33 Kinder waren wir im Gibelin-Kindergarten an der Unteren Steingrubenstrasse. «Bei Dir hat sie eine Ausnahme gemacht», erinnert sich meine Mutter dankbar an Schwester Alexis. Denn die stets geduldige und freundliche Ordensfrau erlaubte, dass ich im Frühling 1959 als noch nicht vierjähriger Knopf schon ihren «Chindsgi» besuchen durfte. Waren doch bereits vier jüngere Geschwister da, «Pap musste arbeiten und ich hatte keine Zeit.»

Also musste ich allein von der St. Urbangasse aus über die Werkhofstrasse in den Kindergarten gehen. Heimgekommen sei ich immer, «wir hatten Gottvertrauen», so meine Mutter. Später kamen die Zwillinge, und zuletzt noch der zweitälteste Bruder mit. Einige Probleme hatte ich trotzdem: Anfänglich musste ich lernen, die Schuhe selbst zu binden. Und dann hatte ich Angst vor Hunden. So ein kläffender Wadenbeisser jagte mich einmal die ganze St. Urbangasse runter. Wahrscheinlich wollte er nur spielen...

Vom Briefträger «überchaared»

«Damals gabs aber noch nicht so viel Verkehr!», wird mir stets prompt unter die Nase gerieben, wenn ich von meinem «Chinsdsgi»-Weg erzähle. «Damals durften die Autolenker so schnell fahren, wie sie wollten», bestätigt mir Alt-Stv.-Stapokommandant Fritz Zimmermann, der 1957 seine lange Karriere bei der Stadtpolizei gestartet hatte. Die Autos besassen auch keine ABS-Bremssysteme, die Fussgängerstreifen waren noch nicht mit Ampeln und «grünen Männchen» gesichert. Auch hielten Autos nur, wenn am Fussgängerstreifen mit Handzeichen um den Vortritt ersucht wurde. «Ein Blödsinn, dass dies abgeschafft ist. Heute läuft jeder und jede einfach auf die Strasse hinaus», murrt Zimmermann. Das tat ich als kleiner Hans-Guck-in-die-Luft auch – und lag eines Nachmittags plötzlich auf dem Fussgängerstreifen vor dem Franziskanertor. Es war mir peinlich: Ausgerechnet der «Pösteler» hatte mich mit seinem gelben Velo erwischt. Verletzt war ich nicht, aber der Mann in seiner Besorgnis tat mir irgendwie leid.

Der Entscheid für den langen Weg

Nach über drei Jahren Kindergarten war der Schulweg ins Hermesbühl ein Klacks. Bis wir leider im Herbst 1962 von der Altstadt in die äusserste Weststadt umziehen sollten. Nun musste ein Entscheid her: In der Klasse bleiben und jeweils einen halbstündigen Schulweg ins «Hemmli» auf sich nehmen oder wechseln, und dafür minutenschnell im Weststadtschulhaus sein?

Weder Lehrkräfte, die Schuldirektion noch die Eltern entschieden sich für den längeren Weg. «Das warst Du», so die verblüffende Antwort meine Mutter auf diesen vergessenen Aspekt meiner Schulkarriere. Damit umging ich zwar eine herrische Weststadt-Lehrerin, die später fast allen meinen Geschwistern zusetzte. Aber ich musste nun als Siebenjähriger bis zu viermal täglich ganz allein und im Winter oft im Dunkeln den Zweikilometer-Weg zurücklegen. Einige Klassenkameraden waren oben im Dilitisch- und Mühlegutquartier dem Hermesbühl zugeteilt worden. Manchmal absolvierte ich mit ihnen eine 20-minütige «Zusatzschlaufe», um Gesellschaft zu haben. Denn alle Weststadtkinder besuchten ja ihr Quartierschulhaus, auch meine Geschwister, die ab 1963 eingeschult wurden. In diesen eineinhalb Jahren gabs keine Zwischenfälle. Einzig im bitterkalten Januar 1963 griff meine Mutter für einige Tage morgens ins schmale Portemonnaie, um mir eine Busfahrt in die Stadt zu ermöglichen. Denn im Jahrhundertwinter 1962/63 fror der Bodensee gänzlich zu, und auch in Solothurn sank das Thermometer an mehreren Morgen unter die 20-Grad-Marke – minus selbstverständlich.

Verkehrsdienst im Hermesbühl

Die 3. und 4. Klasse besuchte ich dann bei Urs Müller auch im Weststadtschulhaus, ehe es im Frühling 1967 für alle Weststadt-Fünftklässler ins Hermesbühl zu Peter Hügli ging. Für mich immer noch zu Fuss, denn ein Velo lag einfach nicht drin. Bis die Veloprüfung näher und näher rückte. Mein Vater, inzwischen zum Autolenker «aufgestiegen» fuhr damals mit dem Geschäfts-VW-Bus an seinen neuen Arbeitsplatz in Flumenthal. So wurde kurzerhand sein früher benutztes, uraltes, blau gestrichenes Militärvelo im Keller entrümpelt und soweit flott gemacht, dass ich eine Woche vor der Veloprüfung mit dem «Training» starten konnte. Umso stolzer war ich auf das erreichte Punktemaximum und den damit erworbenen Wimpel.

Fussgängertechnisch war inzwischen einiges passiert. 1967 war die erste Ampel mit einer Grünanzeige für Fussgänger vor dem Hermesbühl installiert worden – für uns eine Sensation. Noch aber war der heikle Übergang an der Werkhofstrasse zwischen dem Amtshausplatz und dem «Hemmli» nicht mit Leuchtsignalen gesichert. Und so wurde ich Verkehrskadett. Ich durfte einige Minuten früher den Unterricht verlassen, mir mit meinem Kollegen die Kadettenmütze schnappen sowie ein übel riechendes Plastikband über die Schulter werfen, um vorne an der Werkhofstrasse den ganzen Umfahrungsverkehr von Solothurn für die Schulkinder zu stoppen. Denn Autobahn gabs damals noch keine. Und das als Elfjähriger!

Uns wurde damals sicher viel, manchmal wohl zuviel zugemutet. Aber wir lernten früh, Verantwortung zu tragen – für uns selbst wie die Andern.