An der Wand hängt ein Ämtliplan, aus der Küche strömt der Duft von Käsepasta ins Wohnzimmer. Gekocht hat Bernadette Marti, die seit einigen Tagen hier im Industrie-Quartier wohnt, zusammen mit vier anderen Bewohnern. In wenigen Tagen werden auch ihre Namensschilder an den Briefkästen vor dem alten Haus montiert sein.

Von «Heim-Atmosphäre» ist in der WG an der Weissensteinstrasse 67 nichts zu merken, nichts zu spüren. Und dies obwohl es sich um die die erste Aussenwohngruppe des Discherheims handelt, die sich hier diese Woche häuslich eingerichtet hat. In einem Bietverfahren konnte die Liegenschaft erworben und mit wenigen Pinselstrichen und kleineren Umbauten für ihren neuen Zweck vorbereitet werden. Mit der Aussenwohngruppe wächst das Discherheim auf 70 Wohnplätze.

Paradigmenwechsel ist im Gang

«Es ist der erste Schritt in eine neue Richtung», erklärt Stephan Oberli, Gesamtleiter der Institution für Menschen mit Beeinträchtigungen, deren Haupthaus in der Hofmatte steht. Zwischen beiden Standorten liegt einerseits ein Fussweg von fünf Minuten – und andererseits der Unterschied zwischen dem heutigen und dem morgigen Betreuungsverständnis.

Gesamtleiter Stephan Oberli

Gesamtleiter Stephan Oberli

«Ein Paradigmenwechsel ist im Gange», bestätigt Oberli, «aber erfunden haben nicht wir ihn.» Tatsächlich stützt sich das Discherheim auf Grundsätze wie Autonomie und Inklusion. So, wie sie es auch das UNO-Übereinkommen von Menschen mit Behinderungen fordert. Eine Charta, die die Schweiz zwar vor vier Jahren ratifiziert hat, deren Umsetzung aber «noch in den Kinderschuhen steckt», so Oberli. Mit der Aussenwohngruppe streckt das Discherheim die Fühler aus: Raus ins Quartier – lautet die Devise, die hinter dem Fachbegriff der Inklusion steckt. «Auch unsere Klientel soll ein sichtbarer Teil der Gesellschaft sein, eigenständig und nicht im Schlepptau von Betreuenden», sagt Oberli.

Ein anderer Punkt, den er anspricht, ist die Autonomie: Bei der Zusammensetzung der Aussenwohngruppe stand die freie Wahl eines jeden potenziellen Klienten im Vordergrund. Zudem: «Viele Klienten sind überbetreut», sagt Oberli. Heisst: Sie könnten mehr selbstständig tun, als man es ihnen zugesteht. «Weg vom Full Service», lautet hier der Leitspruch: «Es geht darum, konsequent die Ressourcen der Menschen abzuholen.» Die Lebenspraxis in Sachen Einkaufen, Haushalten, Kochen, Rasenmähen soll gefördert werden.

Der personelle Aufwand, ist Oberli sicher, wird mittelfristig abnehmen. «Es geht uns aber nicht ums Kostensparen. Stattdessen sehen wir Entwicklungsmöglichkeiten für Klienten, Fähigkeiten neu auszubilden oder wiederzuentdecken.» Wie bei Bernadette Marti, die gerne den Kochlöffel schwingt, wie sie selbst verrät. Einmal pro Woche übernimmt jeder Bewohner die Tagesverantwortung – unter betreuten Verhältnissen. Und durch die Nacht ist ein Pikettdienst für den Fall der Fälle vor Ort.

Die Idee der Aussenwohngruppe soll nun weiterverfolgt werden: Weitere Wohngemeinschaften könnten in den Quartieren entstehen. Zuguterletzt wäre das Stammhaus lediglich als Wohnheim für Menschen gedacht, die eine Intensivbetreuung mit Spezialsetting benötigen.

Am Bewohner ausgerichtet

Mit diesen Entwicklungen wird an einen Change-Prozess angeknüpft, der zwischen Sommer 2016 und Sommer 2017 das Discherheim beschäftigte. Intern waren dabei 44 Klienten in neue Wohngruppen aufgeteilt worden. «Wir hatten die Situation sehr heterogener Gruppen: Von leichten bis schweren Beeinträchtigungen, über eine breite Altersspanne und einen breiten Fächer an Krankheitsbildern.» Ein fachlicher Spagat auch für das Personal.

Somit hat man den Wechsel von der Angebots- hin zur Bedarfsorientierung eingeleitet: «Wir wollen das Angebot konsequent am Bedarf des Klienten ausrichten und die Gruppen entlang der Lebensthemen formieren, die den Klienten beschäftigen», sagt Oberli. Bis in fünf Jahren – so die Idee – sollen die sogenannt «kunterbunten», heterogenen Wohngruppen lediglich in den Quartieren angesiedelt sein, nicht aber mehr im Stammhaus.» Bereits heute bestehen drei Wohngruppen, die spezifisch dem Lebenthema «Alter» zugeordnet sind.

Verändern könnten sich auch die Strukturen der Tagesstätte des Discherheims: Heute bestehen neben dem Haupthaus Arbeitsstätten im Roamer-Gebäude und Wald-Plätze des Projekts «Bosco». Künftig könnte sich Oberli vorstellen, auch mit dem lokalen Gewerbe Beschäftigungsformen für Discherheim-Klienten zu schaffen.