Solothurn
Von Online zu Print: Geschäftsfrau publiziert ein Buch ihrer Blogs

Die Solothurner Geschäftsfrau Daniela Jäggi hat im Rothus-Verlag ihre Online-Kolumnen zu einem Buch verdichtet und damit einen alten Wunschtraum verwirklicht.

Andreas Kaufmann
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Zuhause in Bettlach lancierte Geschäfts- und Familienfrau Daniela Jäggi den Blog.

Zuhause in Bettlach lancierte Geschäfts- und Familienfrau Daniela Jäggi den Blog.

Andreas Kaufmann

Es ist ein Kindheitstraum, der sich für Daniela Jäggi zum zweiten Mal erfüllt: Bereits als Elfjährige tingelte sie von Haustür zu Haustür und bot ihren Gedichtband feil. Und heute, 36 Jahre später, freut sie sich auf ihr erstes – aber eigentlich zweites – eigenes Buch, das am Dienstag, 31. März, um 19 Uhr in der Rothus-Halle Solothurn aus der Taufe gehoben wird. «Schreiben, das bin ich», sagt die Autorin, die in Bettlach wohnt und in Solothurn vor allem als Geschäftsführerin der beiden «Cristina’s»-Konfektionsläden bekannt ist. «Von süss bis ungeniessbar», nennt sich das Werk, das nun unter Begleitung von Literaturfachmann Urs Heinz Aerni im Rothus-Verlag entstand.

Auf 208 Seiten lässt sie in ihre Gedanken und Ansichten blicken, manchmal schelmisch, manchmal zynisch, zuweilen auch kontrovers. Ein Buch, in dem sie sich nicht als Rolle, nicht als Geschäftsfrau von Solothurn versteht, sondern als Autorin mit erlebter «Wiedergeburt». Die Grundlage zum Buch bildet ein Blog, mit dem Daniela Jäggi seit vergangenem September präsent ist. Auf diesem Weg sammelte sie bis jetzt 50'000 Likes und erreichte an Spitzentagen bis zu 1500 Besucher. «Dies sei für einen unabhängigen und nicht kommerziellen Blog ziemlich viel, sagt man», erzählt Jäggi. Dabei ist festzuhalten, dass gerade die Schweizer Bloggerszene ebenso dünn besiedelt ist, wie ihre Besucher dürftig sind.

Doch die Gunst einer Leserschaft spürte sie bereits viel früher: «Ich habe immer geschrieben – vom ersten Moment an, als ich einen Bleistift richtig halten konnte.» Der Solothurner Schriftsteller Ernst Burren, bei dem sie die dritte und vierte Primarklasse besuchte, förderte ihr Talent, ebenso Daniela Jäggis Eltern, die für sie besagten Gedichtband drucken liessen. «Bewahre Dir das Schreiben», ermutigte sie zudem ihr Grossvater Robert Mathys Senior, Begründer des Familienunternehmens Mathys AG.

«Lerne was Anständiges»

Was sie dennoch einen anderen Weg einschlagen liess, war letztlich «bloss» die gesellschaftliche Erwartung, sich nicht auf das brotlose Abenteuer der Schriftstellerei einzulassen. «Man hört es halt immer wieder: ‹Lerne was Anständiges›», sodass sie nach abgebrochener Kantonsschule eine kaufmännische Laufbahn einschlug und schliesslich in ihre heutige Position als Geschäftsführerin gelangte. «Als ich mich gegen das Schreiben entschied, habe ich mir dadurch viele Türen zugeknallt», so ihre späte Überzeugung. Immerhin blieb sie als «Värslischmied» der lokalen Narrenpresse lange treu.

Vor 15 Jahren folgte mit dem Tod ihres Grossvaters aber der Einschnitt: «Mein letztes grosse Schreibstück war die Trauerrede für meinen Grossvater. Danach konnte ich plötzlich nicht mehr schreiben – als hätte ich meine Freude daran zusammen mit meinem Grossvater beerdigt.» Bis vor einem Jahr träumte sie oft von ihm – was auf einmal abrupt endete: «Und da konnte ich plötzlich wieder schreiben.» Schliesslich setzte ihre Tochter mit Ermutigungen dort ein, wo ihr Grossvater aufgehört hatte: «Behalt deine Geschichten nicht für Dich», befand sie, die mit den Möglichkeiten der Neuen Medien aufgewachsen war: «Schreib einen Blog» so ihre Tochter. «Einen... was?» Da sich Jäggi nicht zu den «digital Eingeborenen» zählt, liess sie sich instruieren und begann im vergangenen September unter der Adresse www.modepraline.com ihr Online-Tagebuch.

Der Name, erklärt Jäggi, fasse ihre berufliche Tätigkeit und ihre Lust auf Süsses zusammen. Mit einem Augenzwinkern widmet sie hier ihre Zeilen den Eskapaden der digitalen Generation, dem Zeitgeist und dem Jugendslang, befasst sich mit Körperlichkeit und Neidkultur, schreibt über Stärken und Schwächen, über Dinge, die sie selbst gerne tut und über Dinge, die sie gerne anderen überlässt. Es haftet die Faszination des Alltäglichen an jeder Zeile und rückt so selbst im ortlosen und entrückten Internet nahe und vertraut an den Leser heran. Das Thema Mode hingegen hat sie in der papiernen Version bewusst ausgeblendet, ebenso lässt sie politische Debatten sowohl im Blog als auch im Buch aussen vor.

«Bitte schreib ein Buch»

Während ihr Sohn und ihre Tochter sie unterstützten, wurde der «Göttergatte», der ihr auch zu Hause oft den Rücken freihält, zum (mehr oder weniger freiwilligen) Lieferanten für neue Bloggeschichten. Bald bildete sich eine treue Leserschaft vor allem aus Deutschland, ferner aber auch aus Österreich und der Schweiz. «Die Leute online reagieren auf die ‹Modepraline›, die ich bin, und nicht auf die ‹Reiche›, für die ich oft gehalten werde. Viele denken bei mir nur an jene, die in Solothurn ein Kleidergeschäft betreibt und gemäss erfundenen Geschichten in Bettlach in einer Villa lebe.»

Die «Modepraline» hingegen zeigt sich als Familienmensch und kritischer Zeitgeist, «als ein Mensch, der lieber in Jeans herumläuft, als dass er sich für eine Stehparty mit Cüpli chic macht.» Es waren immer Ermutigungen, die Daniela Jäggi zurück zum Schreibstift geführt haben – die letzten, die zum Buch hinführten, kamen online hinzu: «Bitte, bitte, schreib ein Buch», steht in einem Kommentar. Der Rest ist Geschichte...