Aus Solothurn Top 5 ist Top 2 geworden. Haben Sie die Enttäuschung verdaut?

Für mich war es keine Enttäuschung: Die Fusionsabklärungen waren überall von den Gemeindeversammlungen in Auftrag gegeben worden. Nun hat das gleiche Organ in drei Gemeinden den Auftrag zurückgezogen. Das ist Fakt, und persönliche Gefühle sind da unnötig. Ich musste auch damit rechnen, dass niemand mehr dabei ist. Dass Zuchwil noch nicht ausgestiegen ist, ist ein grosser Schritt. Wenn aber die Solothurner Zeitung schreibt, es sei «ein gewaltiges Debakel für die Initianten», wird ausgeblendet, dass die Gemeindeversammlungen die Abklärungen gewollt haben, nicht irgendwelche «Initianten». Nun hat das Volk sich selbst zurückgepfiffen.

Sie haben die skeptischen Ratskollegen der Erbsenzählerei bezichtigt …

Es waren vernachlässigbare Probleme, die für Einzelne den Ausschlag gegen die Fusion gegeben haben: die Gemeindeversammlung, die Gebührenfrage für Vereine oder die Besitzstandgarantie für vier Jahre – alles «Nasenwasser». Bei einer Fusion, die auf Dauer angelegt ist, ist es unerheblich, ob die Anstellung nun über zwei oder vier Jahre garantiert ist. Deshalb sprach ich von Erbsenzählerei, weil nur die nächsten Jahre im Fokus standen. Und dann der Steuersatzfetischismus: Für die Mobilität des Einzelnen spielt es keine Rolle, ob der Steuerfuss bei 115 oder bei 122 Prozent liegt. Wer es für sich ausrechnet, erkennt dies.

Für viele ist die Fusion aber dennoch eine «Katze im Sack».

Nehmen wir an, wir hätten vorab das Parlament als Organisationsform festgelegt, wäre die Opposition todsicher grösser gewesen. Auch einen Steuersatz per 2018 festlegen zu wollen, wäre völlig unmöglich. Wir können ihn ja nicht einmal auf 2017 fixieren.

Und was ist beim Marketing von Solothurn Top 5 falsch gelaufen?

Wir haben kein Marketing betrieben, sondern die Vorlage bewusst neutral abgefasst. Wir mussten ja nicht etwas verkaufen.

Aber es wurde ein Logo kreiert, eine Homepage geschaffen ...

... damit wir die Vorlage verkürzt darstellen können. Aber Werbung hätten wir als Gemeinden gar nicht machen dürfen, sondern lediglich nüchtern Vor- und Nachteile aufzeigen. Darauf angesprochen, sage ich zwar, dass ich unter dem Strich dafür bin. Ebenso weise ich aber darauf hin, dass es Schwierigkeiten geben kann. Wollte ich beispielsweise die Stadtpolizei optimal vor der möglichen Auflösung absichern, so müsste ich gegen eine Fusion votieren. Und dies, weil eine Gemeinde dazustossen könnte, die die Vorteile unseres Systems nicht kennt.

Fünf Jahre Vorarbeit muten dennoch an wie vergebliche Liebesmüh.

Nein, es war eine Investition in die Zukunft. Eine Fusion, die nicht zwingend nötig ist, wird es schwer haben, das wussten wir. Denn Argumente für eine Fusion sind Kopfargumente wie die Raumplanung. Gegenargumente hingegen sind Bauchargumente – wie die angebliche Identität. Wenn die Fusion auch mit Zuchwil nicht zustande kommt, bleiben Schnittstellen in der Gegend des Bahnhofs bestehen.

Weshalb wäre für Solothurn eine Fusion mit Zuchwil von Vorteil?

Die Riverside- und Widi-Überbauung könnte eine Wirkung erzielen ähnlich der Wasserstadt. Zuchwil hat zudem Industriebrachen, aber keine Industrieruinen. Scintilla hinterlässt Liegenschaften, in denen man nächste Woche mit dem Arbeiten anfangen könnte. Die Syntes wäre wieder innerhalb der Stadtgrenzen. Zuchwil hätte endlich einen Bahnhof, und sein Sportzentrum wäre besser abgestützt. Und was kein Problem mehr wäre: die ordentliche Gemeindeorganisation. Bei 26 000 Einwohnern ist sie gut umsetzbar. Im Durchschnitt kämen weiterhin nicht mehr als 300 Stimmbürger an eine Gemeindeversammlung. Und selbst wenn, gäbe es geeignete Räumlichkeiten wie das Sportzentrum.

