Architekturforum
Was die «Schule von Solothurn» alles schuf

Die Stühle reichten nicht für alle Interessierten im Architekturforum im Touringhaus aus. Auf so grosse Neugier stiess die Vorankündigung, dass Architekt und ETH-Dozent, Jürg Graser, ein Buch über das Bauen der Schule von Solothurn geschrieben hat.

Helmuth Zipperlen
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Während 15 Jahren hat Jürg Graser an seinem Buch über die Entstehung der «Solothurner Schule» gearbeitet.

Während 15 Jahren hat Jürg Graser an seinem Buch über die Entstehung der «Solothurner Schule» gearbeitet.

Simon Dietiker

Der Referent enttäuschte denn auch das Publikum nicht. Während 15 Jahren hat er an diesem Werk gearbeitet, ungezählte Interviews geführt, tausend Objekte besichtigt und in Archiven, Zeitschriften und bisher erschienenen Büchern recherchiert. In den nächsten Tagen erscheint das Buch. Das Publikum durfte in einem zirkulierenden Vorabdruck kurz schnuppern. Bei Jürg Graser, aufgewachsen bei Biel und mit dem Gymnasium Strandboden bereits als Schüler mit der Jurasüdfuss-Architektur bekannt geworden, hat sich ein reichhaltiges Wissen angesammelt, sodass er mit seinem Referat effektiv aus dem Vollen schöpfen konnte.

Nicht nur Haller und Co.

«Gefüllte Leere» Das Bauen der Schule von Solothurn Barth, Zaugg, Schlup, Füeg, Haller lautet der ganze Titel des Buches. Natürlich weiss Graser, dass die fünf nur die Speerspitze dieser Architektur verkörperten, denn zu dieser Schule von Solothurn könnten bis zu 31 Architekten gezählt werden. Neben rein architektonischen und technischen Ausführungen vermochte Graser seine Ausführungen immer wieder mit Anekdoten aufzulockern. Beispielsweise, dass das gemeinsame Büro von Barth und Zaugg in Aarau eigentlich nur eine Wettbewerbsmaschinerie gewesen sei. Barth hatte sein Büro in Schönenwerd, Zaugg in Olten, aber damit sie auch Wettbewerbe im Kanton Aargau bestreiten konnten, war ein Büro in diesem Kanton nötig. Der Begriff der «Schule von Solothurn» wurde von aussen geprägt. Die Architekten selber hatten kein Manifest, keine Absprachen und tauschten sich, zumindest offiziell, nie aus. Wurzeln dieser Schule sichtet der Referent in der Nachfolge zur «Landi»-Architektur, jener von Mies van der Rohe und letztlich auch bei der kalifornischen Westcoast-Architektur.

Bis der Vatikan den Segen gab

Franz Füeg hatte sich seit Jahren mit Kirchenarchitektur beschäftigt, konnte aber nie eine Kirche realisieren. Als er in die Jury des Neubaus der katholischen Kirche in Meggen berufen werden sollte, lehnte er dies ab, wünschte aber als ausserkantonaler Architekt dennoch eingeladen zu werden. Er gewann diesen Wettbewerb, nachdem auch der Pfarrer von seinen Plänen überzeugt werden konnte. Schliesslich stimmte auch die Kirchgemeindeversammlung zu.

Aber diese hatte die Rechnung ohne den Bischof von Basel, Franziskus von Streng, gemacht. Er war aus Gründen der Liturgie gegen dieses Projekt. Schliesslich wurde der Vatikan eingeschaltet und Füeg konnte die Einwände des Bischofs widerlegen, und die Kirche wurde gebaut. Übrigens hat der Besuch dieser Kirche Graser auf den Buchtitel «Gefüllte Leere» gebracht. Fotos über diesen Kirchenbau und die Materialbeschaffung ergänzten das gesprochene Wort.

Mit der Ölkrise war Schluss

In diesem Zusammenhang meinte der Referent auch: «Füeg hat immer aufgeschüttet, Haller hat immer abgegraben.» Dies im Hinblick, dass in der Schweiz selten ein ebenes Stück Land zu bebauen ist. Das Bauen der Schule von Solothurn endet ungefähr mit der Ölkrise Anfang der 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts.

In der anschliessenden Diskussion wurde Jürg Graser die Frage gestellt, was die Schule von Solothurn heute noch bewirkt. Seine Antwort: «Die Schule von Solothurn ist wieder zu entdecken und von einer jungen Generation anzuschauen.»

«Gefüllte Leere» Das Bauen der Schule von Solothurn Barth, Zaugg, Schlup, Füeg, Haller von Jürg Graser mit neuen Fotos von Andrea Helbling. 22,5 x 30 cm, Hardcover, 372 Seiten, 193 Abbildungen.

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