Kulturführer

Warum Solothurn weniger Barockstadt ist, als man es gerne hätte

Samuel Rutishauser ergänzte seinen Kulturführer-Band über Solothurn mündlich mit Zusatzinformationen.

Samuel Rutishauser ergänzte seinen Kulturführer-Band über Solothurn mündlich mit Zusatzinformationen.

Der Band von Samuel Rutishauser nimmt Solothurns Altstadtbild in den Fokus. Hervorgehoben wird auch die 2000 Jahre dauernde Siedlungsentwicklung. Die Bezeichnung «Barockstadt» wird aber in Frage gestellt.

Wie bringt man 2000 Jahre städtische Kulturgeschichte auf 84 Seiten unter? Die Frage beantwortet sich, wenn man den neuesten Wurf der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK) in den Händen hält. Beim Kunstführer Nr. 922 von Samuel Rutishauser rückt die Stadt Solothurn in den Fokus – und damit die Entwicklungen, die das Gesicht der Altstadt und des nördlichen und östlichen Rings durch die Jahrhunderte prägten: von der römischen Siedlung über die Ambassadoren-Ära bis in die heutige Zeit.

Anlässlich einer Buchvernissage präsentierte der ehemalige kantonale Denkmalpfleger Rutishauser den frischgedruckten Band: «Es ist kein wissenschaftliches Werk.» Ebenso erläuterte der leitende Redaktor des Schweizerischen Kunstführers, Markus A. Schneider: Zwar wolle man durch die Bände gezielt Wissenschafter zu Wort kommen lassen.

Aber: «Das Büchlein richtet sich an kulturell Interessierte.» Tatsächlich handelt es sich weder um eine typisch touristische Schnellbleiche in Heftform noch um eine akademisch überfrachtete Abhandlung fürs Fachpublikum. Besonders ansprechend dürfte es für heimische und auswärtige Interessierte sein, die Solothurn mehr als nur als Tagesausflugs-Destination kennenlernen wollen.

Die Stadt als Ganzes kennenlernen

Samuel Rutishauser erinnert sich: Die Idee sei schon vor zehn Jahren in Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Markus Hochstrasser entstanden. «Allerdings kamen wir damals nicht dazu, das Werk zu realisieren.» Nun liegt der Band in einem überarbeiteten Konzept vor, das von der GSK angenommen wurde: Man soll nicht nur viel über die Häuser erfahren, sondern auch viel über die (Alt-)Stadt als Ganzes, lautet die Devise.

Schlaglichtartig und durch Übersichtspläne veranschaulicht, widmet sich das Werk zwar den städtischen Kirchen, weltlichen Bauten, wehrgeschichtlichen Anlagen (Schanzen), dem Ring und der Vorstadt, also kulturhistorisch wichtigen Schauplätzen. Jedoch wird aber auch die 2000 Jahre dauernde Siedlungsentwicklung als Ganzes hervorgehoben. «Solothurn ist keine gegründete, sondern eine gewachsene Stadt», erläuterte Rutishauser auf dem Spaziergang mit Interessierten, der auf die Buchvernissage folgte.

Weitere interessante Fakten lieferte er dem anwesenden Publikum nach: «Wenn man an der Uni in Bern alles über Barock erfährt, und dann nach Solothurn kommt, muss man schon suchen, weshalb die Stadt Barockstadt heisst», befand der Professor für Kunstgeschichte. Denn Bern, die Mittelalterstadt, enthalte mehr Barock als Solothurn. So ist auch eine Textpassage im Kunstführer diesem Thema gewidmet: «Solothurn – schönste Barockstadt der Schweiz?», mit Betonung auf dem Fragezeichen.

Die Bezeichnung werde – obwohl touristisch wirksam – der Stadt gar nicht gerecht. Einzelbauten, signifikante Fassaden und auch die Ausrichtung der Kathedrale in der Marktachse stammen zwar aus der Barockzeit. Tatsächlich aber vereinige Solothurn insgesamt unterschiedliche städtebauliche Strukturen, die von der Spätantike bis in die Gegenwart reichen.

Gerade das Rathaus, das ebenfalls Bestandteil des Rundgangs war, könnte bezeichnenderweise für dieses dynamische, sich wandelnde Solothurn stehen. Der Baukörper sei über Jahrhunderte gewachsen, lässt Rutishauser wissen. Ebenselbiges kann für den Rittersaal im Von-Roll-Haus behauptet werden, wo die Buchvernissage stattfand.

Ein erhaltenswertes Erbe

Egal wie barock oder «unbarock», wie gewachsen oder gegründet, wie dynamisch oder statisch sich Solothurn in den Augen von Kunsthistorikern präsentiert: Stadtpräsident Kurt Fluri würdigt Rutishausers Schaffen, auch über den Kunstführer hinaus: «Auch ihm ist es zu verdanken, dass wir die Altstadt haben, wie sie ist.»

Dem Solothurner Stadtkern gelte die Aufmerksamkeit nicht nur aus touristisch-wirtschaftlicher, sondern auch aus ideell-kultureller Sicht. «Der Kunstführer-Band soll uns daran erinnern, dass wir dieses Erbe erhalten und pflegen müssen», so Fluri.

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