Christine Krattiger
«Wach» ist sie in und für Solothurn

Christine Krattiger, die neue Leiterin des Personal- und Rechtsdienstes, ist seit bald 100 Tagen im Amt.

Andreas Kaufmann
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Für Christine Krattiger, die neue Leiterin des Rechts- und Personaldienstes, sind die Mitarbeitenden das grösste Kapital der Stadt.

Für Christine Krattiger, die neue Leiterin des Rechts- und Personaldienstes, sind die Mitarbeitenden das grösste Kapital der Stadt.

Andreas Kaufmann

Vor rund 100 Tagen haben Sie das Zepter von Gaston Barth übernommen. Wie war der Einstieg als Leiterin des Rechts- und Personaldienstes Solothurn?

Christine Krattiger: Der Einstieg war herausfordernd und spannend. Herausfordernd, weil mit der Personalführung ein ganz neuer Bereich hinzugekommen ist, den ich bisher nicht abgedeckt habe. Als Juristin war ich hingegen mit den rechtlichen Dossiers betraut, zwar auch nicht mit allen. Aber nach drei Monaten hat sich der Durchblick eingestellt.

Aber mit dem Personaldienst haben Sie ein grosses noch unbekanntes Terrain betreten.

Ich muss mich in all die Verfahrensabläufe einarbeiten. Andererseits wirken in diesem Bereich immer Menschen, die für uns arbeiten und wichtig sind. Gleichzeitig braucht es die Konsequenz, behördliche Vorgaben anzuwenden.

Das klingt nach einem schwierigen Spagat zwischen Paragrafenwissen und dem Feingefühl im Umgang mit den Stadtangestellten.

Seit 2013 dabei

Die 39-jährige Christine Krattiger absolvierte nach einer beruflichen Laufbahn in der Hotellerie und der Gastronomie auf dem zweiten Bildungsweg das Jura-Studium in Basel, das sie 2009 abschloss. Nach mehreren Tätigkeiten im juristischen Bereich (Untersuchungsbeamtin, juristische Sekretärin und juristische Mitarbeiterin) trat sie 2013 ihre Stelle als juristische Mitarbeiterin der Stadt Solothurn an. Seit 1. Februar ist sie in Nachfolge von Gaston Barth die neue Leiterin des Rechts- und Personaldienstes. Krattiger ist liiert und wohnt ab Mai in Basel und Zuchwil. In ihrer Freizeit liest, wandert und reist sie gerne. Eine weitere Leidenschaft ist die «Balkongärtnerei».

Tatsächlich geht es darum, dass man die richtige Balance findet zwischen Empathie, Einfühlungsvermögen und Verständnis einerseits und der Anwendung der rechtlichen Grundlagen andererseits, an die man gebunden ist. Schwierig ist der Spagat eigentlich nicht, das gehört zur beruflichen Funktion. Man muss sich einfach bewusst werden, dass man nicht immer so entscheiden kann, wie der Arbeitnehmer dies täte, und dass es immer auch andere Interessen gibt.

Bewährt es sich, Rechts- und Personalwesen aus einer Hand zu leiten?

Für eine Stadt dieser Grösse ist es machbar. Es geht um Synergien und kurze Entscheidungswege: Personalfragen haben oftmals juristische Komponenten – und solche Dossiers können auf diese Weise von einer Person bearbeitet werden. So weiss ich als Personalchefin auch ohne Konsultation einer weiteren Fachperson um die juristische Dimension einer Sache. Und nicht zuletzt ist es im Rahmen einer schlanken Verwaltung auch günstiger.

Wo orten Sie im Rechts- und Personaldienst sonst den Bedarf nach Erneuerung, nach Optimierung?

