Marc-Olivier Oetterli
Vom Singknaben zum Opernstar: Solothurner sucht Herausforderungen

Als Teenager sang er im Opernchor des TOBS mit - heute begeistert er als Solokünstler. Der Solothurner Marc-Olivier Oetterli legt auf seinem Höhenflug einen Zwischenstopp in seiner Heimat und der Kulturfabrik Kofmehl ein.

Silvia Rietz
Merken
Drucken
Teilen
Der Solothurner Sänger Marc-Olivier Oetterli in seiner Rolle als «Leporello» in Luzern.

Der Solothurner Sänger Marc-Olivier Oetterli in seiner Rolle als «Leporello» in Luzern.

zvg

Bass-Bariton Marc-Olivier Oetterli ist ein leidenschaftlicher Himmelsstürmer. Er sitzt am liebsten selber im Cockpit am Steuerknüppel. Am Boden nimmt es der Opernsänger ein bisschen gelassener, denn seiner Karriere haftet nichts von einem Überflieger an, sondern sie zeugt von solidem Aufbau.

Seit vier Jahren Ensemble-Mitglied des Staatstheaters Kassel, hat er alle grossen Partien seines Fachs gesungen, mit Pultstars wie Michel Corboz, Charles Dutoit, Christopher Hogwood und Fabio Luisi gearbeitet.

Nun macht der diplomierte Flight Instructor einen Zwischenstopp in der Schweiz: Am Sonntagabend singt er im Kofmehl Solothurn mit den Singknaben das Weihnachtsoratorium, am 26. und 27. Dezember mit dem Berner Bach Chor Mendelssohns «Paulus» sowie im Januar Mozarts «Krönungsmesse» in der Tonhalle Zürich.

Bereits als Teenager wirkte Marc-Olivier Oetterli im Opernchor des Theaters Biel Solothurn mit. Nachdem er als Singknabe in die Welt der Motetten und Barock-Oratorien eingetaucht war, lernte er nun Opern von Mozart, Rossini und Puccini kennen und lieben.

Später debütierte er unter Thomas Rösner in einer viel beachteten Produktion von «Le nozze di Figaro» als Titelheld im heimischen Stadttheater. Nicht den Figaro, sondern den Grafen Almaviva erarbeitete er einst mit Jahrhundertsängerin Elisabeth Schwarzkopf (die vor wenigen Tagen ihren 100. Geburtstag hätte feiern können).

«Elisabeth Schwarzkopf war eine distinguierte, elegante Dame. Obschon bereits hoch betagt, liess sie es sich nicht nehmen, in den Rezitativen die Gräfin zu singen», erinnert er sich lachend. Was für ein optisch und vokal gegensätzliches (Bühnen-)Bild: der kraftstrotzende Graf und die fragile Gräfin.

Damals noch freischaffend, gastierte Oetterli an vielen europäischen Theatern und Festivals. Er erinnert sich: «Meine Laufbahn verlief ein bisschen ‹asymmetrisch›, weil ich erst 2008 in ein Festengagement wechselte.

Während der drei Jahre am Theater Luzern sang ich einige tolle Rollendebüts, unter anderem Leporello in ‹Don Giovanni›. Nun habe ich mich in Nordhessen gut eingelebt und am Staatstheater Kassel interessante Partien erobert.»

Dazu gehörte in der letzten Saison mit «Un re in ascolto» von Luciano Berio auch ein zeitgenössisches Stück. Als Theaterdirektor Prospero war er während der ganzen Aufführung auf der Bühne präsent.

Im Bademantel, eine Zigarette im Mundwinkel und ab und zu ein Glas in der Hand. Solcherart Herausforderungen reizen den Bass-Bariton mit der samtenen und voluminösen Stimme. Ein Marathon, für den der Solothurner begeisterte Kritiken erntet.

Marc-Olivier Oetterli reüssiert eben nicht allein in populären Partien wie «Papageno» oder «Figaro», sondern sucht immer auch das Aussergewöhnliche.

Die Affinität für das Spezielle fiel auch Dmitrij Kitajenko auf, den er noch während der Studienzeit in Bern kennen lernte. Der Dirigent mit russischen Wurzeln besetzte ihn in der Aleko-Produktion und attestierte ihm nicht nur eine tolle Gesangsleistung, sondern ebenso ein «phonetisch einwandfreies Russisch».

Im Herbst 2014 sang er abermals unter Maestro Kitajenko in Tschaikowskys «Jolante» den Bertrand. Diesen Sommer hat das Label Oehms Classic von der Jolante-Neueinspielung eine CD herausgebracht.

Marc-Olivier Oetterli mag solche Projekte. Selbstverständlich kann er Gastauftritte nur wahrnehmen, wenn es sich mit dem Kasseler Spielplan vereinbaren lässt. Umso mehr freut es ihn, dass er bei der Abschiedsvorstellung des langjährigen Luzerner Intendanten Dominique Mentha in der Neuproduktion von «Il viaggio a Reims» mitwirken kann. Mit Prokofjews «Die Liebe zu den drei Orangen» steht im nächsten Jahr dann auch in Kassel eine weitere Neuproduktion an.

Wenn sich der Opernstar von anstrengenden Probearbeiten erholen will, fliegt er weder aufs Matterhorn noch zieht es ihn zu den lokalen Küchenhits. Um abzuschalten, setzt er sich gerne ins Kasseler «Matterhorn Stübli» und lässt sich ein Fondue servieren.

Dank Bachs Weihnachtsoratorium kann er sein Lieblingsessen nun sogar in heimatlichen Gefilden geniessen.