Bei frostigen Temperaturen wie jetzt schickt man nicht einmal Strassenmusiker vor die Tür. Nein, stattdessen holt man sie – wie am Freitagabend im Kofmehl geschehen – ins Warme auf die Bühne. Dorthin also, wo es noch ein bisschen wärmer wird, wenn die Basler Band auftritt, von der nachfolgend die Rede ist. Eigentlich gehören Anna Rossinelli und ihre Formation, die 2008 in Form von Strassenmusik ihren Anfang nahm, schon seit längerem dahin – ins Rampenlicht. So nehmen immerhin knapp 250 kälteresistente Besucher den vereisten Weg auf sich, um sich die 25-jährige Sängerin, Manuel Meisel (Gitarre) und Georg Dillier (Bass), sowie Martin Medjimorec (Vibrafon) und Simon Kistler (Bass) einmal genauer anzuhören.

Auch Dora Lopez lässt auf diese Weise den Freitagabend mit ihrem Mann ausklingen: «Als Anna beim Eurovision Songcontest ESC auftrat, war ich in Argentinien und konnte die Ausstrahlung nicht sehen. Deshalb bin ich besonders gespannt...» Gespannt auch deshalb, weil der Songcontest für Rossinelli zwar in der Vorrunde vielversprechend startete, dann aber enttäuschend endete: keine «zero points» zwar, dennoch einen helvetischen Stammplatz auf dem Schlussrang.

Diese Niederlage jedoch ist unbedeutend für zwei Rentner aus Gerlafingen. «Wenigstens die Engländer haben ihr zehn Punkte gegeben.», erinnert sich Rico Plechati: «Die verstehen halt was von Musik. Und auch wir finden Gefallen an ihrem lockeren und natürlichen Stil.» Seine Frau Rosemarie Plechati ergänzt: «Es ist Musik, die auch alten Leuten gefällt.»

Eine biegsame Stimme

Doch was heisst schon «alt» angesichts einer Band, die jung macht? Alsbald präsentierten die Musiker einen Strauss an Songs aus ihrem aktuellen Album «Bon Voyage». Vorab Anna Rossinelli im «Kleinen Schwarzen», das ihr am ESC kein Glück brachte. Doch beim hiesigen Publikum holt sie mit Leichtigkeit die «twelve points» ab. Wer diese Musik als Pop, Folk, Rock oder Soul bezeichnen will, der greift jedes Mal zu kurz. Das Konzert ist vielmehr eine Rhapsodie an Klängen, vollgepackt mit mehreren Musikjahrzehnten – so vielfältig wie das lauschende Publikum.

«Accident Waiting to Happen» und «Sunny Afternoon» werden so zu zeitlosen Easy-Listening-Nummern, die Ohrwurm-Ballade «Amazing» kommt kraftvoll daher und geht gleichzeitig durchs Ohr ins Herz, ebenso der Song «You are». Ebenso gefühlvoll, dafür aber geschmeidig sanft kommt «The Reason I stay» daher. Und: Rossinelli brilliert in allen Gesangsfarben: Mal kratzig-rockig, mal samtweich-balladesk, mal hauchend und dann wieder druckvoll, eine biegsame Stimme, die ihresgleichen sucht.

Auch bekannte Covers

Neben eingängigen Eigenkompositionen wurden auch bekannte Covers serviert. Gerade der Vaya-con- Dios-Klassiker «Hey (Nah Neh Nah)» kommt bei Anna Rossinelli noch verwegener daher als das Original und hat denselben Schliff wie das eigens komponierte «No One». Beide Nummern zeigen, dass auch das Scheinwerferlicht des Erfolgs die gute Portion Bohème der Strassenmusik nicht ausgebleicht hat. Gleichzeitig wird der Sprung in den seichten Pop gewagt, der bei dieser Band alles andere als seicht daherkommt. So wird Britney Spears’ «Toxic» entgiftet und zum würzigen Bossanova-Stück umgebaut, das sich nach und nach zur Rockfanfare mausert. Einen Konzerthöhepunkt ist mit der akustischen Interpretation von «Use Somebody» von Kings of Leon erreicht. Gesang und Gitarre, mehr nicht, reduziert aufs Maximum.

Mit «In Love for a while», dem ESC-Song, beschlossen die Basler den offiziellen Konzertteil – und ernteten tosenden Applaus. Jemand soll mal gesagt haben: «Die musikalische Qualität beim Eurovision Songcontest ist etwa so ausschlaggebend wie die Farbe der Badekappe bei einem Schwimmwettbewerb.» Spätestens Anna Rossinelli und Co. liefern den Beweis dafür. Nach dem Riesensprung von der Strassenmusik hin zur Eurovisions-Bühne haben sie in der gesunden Mitte ihren Platz gefunden. Auch Dora Lopez nimmt ein Strahlen auf dem Gesicht mit nach Hause: «Mir hats sehr gefallen.»