Als Kinder spielten wir oft und gerne bei unseren Grosseltern im Garten des Loretohofs. Man konnte auf Bäume klettern, auf der grossen Wiese herum tollen, im mystischen Wäldchen Versteckis spielen, Beeren stibitzen und Vieles mehr. Am interessantesten aber war es für uns, die «Alte Fabrik», die an den Loretohof angebaut war, zu betreten. Dies war natürlich ganz strikte verboten! Dennoch fanden wir immer irgendwie Zugang zu dieser «Alten Fabrik».

Dort lagerten «Schätze», denn die Gebäulichkeiten wurden als Abstellort für Möbel und alles «Unbrauchbare» verwendet. Es lagerten darin auch russige, angebrannte Maschinenteile. Spinnweben überall! Es war gruselig und faszinierend zugleich. Wir wussten nur, dass diese Fabrik mal gebrannt hatte und es ging das Gerücht um, die Fabrikarbeiter hätten die Fabrik angezündet. Per Zufall fand ich vor zwei Jahren in meinem Elternhaus ein kleines Fotoalbum, mit Bildern vom Brand der Loreto-Schraubenfabrik an der Florastrasse, und vor allem mit dem genauen Brand-Datum: 4. November 1918, exakt eine Woche vor Beginn des Landesstreiks.

Ein erfolgreiches Unternehmen

Der Ursprung der Schraubenfabrikation an der Florastrasse geht auf das Jahr 1895 zurück. Basil Roth, Felix Wolf und Leo Walker bauten das bereits bestehende Gebäude um, in dem einst der berühmte Orgelbauer Johann Kyburz seine Orgeln gebaut hatte, und gründeten das Unternehmen. Bereits 1896 wurden die Produkte an der Schweizerischen Landesausstellung in Genf ausgestellt und mit der bronzenen Medaille ausgezeichnet.

1898 übernahm mein Urgrossvater Benedikt Froelicher-Reinhart zusammen mit Casimir Müller als Kollektivgesellschaft die Firma, die von da an den Namen Loreto-Schraubenfabrik trug. 1905 wurde die Fabrik erstmals aus- und umgebaut und in eine AG umgewandelt, deren Geschäftsführer mein Urgrossvater war. Das junge Unternehmenentwickelte sich von Jahr zu Jahr. Die schön präsentierten Produkte wurden 1910 an der Weltausstellung in Brüssel ausgestellt und prämiert. Es handelte sich um 226 verschiedene Schraubentypen: Ganz kleine Bijouterieschrauben, die man kaum von blossem Auge erkennen konnte, aber auch Schrauben in ganz gewöhnlichen Dimensionen in den verschiedensten Arten und Metallen.

Der Erfolg wiederholte sich 1911 an der Weltausstellung in Turin. So wurden die Erzeugnisse einem internationalen Publikum bekannt gemacht. Internationale Geschäftsbeziehungen wurden geknüpft. 1911 erwarb die Firma am Standort Biberiststrasse/Wassergasse eine bereits bestehende Schraubenfabrik als Filiale. Mittlerweile kamen 1915 die beiden Söhne nach ihren Lehr- und Wanderjahren in die Firma: Mein Grossvater Hugo Froelicher als kaufmännischer und mein Grossonkel Alfred als technischer Direktor.

Die sehr erfolgreiche Geschäftsentwicklung wurde leider durch die Brandkatastrophe vom 4. November 1918 vom einen Tag zum andern gestoppt. Im Stammhaus an der Florastrasse, das von 1916 bis im Frühling 1918 umgebaut, erweitert und modernisiert worden war, konnte nicht mehr produziert werden. Die beiden Wohnhäuser blieben vom Feuer verschont.

Gemeint, das Kloster brenne

Der Buchdrucker Gustav Gubler, der mit dem Apotheker Dobler und einem Sanitätshauptmann kurz nach 23 Uhr das Restaurant Schnetz in der Greiben verliess, sah am Unglückstag eine Röte und meinte, das Kloster Visitation brenne. «Fürio!» rufend eilten die Drei die Kapuzinergasse hinauf und über die Loretowiese. Da bemerkten sie, dass es im Mittelteil der Fabrik, die rundum an den Loretohof angebaut war, im ersten Stock, brannte. Bereits stiegen helle Flammen empor.

Die Männer stiegen über eine Mauer in den Hof, machten alle Türen auf und drehten das Licht an. Ein Kurzschluss konnte also das Feuer nicht ausgelöst haben. Dann aber mussten sie das Gebäude verlassen, weil bereits Ziegel vom Dach fielen. In dem Moment traf die Feuerwehr ein. Es war der Nachbar, Kreiskommandant Johann Seiler, der den Feuerwehrkommandanten Pfister via Telefonzentrale angerufen hatte. Dieser löste dann den allgemeinen Feueralarm aus.

Alfred von Rohr, der seit fünf Jahren als Magaziner in der Firma Loreto arbeitete, hatte gegen 19.30 Uhr als Letzter das Gebäude verlassen, nachdem er alle Arbeitsräume kontrolliert und nichts Verdächtiges festgestellt hatte. Geraucht worden sei während der Arbeit nie, jedoch hätten die Arbeiter jeweils nach dem Verlassen der Arbeitsräume auf der Treppe ihre Zigaretten angezündet. Und gemäss den Zeugenaussagen meines Urgrossvaters hatte er mit den Arbeitern auch keine Differenzen.

Neuer Standort gefunden

Brandstiftung kam also auch nicht in Frage. Und so konnte nie geklärt werden, wie es zum Brand kam. Den Betrachtern bot sich ein trauriges Bild! Bis auf den Westflügel, der als zweistöckiges Gebäude bestehen blieb, musste alles abgerissen werden. Gottlob gab es die Filiale. Dort konnte wenigstens weiter produziert werden.

Da die Baubewilligung für eine neue Produktionsstätte an der Florastrasse nicht mehr erteilt wurde, musste ein neuer Standort gesucht werden. Dieser fand sich praktisch vis à vis der Filiale an der Biberiststrasse: Die neue «Loreto» konnte 1920 bezogen werden, die Filiale, die nachmalige «Ghielmetti», wurde verkauft. In diesem Jahr starb dann auch mein Urgrossvater. Seine beiden Söhne, und später drei Enkel und deren Cousin, führten die neue Schraubenfabrik Loreto AG weiter, bis ins Jahr 1978.

Quellen: Staatsarchiv Solothurn und «Mit der Kamera durch die Schweizerische Industrie und Wirtschaft» in der Nationalbibliothek Bern.