Solothurner Fasnacht
Während die einen immer noch feiern, putzen andere die Stadt

Acht Mitarbeiter des städtischen Werkhofs sind schon in aller Herrgottsfrüh unterwegs, um die Strassen der Stadt Solothurn von Tonnen von Konfetti und anderen Überbleibseln des närrischen Wochenendes zu befreien.

Simon Binz
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Was sich so alles ansammelt an einem Fasnachts-Tag
38 Bilder
Flaschen werden überall stehen gelassen
Auch Velo-Körbchen sind beliebte Deponie-Standorte.
Flaschenparade
Die Kleingeld-Ecke bekommt auch was ab
Hier steht viel Arbeit an
Das Konfetti-Meer wird zusammengeblasen
Vieles fliegt durch die Nacht
Konfetti fliegen ein letztes mal
Solothurner Werkhof reinigt ab 4.30 Uhr die Altstadt
Spritnachschub
St. Ursentreppe wird nicht verschont
Ladenbesitzer wird's freuen
Kleinste Ecken werden gesäubert
Einige Narren schauen beim Putzen zu
Neue Abfallsäcke müssen in die Kübel
Abfall, Abfall
Die Putzmaschinen kommen zum Einsatz
Die Putzmaschinen kommen zum Einsatz
Das Putzen funktioniert nicht störungsfrei - allerlei verstopft die Ansaugvorrichtung
Die Mitarbeiter müssen den Abfall dann wegschaufeln
Und weiter gehts....
Frühmorgens macht die Putzequipe die Solothurner Altstadt wieder sauber
Auch das muss sein Die WC-Anlagen werden geputzt
Alles mitnehmen
Achtung Hindernisse
Ein Berg voller Fasnachts-Überbleibsel
Schon fast sauber...
Montagmorgens um 6.45 Uhr ist die Altstadt sauber
Werkhof Solothurn hat ganze Arbeit geleistet
Werkhof Solothurn hat ganze Arbeit geleistet

Was sich so alles ansammelt an einem Fasnachts-Tag

Hans Ulrich Mülchi

Die kurze Schüttelpartie beginnt just in dem Moment, als Kurt Käser seine Handschuhe wieder zur Seite gelegt hat. Nichtsdestotrotz stoppt er sein Gefährt und öffnet die Fahrertür. Er weiss bereits, was los ist. Schliesslich ist es nicht das erste Mal an diesem Morgen nach dem Umzug, dass er die Mulde auf dem Rücken seiner Wischmaschine anheben muss, um im Ansaugrohr rumzustochern. Kurzer Test: Ja, saugt wieder!

«Pizzakarton», sagt Käser und erklärt so, warum er anhalten musste. Karton und Plastik seien sehr mühsam, so der 60-Jährige, Glas dagegen weniger. Kurz vor diesem Unterbruch – gerade mal eine halbe Stunde nach Beginn der Putzete – musste Käser bereits die ersten vier Kubikmeter Konfetti, Glas, Plastik, Aludosen und sonstigen Müll beim Depot des Werkhofs abladen.

Der Bauch der Putzmaschine hat nun wieder Platz für vier Kubikmeter; Käser rechnet mit einer weiteren halben Stunde bis zur nächsten Entleerung. Natürlich wird er recht behalten, schliesslich kennt Käser seine Maschine in- und auswendig. Vor allem kennt er den Fasnachtsmüll, denn Käser ist Teil eines achtköpfigen Teams, dass unter der Leitung von Vorarbeiter Jürg Hodler die Fasnachtsputzeten macht. Seit 4.30 Uhr sind die Mannen des Werkhofes auf der Gasse. Die einen bewaffnet mit Laubbläser oder eben Konfettibläser, andere mit Pick-ups fürs «Grobe». Und dann sind da noch die zwei Putzmaschinen, wobei die grössere der beiden Käsers Gefährt ist.

Leben und leben lassen

Kaum starten die Konfettibläser ihre Arbeit, breitet sich in der Stadt ein eigenartiger Geruch aus Benzin und Bier aus. Man riecht es aber nicht nur, man hört es auch: Die Konfettibläser geben Vollgas. Die Müllhaufen werden zur Mitte getrieben, wo sie im Schlund der Putzmaschinen verschwinden. Bei den einzelnen auf der Strasse verbliebenen Narren findet dieses Treiben kaum Beachtung. Vis-à-vis der «Krone» zum Beispiel tanzen ein Pinguin, ein Tiger und ein Mensch zu elektronischer Musik, die aus einem mobilen Speaker dröhnt.

Beobachtet wird die ganze Situation von Werkhofchef Patrick Schärer und seinem Stellvertreter Urs Mühlemann. Die zwei können sich ein Lachen nicht verkneifen. In der Tat ist es ein spezielles Schauspiel, wie ihre Mitarbeiter die Stadt von Tonnen von Konfetti säubern, während einige wenige nebenan immer noch am Feiern sind. Es gilt: Leben und leben lassen.

Kurt Käser fräst Schneisen in die mit Konfetti bedeckten Pflasterstrassen. Seit 26 Jahren arbeitet der Kriegstetter, der Auswärtige, wie er selber sagt, für die Stadt Solothurn. Seit 19 Jahren ist das Innere von Putzmaschinen sein Arbeitsplatz. Er selbst sei kein Fasnächtler, sagt Käser. Mit einer Handbewegung zeigt er auf die Strasse und meint: «Ich habe genug Fasnacht, gratis und franko.» Er lacht laut auf und fügt dann noch an: «Jedem das Seine, meins ist es nicht.»

