Solothurn
Vor zehn Jahren wurde in Solothurn das Aareufer entdeckt

Solothurn nach dem Jahrtausendwechsel. Noch gibts kein «Solheure», keine Hafebar, keine «Aarebar» und kein «Salzhaus», auch kein «Da Renato» im Bürgerhaus. Und vom «Lido» und dem Bootshafen ganz zu schweigen. Heute unvorstellbar.

Wolfgang Wagmann
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Im Januar 2002 wird der Kasten in die Uferbau-Decke gehängt
21 Bilder
10. Mai 2002: Eröffnungstag mit dem ersten Solheure-Team
Im Mai 2002 freuen sich Gudo Kummer und Jürg A. Pfluger über das neu eröffnete Solheure
Im Sommer 2003 wird der Zugang von der Kreuzackerbruecke zum Uferbau geschaffen
Solheure und Hafebar
Die Filmsternchen Elisa Pluess und Tanina Euling, an den Filmtagen 2009 im Uferbau
Gefragt sind die Solheure-Häppchen nicht nur an den Filmtagen
Kongeniales Duo -Hanspeter Bader und Jens Wacholz sorgten im Uferbau schon für viele theatralische Höhepunkte
Der Treffpunkt: Die Solheure-Innenbar
2003 freut sich Architekt Guido Kummer im Solheure über eine Rasenbar
Im Solheure werden auch Fussballfeste wie hier an der WM 2010 zelebriert
Konzerte lockern das Beach-Leben vor dem Solheure auf
Schönheiten der Nacht am alljährlichen Neonowumm-Ball im Solheure
Die heutige Solheure-Betreibsleitung mit Alain Voser und Gaby Hladikova
Im Frühling 2012 erhielt das Solheure eine neue Aussenbar
16. Mai 2002: Die Hafebar wird eröffnet
Stadtpräsident Kurt Fluri würdigt die Hafebar 2003 bei der Verleihung des Heimatschutzpreises
Konzerte gehören zum Hafebar-Feeling
Der damalige Hafebar-Wirt Nik Misteli bereitet die Saison 2007 vor
Auch die Euro 2008 zog an der Hafebar die Fans in ihren Bann
Hafebar-Inititant Bruno Walter mit dem heutigen Führungsduo Nicole Plüer (l.) und Stefanie Probst.

Im Januar 2002 wird der Kasten in die Uferbau-Decke gehängt

Oliver Menge

Doch das «Aarefieber» grassiert in der Stadt Solothurn, die ihren Fluss seit jeher als Feind gesehen hat, und sich diesen mit Mauern vom Leib gehalten hat. Das kleine, provisorische Strandbeizli, «Solheure» genannt, floriert auf Anhieb neben dem verwaisten Schlachthaus, am Landhausquai werden seit 1998 emsig Pläne geschmiedet, zuerst mit einem Kiosk auf dem Fluss, dann mit einer Plattform als Treppenverlängerung, ehe die Vision einer Abtreppung des Quais aufsteigt.

Zuletzt wird beides verworfen, nur die Treppe zur Aare vergrössert und erneuert, der Platz oben um das Landhaus-Brünnli umgestaltet. Bereit gemacht, für den ersten «Solothurner Supersommer», der vor zehn Jahren, im Mai 2002, durchgestartet ist.

Vom Schlachthaus zum Uferbau

Von Amtes wegen tut man sich schwer, sehr schwer, das Potenzial entlang der Aare zu erkennen. Erst einmal legt der Kanton Solothurn, zu dessen Hoheitsgebiet die Aare gehört, seine schwere Hand auf den Flusspegel. Alles muss seine Ordnung haben.

«Solheure»: Vier Tage wird gefeiert

Das «Solheure» ist aus dem regionalen Kultur-, Nacht- und Szeneleben nicht mehr wegzudenken. Was zur Feier des 10. Geburtstags lautstark unter Beweis gestellt wird. Vier Tage lang geht an der Aare die Jubiläumspost ab: Bei den «Happy Birthday nights« stehen in Solothurn Konzerte, Partys und zum Abschluss ein opulenter Sonntagsbrunch auf dem Programm. Zum Auftakt spielt heute Donnerstag, JJ's Hausband mit Verstärkung zum Konzert auf - bei freundlichem Wetter draussen an der Aare. Alle sind willkommen, der Eintritt ist frei. Morgen Freitag, 11. Mai, bitten «Gentediaare» zur Party. Als dritter Höhepunkt wartet am Samstag das «Solheure» mit dem legendären «Sudden Rush» auf. Ab 22 Uhr gehts ab und schlaflos weiter bis morgens um 4 Uhr. Gemächlich, relaxed, trudelt das lange Geburtstags-Weekend in den Sonntagmorgen und -mittag hinüber, der gleichzeitig Tag der Mütter ist. Diese treffen ab 10.30 Uhr mit ihren Familien auf die Partykinder der letzten Nächte und lassen sich beim «Solheure»-Sonntagsbrunch verwöhnen. (mgt)

Und deshalb wird zusammen mit der Stadt ein Aare-Nutzungskonzept erarbeitet. Was aber dauert. Dabei hält die Stadt selbst den Schlüssel zum Aare-Paradies in der Hand. Und dreht ihn nicht. Denn seit 1987 wird das der Stadt gehörende Schlachthaus nicht mehr für seinen eigentlichen Zweck genutzt.

