Stadttheater Solothurn
Was den Stadtsolothurner Theatergänger vom Durchschnitt unterscheidet

Schweizweit besuchen durchschnittlich nur etwas über 40 Prozent Theateraufführungen. Bei der Solothurner Stimmbevölkerung steht aber klar die Mehrheit hinter «ihrem» Stadttheater. Warum?

Claudia Hofer
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Ein Kulturangebot, das die Solothurner grossschreiben.Hanspeter Bärtschi

Ein Kulturangebot, das die Solothurner grossschreiben.Hanspeter Bärtschi

Das klare Ja für den Umbau des Solothurner Stadttheaters überraschte sogar seine Befürworter: 82 Prozent der Stimmenden votierten für den Kredit von 19,8 Mio. Franken. Damit heben sich die Stadtsolothurner punkto Theaterbegeisterung von der restlichen Schweiz ab. Umso mehr, als in der Regel nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung das breite Kulturangebot nutzt.

Die Zahlen variieren zwischen fünf und zehn Prozent, und laut der ersten Kulturstatistik der Schweiz besuchen weniger als die Hälfte aller Schweizer, nämlich gerade mal 42 Prozent zwischen einer und sechs Theateraufführungen im Jahr. Diese tiefen Prozentsätze erscheinen als Widerspruch zum deutlichen Ja für die hiesige Bühne. Dazu kommt, dass viele Theater mit rückläufigen oder stagnierenden Besucherzahlen kämpfen.

Bildung und Kulturkonsum

Wie also erklärt sich diese deutliche Mehrheit an Solothurnern, die das Stadttheater unterstützen? Laut der Analyse des Bundesamtes für Statistik, besuchten die Personengruppen im Alter zwischen 45 und 60 Jahren am häufigsten Theateraufführungen. Auch das Ausbildungsniveau einer Person hat grossen Einfluss auf ihr Kulturverhalten. Menschen mit Hochschulausbildung gehen häufiger ins Theater als solche ohne.

Als letzter Punkt liest sich aus der Statistik heraus, dass Personen mit geringerem Einkommen weniger an kulturellen Aktivitäten teilnehmen als solche mit höherem. Stützt man sich also auf diese Statistik, so ist der idealtypische Stadttheater-Liebhaber mittleren Alters, im Besitz eines höheren Schulabschlusses und verdient gut. Folglich ist dieses Naturell in der Stadt breit gestreut.

Womöglich viele junge Urnengänger

Ist die Erklärung so «einfach»? Andreas Marti, Präsident der Stiftung Theater und Orchester Biel Solothurn, stellt fest, dass das Stadttheater in der hiesigen Bevölkerung stark verankert ist. «Viele Bewohner haben auf irgendeine Weise einen direkten oder indirekten Bezug.» Einen weiteren Grund sieht er in dessen vielfältigem Jugendangebot. Seit Jahren bietet das Stadttheater auch Kurse für Kinder und Jugendliche an. Ausserdem wird mit Schulen zusammengearbeitet, sodass Klassen von vergünstigten Eintrittspreisen und Sondervorstellungen profitieren. Damit will man den jungen Leuten einen Zugang zum Theater verschaffen. Offenbar mit Erfolg: «Bei dieser Mehrheit an Ja-Stimmen, waren bestimmt auch viele junge Leute an der Urne», folgert Marti.

Dieser Annahme schliesst sich auch Christoph Vögele, Konservator des Kunstmuseums Solothurn, an. «Einerseits erzählen Kinder und Jugendliche ihren Eltern jeweils von besuchten Aufführungen, was Interesse hervorruft. Nehmen die Jungen selber an einem Theaterkurs teil, führt das zu Vernetzungen und schafft Sympathien», unterstreicht Vögele, bekennender Theater- und Kultursympathisant. Das Stadttheater zählt dank seinem vielfältigen Angebot einen grossen Anhängerkreis.

Neben den Jugendangeboten dient die alte Holzbühne während der Fasnachtszeit auch den Schnitzelbank-Gruppen und Guggen als Plattform und durch das gesamte Jahr verteilt wird ein bunt durchmischtes Theater- und Orchesterprogramm aufgeführt. «Alle diese Leute schätzen das vielfältige Kulturangebot sehr und wollen es bewahren», glaubt Vögele und ergänzt, dass sich der Solothurner stark mit seinem Theater identifiziert. Schliesslich geht dessen Bestehen bis ins 18. Jahrhundert zurück.

Nebeneffekte des Theaterbesuchs

Vom Theater profitiert auch das Gewerbe. Wer ins Stadttheater geht, bummelt vorher häufig durch die Gassen und betrachtet Schaufensterauslagen, geniesst das Gastroangebot oder kehrt nach dem Schauspiel in einer Bar ein, um über das «Erlebte» zu sinnieren. «Das Abstimmungs-Ja war also auch ganz im Interesse der Geschäfte und Restaurants in Solothurn», so Vögele. Bei der Frage nach dem Einfluss von Bildung und Einkommen auf den positiven Entscheid, gerät man vollends aufs Parkett der Spekulationen.

So wäre es interessant zu wissen, wie viele Solothurner und aus welchen Quartieren am meisten zur Urne gegangen sind. Doch solche Erhebungen gibt es nicht und ebenso wenig werden Zahlen zum Alter der Wählerschaft erhoben. Im ersten Punkt decken sich einzig die Annahmen des Museumsleiters mit der Statistik. «Neuzeitliche Theateraufführungen wie auch moderne Kunstausstellungen erfordern grosses Interesse, Offenheit und Lernbereitschaft», so Vögele und er unterstreicht: «Diese Eigenschaften sind häufig mit einem höheren Bildungsstand einer Person gekoppelt.»

Studie hin oder her, fest steht: Das Stadttheater Solothurn ist tief verwurzelt und zählt vergleichsweise überdurchschnittlich viele Sympathisanten. Diese setzen sich stark für das Kulturgut ein – zum Beispiel mit der erfolgreichen 44000 Franken teuren Abstimmungskampagne des Vereins «Freunde des Stadttheaters.