Jedes Jahr «die glichi Komedi», sobald sich Solothurn der Lenzensonne entgegenstreckt: Sie beziehen die günstigsten Unterkünfte der Stadt, jene mit der besten Aussicht auf die Skyline und zahlen dabei nicht mal Miete, machen Lärm und Dreck und amüsieren sich im heiseren Tonfall über die Passanten, die sich unter ihren Behausungen wegducken, um wenigstens vom Dreck verschont zu bleiben.

Natürlich weiss jeder, der am Kreuzackerplatz eine Zufallslektüre aus dem offenen Bücherschrank zieht oder feierlich mit dem genüsslichen Mittags-Dürüm die neue Jahreszeit einläutet, wer die Verursacher sind, die diese Frühlingsfreude trüben: die Saatkrähen.

Die Faust gegen den Himmel zu recken, dürfte das gefiederte Volk kaum beeindrucken, dessen Einzug in die Stadt bereits jetzt an Dutzenden Nestern zu erkennen ist. Vielleicht würde der Plastik-Uhu helfen, der andernorts zum Einsatz kommt, um die Revieransprüche zuungunsten der Krähen zu klären. Das würde man sich für die kommenden Feierabendbiere ab dem 5. April an der Hafebar durchaus wünschen.

Wahrscheinlich aber sind die hiesigen Exemplare zu schlau, um auf plumpe Fake-Eulen reinzufallen (Beweisführung ausstehend). Sehr wahrscheinlich würde der Corvus Solodorensis spöttisch und zugleich erhaben über solche Versuche krächzen, während er sich zwischen den Ästen der Platanen zur Familienplanung Gedanken macht.

Zehn, fünfzehn Meter

weiter unten die Stadttaube. Sie hat kaum eine Ahnung von den grossen Themen dieser Welt, während sie ihr Dasein damit fristet, Brotkrumen oder Reste besagter Dürüms aufzupicken. Alles eine Frage des Standpunktes, sagt sich die Saatkrähe. Sie hat besten Blick auf die Stadt als Ganzes, und nicht nur auf mögliche Futterquellen. Sie blickt dem Solothurner über die Schultern und auf die Finger. Besten Aussicht geniesst sie aufs Landhaus, und dort insbesondere in den Gemeinderatssaal, erahnt vielleicht, worüber sich Gemeinderat und Stadtpräsident in die Haare geraten sein könnten.

Sie schüttelt den Kopf, wenn sie die leeren Stühle auf der Sonnenterrasse des Palais Besenval sieht. Mit Blick in die Ferne (oder Weite) erspäht sie, wie sich langsam Erdwälle im Westen der Stadt erheben. Und sie fragt sich, wofür sich mit Klemmbrett ausgerüstete junge Leute dem Menschenstrom auf der Kreuzackerbrücke hartnäckig in den Weg stellen. Und am Ende des Tages hat die Saatkrähe mehr von Solothurn gesehen und verstanden als die Stadttaube. Und vermutlich auch mehr als wir anderen hier unten.