Alt werden in Solothurn
Was die ehemalige Zürcher Politikerin an Solothurn schätzt

Die Zürcherin Rosmarie Süsstrunk wohnt seit 60 Jahren in Solothurn. Die ehemalige Politikerin schätzt den hiesigen Humor, die Gemütlichkeit und das vielfältige kulturelle Angebot der Stadt.

Katharina Arni-Howald
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Rosmarie Süsstrunk lebt gerne in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung.

Rosmarie Süsstrunk lebt gerne in ihrer gewohnten häuslichen Umgebung.

Hans Ulrich Mülchi

Rosemarie Süsstrunk hat sich zusammen mit ihrem vor sechs Jahren verstorbenen Ehemann vor genau 60 Jahren in Solothurn niedergelassen. Der Anfang war nicht einfach. «Als Zürcherin muss man sich die Sympathien der Solothurner verdienen», sagt sie in unverkennbarem «Züritüütsch» und lächelt. Wir sitzen auf der Terrasse ihrer Eigentumswohnung an der Oberen Steingrubenstrasse und blicken auf einen gepflegten Garten, in dem sich der riesige Rosmarinstrauch ebenso wohl fühlt wie die Rosen und der mächtige Oleander, der im Herbst vom Gärtner abgeholt wird, um an einem geschützten Ort zu überwintern.

SERIE

Alt werden in Solothurn
In einer kleinen Serie stellen wir Seniorinnen und Senioren vor, die ihren Lebensabend in der Stadt verbringen. (ka)

Rosemarie Süsstrunk liebt ihr gepflegtes Zuhause. Hie und da sind ihre drei erwachsenen Kinder und ihre sechs Enkelkinder auf Besuch und halten die 83-Jährige auf Trab. «Die Tage vergehen schnell», erzählt die Vielleserin aus ihrem Alltag. «Einmal in der Woche mache ich Gymnastik und manchmal gehe ich spazieren oder auf Reisen. «Aber eigentlich sollte ich mehr Sport treiben.» Die ehemalige Politikerin weiss, was ihr sonst noch guttäte, aber Schuldgefühle hat sie deswegen nicht. Obwohl sie mit Fussball nicht viel am Hut hat, habe es ihr während der Weltmeisterschaft richtig den Ärmel hineingezogen. «Nicht bloss wegen der Nationalhymne, sondern auch weil mich die Dynamik der Spiele immer mehr zu faszinieren begann.

Noch immer im Auto unterwegs

Trotz der Anfangsschwierigkeiten möchte Rosemarie Süsstrunk heute nicht mehr von Solothurn weg, einer Stadt, in der sie den grössten Teil ihres Lebens verbracht hat. «Ich schätze den Humor der Solothurner und die Gemütlichkeit, die treffend im Solothurner Lied beschrieben ist.» Diese Eigenschaften seien bei den Zürchern nicht so ausgeprägt. «Sie sind in dieser Beziehung herber.» Nur bei der Fasnacht habe sie nicht so richtig Fuss gefasst, «denn hier kommt der Humor der Solothurner so richtig zum Tragen».

Rosemarie Süsstrunk ist froh, dass sie immer noch ein Auto besitzt und dieses auch fahren darf. Sie tut das vor allem in der Stadt oder dann «höchstens bis in den Bucheggberg». Privilegiert sei sie auch, weil es eine Bushaltestelle ganz in der Nähe gebe. «Aber es gibt Quartiere, die nicht erschlossen sind», spricht sie für andere Senioren. Zudem mache sie oft die Erfahrung, dass am Bahnhof nicht alle Busse auf die Ankunft der Züge abgestimmt seien. «Man muss oft lange auf den nächsten Bus warten», weiss sie aus Erfahrung. Möglicherweise könnte das Problem mit Kleinbussen gelöst werden. «Im Zürichseegebiet hat man damit gute Erfahrungen gemacht.» Sie ist überzeugt, dass Solothurn im Städteranking besser abschneiden würde, wenn es Alternativen gäbe. Zudem hat die Seniorin beobachtet, dass manchen Leuten das Einsteigen in den Bus schwerfällt. «Auch das führt zu Verspätungen.»

Der Sonntag ist nicht einfach

Hinter die Einkaufsmöglichkeiten setzt Rosemarie Süsstrunk ebenfalls ein Fragezeichen. Viele Einkäufe könne man nur machen, wenn man motorisiert sei. «Solang man ein Auto besitzt, ist alles möglich.» Doch das sei bei vielen älteren Leuten nicht mehr der Fall. Mit Bedauern stellt sie auch fest, dass es in der Stadt immer mehr Einkaufsketten und weniger private Läden gibt. Auch gute Mode- und Spezialitätengeschäfte seien in Solothurn rar geworden, was sie veranlasst, von Zeit zu Zeit nach Bern zu fahren. «Früher ging ich jeweils nach Zürich, jetzt liegt mir Bern näher.» In Bezug auf die Zunahme von Ketten macht sie sich keine Illusionen: «Das ist ein Trend, der wohl schwer aufzuhalten ist.»

ZUR PERSON

Fremde Politikerin

Rosemarie Süsstrunk ist, als «fremder Fötzel», wie sie sagt, für die Freisinnige Partei in jüngeren Jahren in die Politik eingestiegen. Zuerst als Gemeinde-, später als Kantonsrätin. Nach Annahme des Frauenstimmrechts sei der Einstieg von Frauen in die Politik kein Tabu mehr gewesen.

Von Zeit zu Zeit macht Rosemarie Süsstrunk auch Besuche im Altersheim. Beliebt sind ihre selbst gemachten Konfitüren. Eine Tätigkeit, die ihr Spass macht. Oder sie nutzt das vielfältige kulturelle Angebot, das für eine kleinräumige Stadt wie Solothurn beachtlich sei. «Manchmal weiss man gar nicht, welche Veranstaltung man besuchen soll.» Nur der Sonntag sei im Alter nicht einfach. Vor allem dann nicht, wenn man alleine sei. Doch Rosemarie Süsstrunk weiss mit der Zeit etwas anzufangen. Wenn sie nicht nach draussen geht, verbringt sie ihre Zeit mit Lesen – ihrer Lieblingsbeschäftigung.