Solothurn

Vor 20 Jahren sorgte sie für internationale Schlagzeilen – nun kehrt Priesterin Denise Wyss zurück

Der christkatholische Pfarrer Klaus Wloemer und seine Nachfolgerin Denise Wyss.

Der christkatholische Pfarrer Klaus Wloemer und seine Nachfolgerin Denise Wyss.

Im Herbst löst Denise Wyss den christkatholischen Pfarrer Klaus Wloemer von Solothurn in seinem Amt ab. Damit kommt sie in jene Kirche zurück, in der sie vor 20 Jahren als erste Frau zur christkatholischen Priesterin geweiht wurde.

«Kirchenhistorisches Ereignis» titelte damals die Solothurner Zeitung: Im Februar 2000 ging ein Name nicht nur durch die regionale Presse, sondern um die ganze Welt. Die Derendingerin Denise Wyss wurde in der Franziskanerkirche mit 35 Jahren zur christkatholischen Priesterin geweiht – als erste Frau der Schweiz. Zum 20. Jahrestag ihrer Weihe vermeldet die heute in Baselland wohnhafte Wyss eine weitere Neuigkeit: Im Herbst wird sie den amtierenden Pfarrer von Solothurn, Klaus Wloemer, ablösen – als ein mittlerweile bekanntes Gesicht, da sie bereits mehrere stellvertretende Einsätze in hiesigen Gottesdiensten bestritt.

Schon als Kind von Glaubensfragen fasziniert

Doch wer ist Denise Wyss? Und wie beantwortet sie die Gretchenfrage? «Fragen des Glaubens und der Spiritualität haben mich bereits im Kindesalter interessiert.» Gleich neben ihrer Bildungsstätte, der Kanti, besuchte sie als 16-Jährige – damals noch römisch-katholisch – eine Woche lang das Kloster Nominis Jesu, das dem heiligen Franz von Assisi zugewandt ist. «Eine Figur, die mich schon immer fasziniert hat», erzählt Wyss. Nach der Kantizeit folgte ein Orientierungsjahr, «in dem ich diverse Studienrichtungen ausprobiert habe, bevor ich mich für Theologie entschied.»

Nach zwei Studienjahren an der Uni Luzern konvertierte sie zum christkatholischen Glauben, als sie ihre eigene Haltung zwischen den linkskatholischen und den konservativen Kräften der Studentenschaft zu reflektieren begann. Sinnigerweise begann alles mit einer Zufallsbegegnung in der Franziskanerkirche – mit dem damaligen Sigristen, der vor Ort künstlerische Installationen entwarf. Auf diese Weise traf sie auch auf den damaligen christkatholischen Pfarrer Peter Hagmann.

Alsbald schloss sie als erste Frau das Staatsexamen in Theologie an der damals noch eigenständigen christkatholischen Fakultät der Uni Bern ab. Fasziniert vom kirchlichen Dienst für den Menschen, wählte sie die damals offenstehende Option der Diakonie und setzte in Baden-Brugg sowie Aarau ihre erste berufliche Wegmarke.

In der Pole Position für das Priesteramt

Gleichzeitig war kirchenpolitisch einiges in Gang geraten, was der Frauenordination den Weg ebnete: Konkret hatte sich 1999 die Nationalsynode, also das «Parlament» der Schweizer Christkatholiken, entschieden, nach dem Diakonat auch die Priesterweihe sowie die Bischofswürde für Frauen zu öffnen. Dies nach einem Prozess, der in mehreren Ländern über Jahre kontrovers ablief. «Plötzlich war ich in der Pole Position, als erste diesen Weg zu gehen», erinnert sich Wyss.

Keineswegs habe sie durch ihre Absichten diesen kirchenpolitischen Wurf beflügelt, noch jahrelang darauf hingefiebert. «Es war ein reifer Apfel, den man pflückt. Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.» Also der 19. Februar 2000 in der Franziskanerkirche zu Solothurn, wo sie durch den holländischen Erzbischof Antonius Jan Glazemaker die Priesterweihe empfing.

Eine Schwemme von Schlagzeilen und Reaktionen

Es war ein Ereignis, das Schlagzeilen en masse generierte. «Darunter sogar die Interviewanfrage einer Radiostation aus Kanada.» Und Reaktionen aus aller Welt: «Einen Wäschezuber voll Briefe» hatte Wyss bald beisammen. «90 Prozent davon waren positiv», wenn auch teilweise fragwürdig: «Darunter waren auch Liebesbriefe und Heiratsanträge», erzählt sie schmunzelnd. Einige der negativen Reaktionen waren hingegen weit unter der Gürtellinie  – oft Anfeindungen andersgläubiger Menschen, die durch das symbolträchtige Novum ihre eigenen religiösen Wertvorstellungen herausgefordert sahen.

Die Schlagzeile in der Solothurner Zeitung im Februar 2000

Die Schlagzeile in der Solothurner Zeitung im Februar 2000

Dabei, erklärt der amtierende Pfarrer Wloemer, seien im ur- und altchristlichen Glauben die «Gaben» wie Lehrer, Heiler oder Redner beiden Geschlechtern gleichberechtigt beschieden gewesen: «Selbst in patriarchalen Strukturen kommt man nicht umhin, in der Bibel von wichtigen Positionen zu lesen, die Frauen im Umfeld Jesu Christi eingenommen haben.» Wloemer erwähnt Apostolin Junia, die später zu Junias wurde, sowie Maria Magdalena als Weggefährtin und Auferstehungszeugin Jesu.

Ein Medienrummel, der belastete

Während Wyss’ Zeit als Pfarrerin in Baden-Brugg und Aarau verebbte der Medienrummel nie ganz. Für Wyss auch eine belastende Begleiterscheinung ihrer Berufung. Zeitgleich mit ihrem Amt als Pfarrerin liess sie sich seelsorgerisch weiterbilden und vertiefte sich in systemische Familientherapie und Energiearbeit. Die letzten elf Jahre hatte Wyss ihren beruflichen Mittelpunkt in der Kirchgemeinde Laufen sowie später auch in der Kirchgemeinde Baselland.

Die Anfrage, die nach langer Zeit aus Solothurn bei ihr eintraf, überraschte und erfreute sie. Und – sie forderte sie heraus: «Schliesslich habe ich in Baselland mein Zuhause gefunden.» Auf ihr inneres «Ja» für Solothurn musste sie eine Weile warten. Aber weil Solothurn der Ort ihrer Kindheit sei und auch ihre Mutter in der Region lebt, sagte sie zu. «Ausserdem ist es eine sehr attraktive Kirchgemeinde», schwärmt Wyss. Vorerst wird die ledige, naturnahe Pfarrerin in Baselland wohnhaft bleiben – ist aber offen, hier etwas zu finden.

«Denise Wyss ist ein absoluter Glücksfall»

Wloemer ist erfreut über die Nachfolgelösung: «Ich wollte nur das Allerbeste. Dass es so gekommen ist, ist ein absoluter Glücksfall – nicht nur, weil Denise Wyss eine sehr gute Stimme hat», ergänzt er schmunzelnd. So habe man von den anderen Kirchgemeinden nur das Beste gehört.

«Ich sehe mich nicht an der Spitze der Kirchgemeinde, sondern in einem Kreis, als Freundin und Begleiterin», hebt Wyss ihr Rollenverständnis für Solothurn hervor. Umso mehr, als dass sie die Abkehr von der autoritären Rolle des Pfarrers begrüsst. «Je länger, je wichtiger finde ich es, den Menschen gegenüber die Liebe Gottes zu vergegenwärtigen und in ihnen die Liebe Gottes zu wecken.»

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