Wo kein Richter, da kein Henker. Oder auf den Wagenpark in der Weststadt umgemünzt: Wo kein Kläger, da keine Räumung. Seit Ende April stehen die zu Wohnräumen umgebauten bunten Bauwagen auf dem dereinstigen «Weitblick»-Areal.

Ein Zaun umfasst das Fleckchen Wiese, das fünf junge Menschen zwischen 21 und 27 Jahren und Mischlingshund «Roco», zurzeit ihr Zuhause nennen. Briefkasten und Gartentor untermauern das Gefühl des trauten Heims. Neben einem WWF-Aufkleber steht «Bleiberecht» an einem der Wagen. Ein Recht, das die «Wagabunten», wie sie sich nennen, hier streng genommen nicht haben. Doch wen störts? Reklamationen an die Adresse der Behörden gibt es bislang keine – lediglich neugierige Blicke und Fragen.

Fluri gewährt Gnade vor Recht

Zur Erinnerung: Nach einer genehmigten Zwischennutzung auf dem Badi-Parkplatz ausserhalb der Badesaison zog die Karawane im Frühling an den jetzigen Standort an die nördliche Kurve der Grabackerstrasse um. Und verliess damit die Sphäre der Rechtmässigkeit. Über die Wintermonate darf sie nun wieder an den angestammten, «legalen» Platz zurück – mit hochoffiziellem Segen der Behörden. Dazu traf sich diese Woche vor Ort Stadtpräsident Kurt Fluri mit den «Wagabunten». «Wir haben rund eine Dreiviertelstunde miteinander gesprochen und nun abgemacht, dass die jungen Leute wieder auf den Badi-Parkplatz ziehen dürfen.» Der Stadtpräsident gibt damit der Kulanz den Vorzug und begründet diese gleich selbst: «Es wäre unverhältnismässig gewesen, den Wagenplatz durch die Polizei räumen zu lassen. Und es bringt nichts, wenn sie einfach irgendwo anders hinziehen.» Immerhin scheint naheliegend, dass mögliche Konflikte auf grünen Wiese und ohne Nachbarn minimal sein dürften. Das war ab den früheren Orten nicht so: auf dem Gibelin-Areal, wo die private Besitzerschaft intervenierte, und am Kofmehlweg, wo Bedenken in Sachen Brandschutz vorlagen.

Dennoch sei es laut Fluri den «Wagabunten» klar, dass sie sich ohne entsprechende Zonenordnung nicht einfach irgendwo niederlassen können. «Sie müssen begreifen, dass es kein Dauerzustand sein kann, Plätze zu besetzen.» Zu einem «Gewohnheitsrecht» ähnlich wie im Wagendorf Zaffaraya im Berner Neufeld will es Fluri nicht kommen lassen: «Da würden wir vorher die Notbremse ziehen. Und wenn sich Besetzungen mengenmässig ausweiten, könnten wir auch nicht mehr kulant sein.»

Die «Wagabunten» selbst haben ihren genauen Umzugstermin noch nicht festgelegt. Genehmigt ist eine dreimonatige Zwischennutzung wie im vergangenen Winter. Geht es um eine langfristige Lösung, so stellt auch die Stadt entsprechende Überlegungen an: «Gewisse Ideen werden zurzeit entwickelt, die sind aber noch nicht spruchreif», informiert Fluri.

Neugierde gegen die Vorurteile

Die «Weitblick»-Besetzer ziehen ihrerseits ebenfalls eine positive Bilanz über ihre Anwesenheit bei der Westtangente. «Wir haben aus der Umgebung keine negativen Rückmeldungen erhalten», sagt Kevin * (21). Stattdessen gabs erste Freundschaften zu Spaziergängern oder einen Camionfahrer, der auf Besuch kam. Manchmal trauen sich Neugierige, ihre vorgefertigten Meinungen aufzugeben, indem sie ganz einfach Fragen stellen. Die Leute interessieren sich für diese Lebensweise, sowie für die damit verbundenen Einschränkungen und Vorzüge. In eine Mietwohnung – da sind sich alle fünf Wagendorf-Bewohner einig – will keiner mehr zurück. «Auch wenn dieses alternative Leben hier viel Zeit und Arbeit erfordert, wir kämpfen trotzdem darum, es so führen zu können.»

Auch geht jeder der Bewohner einer geregelten Arbeit nach – im Bau-, Gastro- oder Eventbereich. Lisa * (25) ist temporär berufstätig, «aber so, dass ich unabhängig bin und dennoch auf zwölf Quadratmetern Wohnfläche alles habe, was ich brauche.»

Mit Blick auf andere Städte erhoffen sich die «Wagabunten» eine dauerhafte Bleibe. Auch andernorts würden nämlich – mit oder ohne Zwischennutzungsvertrag – Wagenplätze geduldet. Zwar: Über Toleranz kann sich Lisa auch in Solothurn nicht beklagen: «Die ist vorhanden, auch wenn das Gesetz uns zurzeit dazwischen kommt...»

* Name geändert