Dreigänger
Von einem, der (sich) auszog, um Solothurn zu schocken

Die Schauspieler Beat Schlatter, Adrian Merz und Flurin Caviezel sind im Stück «Dreigänger» in ungleichen Rollen zu sehen. Im Salzhaus Solothurn konnte das Publikum eine Hardcore-Show erleben.

Wolfgang Wagmann
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Elektrisiert: Adrian Merz.

Elektrisiert: Adrian Merz.

Wolfgang Wagmann

Minutenlang hat er verbal gevögelt – er braucht das Wort – dann schreitet Beat Schlatter zur Tat: Eine junge Frau aus dem Publikum wird zum Stellungskrieg der Geschlechter herangezogen. Erst die «Kuhstellung», dann der «Tigersprung». Die Gästeschar im «Salzhaus» nimmts relativ gelassen. Der Zürcher Kabarettist und Schauspieler hat eine Hardcore-Show auf Lager. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er findet Pornofilme im Kellerschrank seines Vaters, die von nun an sein Sex-Leben bestimmen. Er führt es unter der Woche mit den Filmen, an den Wochenenden mit «Oerliker Tussen» – und zwar in allen Lagen. Bis ihm die Traumfrau begegnet. Die nur eines von ihm will: Sex. Damit ein Kind entsteht. Auch diese Vorstellung mässig originell: Bei jedem Zeugungsakt steigt das Familienauto auf, das der hoffentlich bald werdende Vater mit einem Kindersitzli bestücken muss. Was sein bestes Stück erschlaffen lässt. Nicht origineller: die drögen Verballhornungen von Filmtiteln. Denn zu «Räuber Hotzenplotz» fällt jedem mit einem Quäntchen Rest-Schmutzfantasie noch etwas ein. Schockt man nur noch so in Zürich Leute? In Solothurn quietschen sogar einige Damen im Publikum. Andere wirken betreten.

Der Dreigänger

Jeweils rasch ausgebucht

Zum 13. Mal führt das OK-Duo Martin Stebler und Marco Lupi den Dreigänger mit drei Auftritten und drei Gängen in den Restaurants zum Alten Stephan, Kreuz und Salzhaus durch. Dabei wuchs die Anzahl Abende von einem auf zwei und zuletzt drei. «Vor allem der Freitag und Samstag sind innert 48 Stunden ausgebucht», erklärt Lupi. «Diesmal bleiben von 600 verfügbaren noch gerade zehn Plätze leer.» (ww)

«Für einige ist das Ganze zu viel gewesen. Für andere war der Auftritt an der Gürtellinie. Und es gab solche, die fanden ihn mutig. Generell sind die Künstler aber frei, was den Inhalt ihrer Auftritte anbelangt. Einzig das mit der Frau – da legen wir ihm nahe, auf die Szene zu verzichten», erklärt Co-Organisator Marco Lupi. Schlatters Auftritt hier am «Dreigänger» sei der Erste nach der brutalen Schläger-Attacke auf ihn vor einigen Wochen in Meilen gewesen. Zudem gebe er nur eine Passage aus einem längeren Stück wieder, das aus dem Englischen ins Schweizerdeutsche übersetzt worden sei, so Lupi. Was es nicht besser macht.

Rasantes Entree

Auch kulinarisch hat Schlatter den Höhepunkt längst hinter sich gelassen: «Salzhaus»-Küchenchef Christian Härtge ist zu diesem Zeitpunkt mit Joghurt-Glace auf Rhabarberschaum, geschmorter Rindsschulter mit Gemüse und einem geräucherten Forellenmousse bereits ans Ende des anderen, delikaten Dreigängers gelangt. Das geistige Entree dagegen, einen rasanten Reimtopf, gewürzt aus der rotierenden Pointenmühle, serviert der Berner Slam-Poet Adrian Merz. Sein Deutschland-Bashing, herausgezerrt aus einem prallgefüllten Mundartkorb, gipfelt im Lacher des Abends: «I ha nüd gäge die Dütsche. – Ämu nüd, wo nützt.» Auch schauspielerisches Talent beweist der ehemalige Radiomann und Verfasser seines Kabarettprogramms Dichtschädel: Urschreie stösst er in Richtung «Salzhaus»-Decke aus, den geplagten Patienten im Sessel einer «Aszendental-Hygienikerin» mimend. Ein gleichgeschlechtlich formulierter Elternbrief aus Lehrkörper/innen-Hand oder die Positionierung der Schweiz «in Europas Schritt» und deren Langzeitfolgen bescheren Merz weitere Lachkaskaden.

Bündner Morgengeschichten

Mit dem Unterengadiner Autor, Musiker und Kabarettisten Flurin Caviezel stehen gleich «91 Kilo Bündnerfleisch» vor dem faszinierten Publikum. Bekannt vom Radio her mit seinen Morgengeschichten, gibt er einige in seinem wunderschönen breiten Dialekt preis. Dabei würde Caviezel – die Begrüssung auf Rumantsch verrät es – in gleich fünf Sprachen parlieren können. Es sind die kleinen Alltäglichkeiten, die leicht überzeichnet seinen Kurzstorys den Kick verleihen. Der Knirps, der zum Warmmachen eines kalten Wienerli ein ganzes Spital abklopft, die Beste aller Ehefrauen, die früher auf den Ferienreisen das Navi ersetzt hatte, oder die im Garten implantierten Geigenschnecken, die partout nicht wachsen wollen – häppchenweise kommt bei Flurin Caviezel Skurriles auf den Tisch. Kein Wunder, schliesst ein Schüler vor dem Haus des Kabarettisten messerscharf: «Waisch, de Maa, wo do wohnt, de isch vo Bruef luschtig.» Dem ist nichts beizufügen.

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