Vielleicht also wächst die Stadt Richtung Osten, nach Westen wächst sie in den kommenden Jahrzehnten ohnehin.

Ja, das Projekt «Weitblick» nimmt Formen an. Wir sind dran, das Areal in Teilprojekte aufzuteilen und diese nach und nach auf den Markt zu bringen. Da gibt es viele Bewerbungen von Investoren, Pensionskassen, Gebäudeversicherungen, Immobiliengesellschaften, weiter Gruppierungen, die eine autoarme Stadt wünschen, oder Interessenvertretungen mit Fokus auf Energieeffizienz.

Gibts einen gemeinsamen Nenner zwischen Investoren, die wirtschaftlich motiviert und jenen, die aus ökologischem Antrieb handeln?

Ich denke schon. Heute muss man verdichtet bauen. Doch niemand will eine Verdichtung, die das Wohnen unattraktiv macht. Einfamilienhäuser wirds im «Weitblick» zwar nicht geben. Und doch stellen die potenziellen Investoren bei aller Verdichtung die Qualität in den Vordergrund.

Wenige Meter nebenan harrt ein anderes Grossprojekt seiner Umsetzung: die Wasserstadt.

Was unter anderem beschäftigt, sind die Altlasten, deren totale Entsorgung mit 295 Mio. veranschlagt ist. Der Kanton schätzt, dass sich der Betrag auf die Hälfte drücken lässt. Demgegenüber käme die Sicherungsvariante ohne vollständige Entsorgung auf 65 Mio. Franken zu stehen. Ist nun die Differenz dazwischen gross genug, damit sich eine Totalsanierung auszahlt? Im optimistischen Fall müssten sich Kanton und Stadt die Kosten entsprechend ihrer Flächen teilen. Für die Stadt bräuchte es eine gesonderte Spezialfinanzierung mit jährlichen Einlagen für Amortisation und Verzinsung.

Vor gut einem Jahr ging die Seilbahn Weissenstein wieder in Betrieb. Wie beurteilen Sie die Situation auf dem Berg?

Offenbar war der Ansturm gut – aber irgendwann werden alle mal oben gewesen sein. Hier beginnen in Zusammenarbeit mit dem Kurhaus die Herausforderungen. Wenn eine kontinuierliche Qualität sichergestellt werden kann, werden sich die Frequenzen auf hohem Niveau stabilisieren. Dann zum Problem des Weissensteintunnels: Die Bahn ist nun bis 2020 gesichert. Da muss der Kanton – und müssen wir in Bern – schauen, dass sie erhalten bleibt. Die Schliessung wäre eine Katastrophe.

Die andere grosse Einrichtung, die vor einem Jahr neu startete, war das Stadttheater.

Es wird nur gerühmt, es läuft so gut, dass zum Teil Zusatzvorstellungen lanciert werden. Auch die betrieblichen Abläufe haben sich eingependelt. Der wichtigste strategische Schritt war vor einigen Jahren, das Krieg-Haus zu kaufen. Die heutige Infrastruktur wäre sonst nicht möglich gewesen.

Nicht so ideal läuft es in Sachen Finanzierung. Biel kürzt wohl seinen Beitrag ans Theater aus Spargründen um 360 000 Franken.

Finanzpolitisch sollte man darauf achten, dass es keine Sparrunden gibt. Beim Theater Orchester Biel Solothurn stellt sich für die anderen Trägerschaften die Frage, ob sie grosszügig darüber hinwegsehen, was aber wegen des Verteilschlüssels kaum möglich ist. Wenn alle Partner proportional kürzen, fällt eine Million Franken weg, womit der Zweispartenbetrieb mit Musiktheater und Schauspiel infrage gestellt würde. Aber in der Politik wird manches nicht so heiss gegessen, wie es gekocht wird: Die Bieler haben das Sparbudget ja abgelehnt, was man so interpretieren könnte, dass der Bürger die massive Sparrunde nicht will. Für die Angestellten bleibt aber so oder so eine Verunsicherung zurück, insbesondere für die Musiker, die hier in der Region wohnen.

Mit einem Rechnungs-Plus von brutto 7,8 Mio. lag das defizitäre Budget 2014 um 11,6 Mio. Franken daneben. Was nützt da überhaupt ein Budget oder ein Finanzplan?

