Weissenstein

Wanderer auf dem Weissenstein sind jetzt vor Kühen sicher

Zu unschönen Begegnungen zwischen Wanderern und Mutterkuhherden soll es künftig auf dem Weissenstein nicht mehr kommen. Es wurden Massnahmen getroffen, die mustergültig sein sollen.

Was gibt es für Wanderbegeisterte Schöneres, als bei Prachtwetter die festen Schuhe zu schnüren und hinauf in den Jura zu gehen? Die Bergwelt zu durchschweifen, die warme Sonne auf der Haut und ein sanftes Lüftchen im Gesicht zu spüren? Nichts zu hören, ausser den Kuhglocken der Tiere, die hier oben auf der Alp sömmern? Nach den heissen Sommertagen zieht es Einheimische und Besucher nun in Scharen wieder auf den Weissenstein. Doch geht es um Wanderlust und Mutterkühe, wird unweigerlich ein Vorfall aus dem vergangenen Jahr wieder präsent.

4. Juli 2012. Tatort: «Röti»-Kreuz. Eine Kuhherde stürmt auf eine Frau, ihre zwei Enkelkinder und den Hund zu. Die damals 69-Jährige fällt zu Boden, wird von einer Kuh überrannt, erleidet einen mehrfachen Beckenbruch und eine tiefe Wunde im Arm. Die Rega fliegt sie direkt ins Inselspital nach Bern. Derweil wird der betroffene Landwirt, der den Sommer über in der Sennhütte zu den Mutterkühen schaut, von Unbeteiligten mit üblen Beschimpfungen eingedeckt. Die schleunigst aufgebotene Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) kann jedoch kein Fehlverhalten bei der Kuhhaltung feststellen.

Heute, über ein Jahr später, ist derselbe Landwirt wieder auf dem Weissenstein, hütet die Tiere von zwei anderen Bauern – so, wie er das seit bereits 15 Jahren tut. Doch diesen Frühling ist einiges passiert: Mit Spezialisten liess er Pfosten in den Boden rammen, um die Kuhweiden einzuhagen. Acht bis neun Rollen Draht, je 625 Meter lang. Zusammen mit Pro Weissenstein und dem Zivilschutz leitete er zudem einen Wanderweg um. «Das war ein grosser Aufwand», sagt der Landwirt und Senn. Ein zeitlicher und finanzieller, für den er selber vollumfänglich aufkommt.

Die Massnahmen aber sind ihm wichtig, «wir haben nach dem Vorfall eine rigorose Lösung gesucht.» Wer heuer auf dem Weissenstein Richtung «Röti» marschiert, kommt in keinen direkten Kontakt mehr mit Mutterkühen. Nur auf einer kleinen Parzelle mit Aufzuchtrindern – Begegnung unproblematisch. Die Massnahmen sind keinesfalls in Eigenregie umgesetzt worden, waren doch verschiedene Ämter beteiligt. So etwa die Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft, kurz BUL, die Wanderwege Schweiz, das kantonale Raumplanungsamt, das Forstamt und Tierhaltungs-Experten. Einen Weideplatz zu verschieben, ist nämlich keine simple Sache, denn einiges gilt es, im Vorfeld abzuklären: Ist der neue Platz gross genug, sind Wasser- und Schattenstellen vorhanden? Sicherheitsfachmann Heinz Feldmann war bereits vor einem Jahr an der Unglücksstelle. Und er hat die Weiden auf dem Weissenstein wieder besucht.

Er lobt das neue Konzept, dank dem sich der bestehende Betrieb ohne Einschränkung weiterführen lasse: «Was wir hier nun haben, ist eine Vorzeigesituation, mustergültig und beispielhaft.» Dank dem Zaunbau werde ein Tier-Mensch-Kontakt grösstmöglich verhindert. Zudem habe es fürs Einhagen und Umleiten von Wanderwegen im Gebiet «Röti» viel Platz.

Feldmann ist eine Art Brückenbauer zwischen den verschiedenen Interessensgruppen. Er sieht sich denn auch als einer, der Impulse geben und motivieren will – immer im Interesse der Landwirtschaft. So hat er sich unlängst mit der Dachorganisation der Hundehalter ausgetauscht. Die Gespräche seien «sehr konstruktiv» gewesen. Trotzdem sieht Feldmann in der Leinenpflicht die beste Lösung. «Als Hundehalter sollte man sich zudem überlegen, ob es Sinn macht, mitten in der Weidesaison in ein Berggebiet zu gehen.»

Die derzeitige Sensibilisierungskampagne der BUL scheint die ersten Früchte zu tragen, denn bisher ereignete sich auf Schweizer Wanderwegen kein nennenswerter Zwischenfall. Nicht nur Wanderer, auch Mutterkuh-Halter entlang dem Jura aus dem Raum Solothurn, Basel und Aargau hat Feldmann an Referaten aufgeklärt, einige direkt auf den Betrieben. «Auch wenn der letztjährige Vorfall unglücklich war, brachte er uns alle weiter.» Die Einsicht, dass der Jura als Naherholungsraum weiter an Bedeutung gewinnen wird, gerade zur Hauptwandersaison im Herbst. Und, dass das Bedürfnis nach Bergluft und vor allem Ruhe nicht nur die Wanderer haben, sondern auch die Kühe.

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