Discherheim

Waldatelier «Bosco»: Das Atelier, das den Bedürfnissen der Klienten entspricht

Conny Omlin steht als Sozialpädagogin den Klienten des Waldateliers zur Seite.

Conny Omlin steht als Sozialpädagogin den Klienten des Waldateliers zur Seite.

Seit drei Jahren betreibt das «Discherheim» das Waldatelier Bosco für Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen. Mit Erfolg.

Es dauert einige Zeit, bis Peter das eine Holzscheit zersägt hat. Er nimmt sich Zeit – vielleicht bis am Abend. Doch Sozialpädagogin Conny Omlin steht ihm geduldig zur Seite, spornt ihn an, ohne Druck zu machen. Denn um ein tägliches Leistungs-Soll geht es nicht, vielmehr um den subjektiven Wert der Arbeit und ums Erleben: um den Duft des Holzes, um die frische Waldluft und das Licht-und-Schattenspiel unter dem Blätterdach. «Bosco» nennt sich das vom Discherheim lancierte Waldatelier.

Hier, beim alten Forsthaus der Bürgergemeinde Rüttenen, befinden sich bis zu acht Klienten der Institution für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen in einem eigenen Setting – aufgrund der Besonderheiten, die sie mit sich, in sich tragen. «Wir sprechen von herausfordernden Verhaltensweisen», sagt Teamleiter Lucien Möri. Dazu zählen Fremd- und Autoaggression, Verhaltensweisen aus dem Autismus-Spektrum oder andere Verhaltensmuster, die das Zusammenarbeiten in Gruppen erschweren – wiederkehrend, nicht nur punktuell.

Was 2016 als Pilotprojekt begann

Anlass für die Schaffung eines Waldateliers waren schwierige Situationen mit Klienten: Gewaltvorfälle sowie Übergriffe gegen Betreuungspersonen. «Wir hatten zwei Möglichkeiten», erinnert sich Möri: «Entweder finden wir für die betroffenen Klienten neue Plätze ausserhalb der Institution. Oder aber schaffen die Strukturen selbst.»

Vor diesem Hintergrund wurde «Bosco» im März 2016 als Pilotprojekt ins Leben gerufen und erhielt zwei Jahre später vom Kanton grünes Licht für den definitiven Betrieb. Zurzeit besteht die «Bosco»-Gruppe ausschliesslich aus Männern.

Die «Forsthaus-Speisekarte» ist reichhaltig

An diesem Morgen wird Holz gesammelt und gesägt. Für einige beginnt der Waldtag damit, dass sie den Weg vom Discherheim zum Forsthaus zu Fuss zurücklegen. Kurz vor zwölf dann beginnt unter dem Dreibein auf offenem Feuer auch das Mittagessen zu köcheln. Die Essenszubereitung ist Teil des Waldateliers. Und die «Forsthaus-Speisekarte» ist reichhaltig, erklärt Möri: «Es gab neben Eintopf auch schon Wähen oder Lasagne.» Im Forsthaus selbst befinden sich Nasszelle, Lebensmittelvorräte und ein Arsenal an Werkzeugen. «Aber als Aufenthaltsort ist es nicht vorgesehen.»

Der Tag wird bei jeder Witterung draussen verbracht, was eine Herausforderung sein kann.» Vor allem wird so dem positiven Effekt der Natur Rechnung getragen, der sich nicht in Zahlen oder Statistiken messen lässt. Insbesondere fällt ins Gewicht, dass im Setting keine räumliche Begrenzung spürbar ist.

«Es besteht die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.» Einzelne, aus Material vor Ort gestaltete «Waldzimmer» schaffen geschützte Räume, wenn das Miteinander beim Forsthaus zu viel und zu eng wird. Der ganze Waldplatz inklusive Möblierung entstand in Teilhabe mit den Klienten.

«Das Waldatelier ist nicht jedermanns Sache»

Heute umfasst Möris Team zwei sozialpädagogische Fachpersonen, zwei Betreuer sowie zwei arbeitsagogische Fachpersonen, alle mit einem Flair fürs Handwerkliche. In der Regel kommt auf zwei Klienten eine Fachperson. Punktuell kann eine Eins-zu-eins-Betreuung notwendig sein. «Die Arbeit im Waldatelier ist nicht jedermanns Sache», weiss Möri. «Es braucht Mitarbeitende, die die Auseinandersetzung mit den besonderen Verhaltensweisen nicht scheuen.»

Denn: Das Risiko physischer Konfrontation ist höher als anderswo. «Die Klienten haben oft keine anderen Kanäle, mit Emotionen umzugehen, als jenen, den man landläufig als Aggression kennt.» Durch Strukturen, wie sie «Bosco» bietet, werden aggressive Verhaltensweisen verringert – mehr noch: «Auch müssen erfahrungsgemäss weniger beruhigende Medikamente verabreicht werden.» Falls es dennoch zu handfesten Auseinandersetzungen kommt, bestehen eingespielte Stufenmodelle zur Deeskalation.

Das Gefühl am Abend, zu wissen, weshalb man müde ist

An diesem Morgen bleibt es friedlich auf dem Platz. Peter selbst ist keiner, der wegen aggressiver Verhaltensmuster auffällt. «Er lässt sich ablenken», erklärt Möri. Und in der Tagesstätte im Discherheim selbst wären die Reize zu viel für ihn. Hier aber richtet er seinen Fokus auf das Holzscheit vor ihm, auf das Resultat nach vollendetem Arbeitstag. Und auf das Gefühl am Abend, zu wissen, weshalb man müde ist.

Und so ist das sozialpädagogische Ziel in der Waldgruppe «Bosco» nicht anders als in den anderen Bereichen des Discherheims: «Wir wollen nicht die Beeinträchtigung behandeln, sondern den Mensch im Alltag begleiten und ihn befähigen, das zu tun, wozu er imstande ist.»

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