Es geht beim Finanzplan nicht nur um einen Zahlenteil, sondern es ist auch eine Auflistung aller realisierbaren Objekte. Und je weiter der Finanzplan in die Zukunft reicht, umso wichtiger ist eine Aufstellung aller Investitionen, die nächstens anfallen. Vor allem vermeidet man so, dass ein Objekt vergessen geht. Und bei den Rechnungen war ich immer froh, wenn der Aufwand im Budget liegt, wie dies in den vergangenen Jahren der Fall war. Den Ertrag kann man einfach nicht schätzen. Und solange die Verbesserungen in diese Richtung gehen, ist es ja gut.

Das Nachtleben sei «lachhaft», kritisierte der Tagesanzeiger-Blog über die Stadt, die von «Mister Polizeistunde» präsidiert wird. Gehört das Nachtleben nicht zur Kultur?

Ich glaube nicht, dass wir ein langweiliges Nachtleben haben. Angenommen, wir hätten eine Urnenabstimmung über die Öffnungszeiten machen können, dann hätte es todsicher eine Mehrheit gegeben, die die Polizeistunde wieder gefordert hätte. Am Montagmorgen hatte ich jeweils viele Reklamationen auf dem Pult, als es beispielsweise im Umfeld des Kofmehls schlimm war. Und das «Eleven» gibts ja in der Stadt nicht mehr, so hat sich die Situation gesamthaft beruhigt. Mit dem neuen Wirtschaftsgesetz besteht jedenfalls eine neue Regelung, die wir immer auch unterstützt haben. Aber oft war ich auf den Plakaten als Bösewicht abgebildet, weil viele Leute ein Thema personalisieren und nicht abstrakt denken.

Kein Bösewicht waren Sie bei den Nationalratswahlen: Dort haben Sie über Parteigrenzen hinaus viele Stimmen eingeheimst.

Als Exekutivpolitiker politisiere ich immer über Parteigrenzen hinaus, auch in Bern. Schliesslich lege ich das Gelübde auf die Verfassung ab, nicht aufs Parteiprogramm. Aus meiner Sicht haben die Parteien heute eine viel zu grosse Macht. Wir hätten gerade das Gegenteil von parteilichem Denken nötig. Alle Parteien haben Ränder und Schnittmengen. Oft geht man in der Politik aufeinander los, als ob man 100 Prozent anderer Meinung wäre. Aber das entspricht nicht der Realität.

Sie könnten sich auch vorstellen, für eine andere Partei anzutreten?

Beim derzeitigen Spektrum nicht, nein. Man stellt mich ab und zu auch links der Mitte hin, aber wenn man die offiziellen Auswertungen anschaut, bin ich knapp rechts der Mitte.

Wir lassen nicht locker und stellen die Frage abermals: Wer wird Ihr Nachfolger in der neu fusionierten Gemeinde Solothurn-Zuchwil?

Wir haben 2017 Neuwahlen, und falls die Fusion zustande kommt, wird die Amtszeit bis Ende 2017 verlängert. Und in dieser Frage schweige ich bis kurz vorher.

Wir geben einen Tipp ab: Nach vorne drängt Urs Unterlerchner …

Ich habe keine Ahnung, welche Ambitionen im Raum sind. Da müssten Sie die betreffenden Personen selbst fragen.

Welche Herausforderungen kommen auf Solothurn zu?

Neben Fusion, Weitblick und Wasserstadt kommt stetig die Frage nach der Beteiligung der Nachbarsgemeinden an den kulturellen Institutionen auf. Baulich ist auch die Umgestaltung des südlichen Bahnhofareals auf der Pendenzenliste. Die Gegend bei der Unterführung zu den beiden Hochhäusern ist ziemlich trostlos. Aber da ist mit der Immobilieneigentümerin und der RBS einiges am Laufen.

Und was wünscht sich der Stadtpräsident fürs kommende Jahr?

Unter anderem wäre es mein Wunsch, dass wir in Sachen Wasserstadt endlich einmal einen Entscheid hätten.

Wie Ihr Büro zeigt, arbeitet Kurt Fluri auf Papierbasis. Schreit ein so dichtes Arbeitspensum nicht nach einem Notebook?

Ich besitze ein Smartphone, mit dem ich mich mittlerweile gut auskenne. Und für meine Arbeit in Bern habe ich ein iPad, das als Computer fungiert. Da erhalte ich von meiner Sekretärin Rahel Laubscher sukzessive die Briefentwürfe zum Korrigieren und Zurückschicken. Generell möchte ich aber nicht alle Mails direkt zugeschickt bekommen, da geht viel Zeit verloren. Und auch mit der papiernen Agenda fühle ich mich wohl. Aber nicht mehr ganz alles läuft über Papier. Da hat eine gewisse Annäherung ans digitale Zeitalter stattgefunden.