Käser fährt dreimal um den Gerechtigkeitsbrunnen, bis wirklich auch das letzte Häufchen Konfetti aufgesaugt ist. Das Bedienen und Fahren der Putzmaschine bereitet ihm sichtlich Freude. Trotzdem hat er nicht nur positive Worte für sein Gefährt übrig – eigentlich fast keine. Er nennt sie Wundertüte, spricht davon, dass man nie genau wisse, was man zu erwarten habe. Im Gegensatz zum Vorgängermodell – er nannte sie Luftheuler – sei «Wundertüte» aber zumindest gut isoliert.

Das ermöglicht es Käser, während draussen die Konfettibläser rumoren, im Fahrerhäuschen Elvis «Greatest Hits» zu hören. Für den bekennenden Fan natürlich optimal. Aber auch die gute Akustik rettet «Wundertüte» nicht mehr: Im April wird sie ausgemustert und durch ein neues Modell ersetzt. «Schliesslich hat sie bereits 12 000 Arbeitsstunden hinter sich und ist völlig verbraucht. Kein Wunder nach zwölf Jahren», so Käser.

Warum nur kein Pfand ...

Gerade mal zwei Stunden wird es dauern, bis die acht Männer die ganze Stadt vom Müll befreit haben. Anschliessend geht es noch für eine weitere Stunde in der Vorstadt ans Werk. «Wegen der Lieferanten muss die Stadt zuerst geputzt werden, ansonsten behindern sie uns», erklärt Werkhofchef Schärer. Es ist eine umtriebige Zeit, diese närrische. Nicht nur für die Larventräger selber, sondern vor allem für die Mannen des Werkhofes.

Die Stadt gleicht während der Fasnachtszeit nämlich an mehr als nur an einem Morgen einem Schlachtfeld. Und während die stillen Schaffer gegen die Müllmassen kämpfen, tanzt die Pinguin-Tiger-Mensch-Gruppe noch immer zu elektronischer Musik. Werkhof-Chef Schärer schaut den zwei Männern und der jungen Frau zu und meint mit sanftmütiger Stimme: «Das ist doch schön, Hauptsache sie sind friedlich.» Im selben Moment läuft ein Mann mit Aktenkoffer an der Truppe vorbei. Ein komisches Bild – zwei verschiedene Welten. Vom Baseltor her, fährt ein Taxi vor die St.-Ursen-Treppe. Eine Bierflasche berstet unter dem Gewicht des Mercedes.

Ein inzwischen gewohntes Geräusch: Schon den ganzen Morgen fahren nämlich Taxis in die Stadt und führen die Larventräger ab. Es habe viel Glas dieses Jahr meint Patrick Schärer. Er und sein Stellvertreter sinnieren dann über die Frage, ob man nicht für gewisse Getränke ein Pfand einführen könnte ...

Lausbuben an der Gassenfasnacht

Die Strassen sind inzwischen mit einem Wasserfilm von Käsers Gefährt überzogen. Nur noch vereinzelt liegen Konfetti auf den Pflastersteinen. In regelmässigen Abständen torkeln jetzt die letzten Narren nach Hause, immer noch johlend. Glücklicherweise springen sie Kurt Käser nicht vor den Karren.

Apropos, gibts Probleme mit Betrunkenen? «Heute ist es ruhig, aber am Sonntagmorgen nach der Gassenfasnacht hatte es schon ein Paar Lausbuben auf der Strasse», sagt Käser und erzählt, wie einige bei seinem Arbeitskollegen hinten auf die Putzmaschine aufgesprungen seien. Auch bei ihm hätten sie das versucht, er habe sie aber beobachtet und rechtzeitig aufgehalten. Er deutet auf einen kleinen Bildschirm zu seiner Linken, darauf sind Kamerabilder vom Wagenende zu sehen. «Die erwarten nicht, dass man sie sieht», sagt er und lächelt.

Plötzlich fängt die Putzmaschine wieder an zu ruckeln – eine halbe Stunde ist vorbei. Käser dreht um und braust Richtung Bieltor. War er zuvor mit fünf bis zehn Stundenkilometern unterwegs, fährt er nun mit rund 50 Kilometer pro Stunde Richtung Gibelin. Ein Taxi, das bei einem Lichtsignal zu lange wartet, kassiert von Käser und seiner 135-PS-Putzmaschine die «Lichthupe». Beim Depot angekommen offenbart sich ein Blick auf eine imposante Menge Konfetti, gespickt mit allerlei Müll. «Alles nur von der Fasnacht. Am Schluss werden es 20 Tonnen sein, die dann zur Kebag gebracht werden», sagt Käser, steigt aus und führt dem Müllberg weitere vier Kubik zu.

Anschliessend wäscht er seine Maschine mit dem Hochdruckreiniger aus, die Kälte von draussen steigt langsam in die Fahrerkabine, während Elvis im Hintergrund «I did it my way» trällert. Käser steigt wieder ein, braust zurück in die Stadt, macht einige Drehungen bei der St.-Ursen-Treppe, bevor er dann entlang der fast blitzblanken Hauptgasse Richtung Chestelemuni fährt. «Soooo», beginnt Kurt Käser, macht eine kurze Pause und fügt an: «Chame lah gäute, oder?»