, die Ortsplanung müsse Rechtssicherheit gewährleisten. Dazu forderte er «wir brauchen räumliche Bilder».

Nochmals Maushart, sekundiert von Dieter Bedenig, lenkte die Optik auf einen ganz anderen Aspekt: die ausgedehnte Bauhöhe auf bis zu 10,5 Meter durch die Aufzonung von Quartieren wie dem Fegetz. «Das wird das Quartier wesentlich verändern», unkten beide.
Gabriela Barman hielt dagegen, dass bestehende Gärten durch den geforderten Grünanteil von 50 Prozent geschützt seien. Ihre pointierte Aussage dazu: «Früher baute man Häuser mit Gärten, heute Häuser mit Abstand.»

Mehrfach hatte übrigens auch schon Andrea Lenggenhager diese Kritik damit gekontert, dass viele ältere Häuser dort diese Höhe schon aufwiesen und «nicht in die Breite, sondern in die Höhe» ausgebaut werden soll.» Dazu steuerte Fabian Ochsenbein eine Grenchner Anekdote bei: «Ein Bauherr hatte auf die volle Ausnützungsziffer von 0,4 ausgebaut. Nachbarn reklamierten, das sei nicht quartiermassstäblich. Als ich fragte, ob man nicht die Ausnützung auf 0,3 herabsetzen sollte, da wollte das natürlich niemand.»

Ein durchzogenes Fazit

Nach zwei Stunden intensivem Beackern des Themas zog Pierre Feddersen den Schluss, die Solothurner Ortsplanung liefere eine «sehr gute Basis» und er lobte insbesondere den neuen Baulinienplan. Fabian Ochsenbein dagegen relativierte, man dürfe die Wirkung der Ortsplanung auch nicht überschätzen. Und Diego de Angelis gab gar den Spielverderber: «Mir fehlt im Ganzen der rote Faden. Der Zonenplan ist ein veraltetes Instrument aus den Sechzigerjahren – ich hätte viel lieber räumliche Bilder gesehen.»