Ich hatte das Glück, dass ich einen gut geführten Rechts- und Personaldienst übernehmen konnte. Die internen Abläufe stimmen, ich kann mich auf ein gutes Team verlassen, das mich unterstützt. Und ich befinde mich immer noch im Prozess des Beobachtens, des Einarbeitens. Wenn ich Änderungen vornehme, dann erst, nachdem ich mich richtig eingelebt habe. Es gibt sicherlich kleinere Sachen, die man optimieren könnte, aber grundsätzlich läuft es so, wie es sollte. Und da ich vorher nicht mit dem Personaldienst in Berührung gekommen bin, kann ich gar nicht sagen, ob ich es anders mache oder nicht. Ich weiss lediglich, wie Gaston Barth mit mir zusammengearbeitet hat. Und ich habe das Gefühl, dass ich auf eine ähnliche Weise mit meinem Team harmoniere. Doch eigentlich müsste man diese Frage den Mitarbeitenden stellen.

Wo liegen die anstehenden Herausforderungen im Bereich des Personalwesens?

Das grösste Kapital der Stadt sind ja die Mitarbeitenden, die zum Teil sehr lange bei der Stadt angestellt sind. Jetzt befinden wir uns gerade in einer Phase, in der viele langjährige Angestellte pensioniert werden. Die konstante Herausforderung ist, wieder gleichermassen qualifizierte Nachfolgerinnen und Nachfolger zu finden. Die andere ist, dass man den Mitarbeitenden ein Klima bieten kann, das motiviert und sie dazu befähigt, Leistungen zu erbringen.

Hat es sich abgezeichnet, dass Sie die Nachfolge von Gaston Barth antreten werden?

Nein. Bei meinem Vorstellungsgespräch 2013 hat er zwar angekündigt, dass er 60 sei und dass mit der Pensionierung in fünf Jahren seine Stelle frei werde. Aber direkt hatte ich von seinem Entscheid der vorzeitigen Pensionierung nicht früher Kenntnis als alle anderen Mitarbeitenden. Dann habe ich angefangen, mir Gedanken zu machen, mit ihm gesprochen und mich dann auch beworben. Aber ich habe die Stelle vor drei Jahren nicht mit dem Ziel angetreten, Verwaltungsleiterin zu werden. Vielmehr war es eine «Once in a lifetime»-Gelegenheit, die sich ergeben hat.

Mit der Amtsübernahme sind einige Bundesordner mit schweren juristischen Dossiers in Ihr Regal gewandert. Welches wiegt am schwersten?

Es sind alle Dossiers zu mir rübergewandert – in einem nahtlosen Übergang. Von den meisten hatte ich bereits vorher Kenntnis, in andere wiederum wurde ich eingeführt. Welches besonders viel Aufmerksamkeit bedarf, kann ich nicht sagen. Es gibt Dossiers, die sind juristisch einfach, haben aber einen politischen Hintergrund. Andere wiederum sind politisch einfach, dafür juristisch komplex. Aber ich bearbeite alle Dossiers mit derselben Sorgfalt. Und natürlich ist es auch von aussen gesteuert, welche Beschwerden und Einsprachen reinkommen. Doch es gibt keines, das mir auf dem Magen liegen würde.

Auch nicht Dossiers wie die Überbauung Wildbach? Immerhin hat hier der Kanton der Stadt verboten, eine Zonenplanänderung bis zur Ortsplanungsrevision aufzuschieben, und damit einer Beschwerde der Bauherrin stattgegeben ...

Die Bearbeitung von Beschwerden ist unsere Aufgabe. Wir sind der Rechtsdienst für den Gemeinderat, und seine Planungsgeschäfte sind so gewollt. Und so vertreten und wahren wir die Meinung und die Interessen der Stadt. Da kann es juristisch immer wieder verschiedene Meinungen zwischen Stadt und Kanton geben. Das nimmt man unter Juristen nicht persönlich.

Apropos Gemeinderat: Wie blicken Sie der Zusammenarbeit mit der politischen Behörde entgegen – gerade im Hinblick auf die Ratssitzungen?

