Zuchwiler Aarmatt

Vor Solothurns Toren entsteht eine Lernstätte der Energie

Die städtische FDP lud ein zu einem Rundgang im Hybridkraftwerk der Regio Energie Solothurn. Die zukunftsträchtige Vorzeigeanlage soll dereinst die Energieträger Wärme, Strom und Erdgas je nach Bedarf ineinander umwandeln.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit führt Marcel Rindlisbacher die interessierten Besucher durch die komplexe Anlage auf der Zuchwiler Aarmatt und erklärt die hochtechnisierten Hintergründe. Dieses Mal ist es die FDP-Ortspartei der Stadt, die der Leiter des Geschäftsbereichs Netze der Regio Energie Solothurn RES auf einen Rundgang mitnimmt – eine von vielen Gruppen. Als «Tourguide» des Hybridwerks hat Rindlisbacher mittlerweile Übung. Denn das Interesse an der Anlage steigt, die Führungen häufen sich. Dass die RES als stolze Besitzerin der «europaweit einzigartigen» Anlage nicht müde wird, den vom Bundesamt für Energie geprägten Begriff des «Leuchtturmprojekts der Energiewende» zu verwenden, kommt nicht von ungefähr. Doch was macht das Hybridwerk zum Unikum energiepolitischer Prägung?

Die Speicherfrage wird zentral

Am Anfang stand die Idee einer Notfall-Heizzentrale fürs Fernwärmenetz. Kostenpunkt: bis fünf Mio. Franken. «Doch eine solche Anlage bloss für den Notfall zu bauen, schien wenig sinnvoll», so Rindlisbacher. Mit der energiepolitischen Perspektive des Bundes – der Energiestrategie 2050 – nahm die Blaupause eines ambitionierteren Projekts Form an: Auf der Aarmatt sollte eine Einrichtung entstehen, welche die Energieträger Wärme, Elektrizität und Gas je nach Bedarf oder Überkapazität ineinander umwandelt. Das Szenario 2035 diente der RES als Orientierung für bereits umgesetzte oder angedachte Pläne. Dabei steht die künftige Herausforderung, Energie zu speichern, im Vordergrund: «Für 2035 rechnen wir im Sommer mit einem Überschuss an Storm aus Photovoltaik», prognostiziert Rindlisbacher. Allein in Solothurn soll die Überproduktion von Solarstrom in 20 Jahren 3,8 Gigawattstunden betragen. Doch wohin damit?

Abseits der Frage, wie Pumpspeicherkraftwerke das Speicherproblem dereinst lösen könnten, verfolgt die Hybridanlage in Zuchwil einen anderen Ansatz. Das Funktionsprinzip: Um die Spitzen der Stromüberproduktion zu brechen, wird in der «Aarmatt» aus Strom synthetisches Gas hergestellt – «Power-to-Gas» nennt sich das Prinzip. Einerseits wird mit Elektrolyseuren, die vor einigen Tagen geliefert wurden, dereinst mittels Überschuss-Strom Wasserstoff hergestellt und dosiert ins Gasnetz gespeist. Andererseits ist mittelfristig eine Methanisierungsanlage geplant, die ebenfalls mittels Elektrizität aus Kohlendioxid Methan herstellt. Methan macht den überwiegenden Anteil von Erdgas aus, Wasserstoff kann in kleinen Mengen beigefügt werden. Besteht nun erhöhter Strombedarf, so kann Erdgas aus den bestehenden Tanks bezogen und über eine Wärme-Kraft-Kopplung in Elektrizität zurückgewandelt werden. Die entstehende Abwärme wird ihrerseits über Wärmepumpen fürs Fernwärmenetz «abgeschöpft». Soweit das Grundprinzip, für das die RES rund zehn Mio. Franken an Investitionen stemmt. Und Rindlisbacher spricht neben der Methanisierung von weiteren Realisierungsschritten, deren Planung jetzt angegangen wird: von Druckluftspeichern, Batteriespeichern, Holzvergasungsanlagen und von Geothermie.

Ein Labor der Errungenschaften

«Achten Sie darauf, wohin Sie gehen!», mahnt Rindlisbacher die Gruppe in der Maschinenhalle, wo bald wuchtige Blockheizkraftwerke für die Wärme-Kraft-Kopplung installiert werden. Werkzeuge, Tische, Rohre und Gerüste zeugen davon, dass die Arbeit hier und auf dem ganzen Gelände mittelfristig nicht ausgehen wird. Eine Baustelle wird die «Aarmatt» auch längerfristig bleiben – gewollt. Handelt es sich doch auch um ein lernende Institution, eine Denk- und Forschungswerkstatt, die schon heute Technik-Studenten die Forschungsfragen für Semesterarbeiten liefert. Und auch RES-Direktor Felix Strässle hofft auf Lerneffekte aus dem «Labor». «Der Betrieb der Anlage wird aufzeigen, wie gross einzelne Komponenten dimensioniert sein müssen.»

Dass derweil die Wirtschaftlichkeit (noch) im Hintergrund bleiben muss, ist den aktuellen politischen Rahmenbedingungen geschuldet: «Nein, von Wirtschaftlichkeit kann man heute noch nicht sprechen», sagt Rindlisbacher und nennt Systemgrenzen. Unter anderem könnte der Strom zwar in Überproduktionszeiten gratis bezogen werden, nur fällt ohnehin eine Netznutzungsgebühr an. An dieser und an anderen politischen Rahmenbedingungen müsse man arbeiten, um eine Rentabilität des Hybridwerks zu erreichen.

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