Man lagert darin Versteinerungen des Naturmuseums, unterhält dort einen Konfiskat-Raum zur Entsorgung verendeter Haustiere. Auch als Lagerraum für Kulissen des Stadttheaters dient das Schlachthaus; im Ballenhaus befinden sich einige längst nicht mehr marktfähige Wohnungen.

Doch bis Ende der neunziger Jahre sieht die Stadt keinen Handlungsbedarf, belässt das Objekt an der Aare in seiner zweitrangigen Rolle. Mit dem zunehmenden Druck auf eine bessere Aare-Erschliessung entscheidet man sich endlich, den vorderen Teil des Ensembles, das eigentliche Schlachthaus, zu räumen.

Erst im zweiten Anlauf ringt man sich zum Verkauf des gesamten Traktes durch - für eine Million Franken. Die Ballenhaus AG, geführt durch den Architekten Guido Kummer und den Unternehmer Jürg A: Pfluger erhält schliesslich den Zuschlag für das neu «Uferbau» genannte Schlachthaus mitsamt dem Ballenhaus. Was nicht allen passt: Die Macher der späteren «Seminarmeile» hätten das Ensemble an der Aare gerne als künftiges Seminarhotel gesehen. Doch so wird 2001 indirekt der Grundstein für künftige Hotel Ramada gelegt...

Das Erfolgsmodell «Solheure»

Architekt Kummer hat nicht nur ein glückliches Händchen beim Umbau, sondern auch beim Engagement der künftigen Mieter. Im Ballenhaus lässt sich das Inneneinrichtungshaus Teo Jakob nieder, der westlichste Teil des Uferbaus mutiert zum Kulturraum, der als Kino, Theater- und Ausstellungsraum vielfältig genutzt wird.

Ein Volltreffer ist jedoch die Übernahme des «Filetstücks» in der Gebäudemitte durch die damalige Genossenschaft Löwen, heute Baseltor. Ab Herbst 2001 investiert sie eine Million Franken in das neue «Solheure», das auf einen Schlag ab der Eröffnung Mitte Mai zum Trend- und In-Lokal Solothurns wird.

«Wir haben 13 Vollzeitstellen geschaffen», erklärt in diesem Mai 2002 stolz Franz Herger, noch heute Geschäftsführer der Genossenschaft Baseltor. Diese hat im Vorjahr 2001 im Stammhaus Baseltor mitsamt Hotelbetrieb 2,7 Mio. Franken Umsatz erzielt, dazu 300000 im kleinen «Solheure»-Provisorium vor der Schlachthaus-Ostfassade. Nun will Herger allein im neuen «Solheure» mit seiner 18 Meter langen Bar 1,5 Mio. Franken Jahresumsatz generieren.

Ein Understatement der Extraklasse. Denn 2011 hat die Genossenschaft – allerdings mit einer weiteren neuen «Aare-Perle», dem «Salzhaus» – einen Jahresumsatz von über 8 Mio. Franken, davon allein im «Solheure» stolze 3,5 Mio. Franken, erzielt.

Solothurn liegt am Meer

Und das trotz massiver Konkurrenz. Denn fast zeitgleich im Mai 2002 wird die Hafebar am Südufer der Aare eröffnet. Die Idee von Vorstadt-Architekt Bruno Walter, der ein Konsortium von Solothurner Gewerbebetrieben um sich geschart hat, ist bestechend: Eine demontierbare Bar wird nur im Sommerhalbjahr unter dem Dach des bewährten Restaurants Vini al Grappolo geführt.

Doch der Amtsschimmel wiehert keineswegs begeistert. Zuerst wird eine Ausschreibung veranlasst, damit auch das Konkurrenzprojekt «Parador» seine Chance erhält. Und dann erwägt man im Stadtbauamt ernsthaft, die Hafebar gegenüber dem Betonklotz der Kaufmännischen Berufsschule zu platzieren, um die Poesie des Rollhafens nicht zu beeinträchtigen.

Doch im Mai 2002 ist das alles vergessen. Bald wird der Schriftsteller Franco Supino dank der Hafebar schwärmen: «Solothurn liegt am Meer.» Der Heimatschutz zeichnet sie aus, und nördlich der Aare wird noch im Sommer 2002 auch das «Kreuz»-Beizli neben dem Landhaus eröffnet. Es folgen das «Salzhaus», die «Aarebar», der umgebaute «Storchen», zuvor nach langem Ringen mit der Altstadtkommission südseitig die Terrasse des «Da Renato» im Bürgerhaus.

Die «Seminarmeile» als Ganzes wird Ende 2006 vollendet, nun soll diesen Sommer endlich der Kreuzackerplatz auf Vordermann gebracht werden – nach jahrelangem Dahinsiechen als Diskussionsfutter zwischen dem Stadtbauamt und der Denkmalpflege. Solothurn liegt inzwischen «am Meer» – der Weg dahin wir allerdings ein langer und dornenvoller.