Bis jetzt war noch kein Geschäfts traktandiert, das meiner fachlichen Einleitung bedarf. Aber ich kenne die Ratsmitglieder, das sind für mich keine Unbekannten. Wenn ich mir meine Meinung gebildet habe, dann kann ich die auch vertreten und kann mich auch mit kritischen Fragen auseinandersetzen. Das bereitet mir keine Sorgen. Ich habe auch schon mal den krankheitsabwesenden Gaston Barth an einer Gemeindeversammlung vertreten – und da sitzen jeweils weitaus mehr Leute.

Steht Gaston Barth Ihnen eigentlich noch als Berater zur Seite?

Wir hatten zwei Verfahren, die er noch als externer Berater abschloss. Nur gab es keine überlappende Einarbeitungszeit, wie das bei den anderen Leitungswechseln üblich war. Nicht zuletzt aus Kostengründen haben wir die Übergabe auf den 1. Februar terminiert. Wenn ich aber Hintergrundwissen brauche oder ein lange zurückliegendes Dossier bearbeiten muss, kann ich ihn anrufen. Doch die Verantwortung liegt vollumfänglich bei mir. Und ich versuche, ihn so wenig wie möglich zu stören.

In Ihrem umfangreichen Lebenslauf fällt der Wechsel von der Hotellerie in die Juristerei auf.

Mit dem Entscheid für die Gastronomie und die Ausbildung als Hôtelière wollte ich einer Tätigkeit nachgehen, die mit Sprachen und Menschen zu tun hat. Ausserdem bot sich mir dadurch die Gelegenheit, ins Ausland zu gehen. Und so arbeitete ich drei Jahre lang in Italien. Dann aber hätte ich mich auf eine Sparte spezialisieren müssen – oder einen anderen Weg einschlagen. Das Jus-Studium hatte ich schon seit der Matura im Hinterkopf – und nachdem ich nun die ersten Semester erfolgreich absolviert hatte, schloss ich dann auch das ganze Studium gut ab und blieb auf der juristischen Schiene.

Inwiefern ist dieser breite Horizont, den Ihnen das Gastgewerbe vermittelte, auch in der aktuellen Position hilfreich?

Ich denke, in der Hauptsache habe ich damals den Umgang mit Personal gelernt, den ich jetzt wieder anwenden kann. Dazu gehören Kontaktfähigkeit, aber auch der Umgang mit Menschen. Gelernt habe ich damals auch, Prioritäten zu setzen, fokussiert zu arbeiten und in hektischen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Arbeit im Ausland hat mir zudem andere Realitäten aufgezeigt und meinen Horizont erweitert.

Sie wohnen ab Mai in Basel und Zuchwil, von Verwaltungsleitern wird aber eigentlich erwartet, dass sie in der Stadt Wohnsitz nehmen ...

Es gibt tatsächlich eine Wohnsitzverpflichtung. Wir haben aber eben gerade in Zuchwil eine Wohnung neu gekauft, daher konnten wir diese Verpflichtung für zwei Jahre aussetzen. Die Gemeinderatskommission ist zuständig für Ausnahmebewilligungen wie diese, und so wurde es auch in meinem Fall geregelt. Darüber hinaus haben wir natürlich auf eine Fusion gehofft (lacht), aber selbstverständlich nicht nur aus persönlichem Interesse.

Welchen persönlichen Bezug haben Sie sonst zu Solothurn?

Als Opernfan habe ich seit mehr als zwölf Jahren das Theaterabo. Schon als Kind fuhr ich dafür mit meinen Eltern aus dem Baselland nach Solothurn. Deshalb waren wir regelmässig in der Stadt – auch für den «Chlausemäret». Meinen Lebenspartner habe ich an der «Hafebar» kennen gelernt. Wir verbringen auch einen Teil unserer Freizeit hier. Auch mein Sportprogramm findet hier statt. Und nicht zuletzt verbringe ich die meiste «wache Zeit» in Solothurn – dank meiner Anstellung.