Darf ich raten: Sie fragen sich, warum der Mann auf dem Foto keinen Kaffee in der Hand hält? Ich kann Sie beruhigen, natürlich haben wir mit dem Herrn einen Kaffee getrunken; in Solothurn, um genau zu sein, an einem sonnigen Februarnachmittag in der Ramada-Bar.

Das Bild aber wurde an einem kalten Oktobermorgen aufgenommen, auf den Strassen einer osteuropäischen Millionenstadt. Der Mann mit den Tauben ist Simon Gerber, die Strassen, auf denen er steht, sind die Strassen Kiews. Gerber besuchte die ukrainische Hauptstadt im letzten Jahr, um sich vor Ort ein Bild darüber zu machen, wie der aktuelle Konflikt das tägliche Leben der Osteuropäer beeinflusst. Der Aufenthalt hinterliess Spuren: Im Januar gründete Simon Gerber den Verein Ukraine-Schweiz. Aber alles auf Anfang.

Sein Ansporn

Es ist ein seltsames, aber gleichzeitig sympathisches Bild, wenn dieser grossgewachsene Mann mit dem – wie er ihn selbst bezeichnet – «verlumpten» Mantel in die doch recht vornehme Ramada-Bar hereinspaziert, die er als Treffpunkt auswählte. Er bestellt, noch bevor er Platz nimmt, einen Latte Macchiato und ein Mineral. Dann legt er seinen Mantel ab, zieht den Stuhl zurück, setzt sich drauf und rückt nahe zum Tisch. Simon Gerber räuspert sich und beginnt mit bedachter Stimme zu sprechen: «Vor rund einem Jahr liessen auf dem Maidan in Kiew über 80 Personen ihr Leben für alles, wofür Europa steht.» Er pausiert, lässt dem Gesagten Raum. «Ich habe vor Ort erlebt, dass diese Menschen auch jetzt noch extrem viel opfern, um den Geist vom Maidan aufrechtzuerhalten.» Der Holderbanker spricht in einem ruhigen Ton, dann spult er in seiner Erzählung mehr als ein Jahr zurück. Zurück in die Zeit der Maidan-Proteste.

Simon Gerber verfolgt das Geschehen in der Ukraine über die Nachrichten, er sieht wie die Proteste eskalieren, ist geschockt über die 80 Toten. Nun setzt sich der Familienvater intensiver mit dem Ukraine-Konflikt auseinander. Mithilfe der sozialen Medien Facebook und Twitter beschafft er sich differenzierte Informationen, schaltet sich in Diskussionen ein, exponiert sich als Putin-Gegner und sucht den Kontakt zu gut vernetzten Schweizern und Ukrainern. Schnell bemerkt der diplomierte Bauer und Sozialpädagoge, dass der Konflikt nicht nur im Osten der Ukraine stattfindet, sondern vor allem auch im Internet. Er erzählt von Usern, die Ukraine-Unterstützer im Social Web systematisch diffamieren – von anderen, die gezielt Falschinformationen verbreiten. Er nennt sie «Putin-Trolls». «Je aktiver man sich für die Ukraine einsetzt, desto stärker wird man von diesen bearbeitet.» Gerbers Stimme wird laut, sein Ton scharf, seine Wut spürbar. Er ist überzeugt: Der Informationskrieg den Putin gegen den Westen führt, ist von nie da gewesenem Ausmass.

Seine Reise

Im Oktober 2014 reist Gerber dann nach Kiew, um seine ukrainischen Kontakte persönlich kennen zu lernen. In der Hauptstadt der Ukraine wird der 58-Jährige von einer jungen engagierten Frau namens Oxana begleitet. Als Gerber von ihr erzählt, unterbricht er mitten im Satz und greift nach seiner Tasche. Er zieht ein ukrainisches Magazin hervor. Er blättert es durch. Das Magazin ist vollgepackt mit Kurzporträts der Maidan-Opfer. «Oxana hat sich mit den Familien der Verstorbenen getroffen und daraus sind diese Geschichten entstanden.» Gerber holt Luft und fährt mit seiner Erzählung fort: «Die Reise nach Kiew gab mir die Sicherheit, die richtigen Kontakte geknüpft zu haben.» Für Gerber ist die Gründung des Vereins nun beschlossene Sache. Mit an Bord sind auch seine Partner in der Schweiz und der Ukraine.

Sein Verein

Wir kennen nun die Vorgeschichte, was aber will der Verein erreichen? Zurzeit gehe es darum, das Kontaktnetz zu erweitern, so Gerber. Dann beginnt er mit Umschweife zu erzählen, welche Personen sie mit dem Verein ansprechen wollen. Diese Erklärungsart benutzt der wortgewandte Mann sehr oft, er verleiht so seiner Beschreibung ein verständliches Bild. Dieses Mal erzählt Gerber aus seinem eigenen Leben – von seinen zwölfjährigen Zwillingen, die zu Fuss in die Schule laufen, vom Garten, in welchem die Familie ihr eigenes Gemüse pflanzt, vom Stück Wald, wo er sich sein eigenes Holz holt. «Wir leiden in der Schweiz ein bisschen darunter, dass wir klein und überschaubar sind», sagt Gerber dann. Dies finde er zwar schön, glaube aber, dass viele Personen eigentlich über die Grenzen hinaus schauen und sich über die Grenzen hinaus vernetzen möchten. «Ich gehe sogar davon aus, dass hier in der Schweiz viele nicht einfach nur neutral sein wollen, sondern die Meinung vertreten, es geht uns hier im Westen etwas an, was in der Ukraine passiert.»

Er betont, dass ihre Arbeit aber nicht auf Mitgliederanwerbung zielt. Die vier Vorstandsmitglieder versuchen vielmehr aktiv, ein grosses Kontaktnetz zu spinnen. So ist zum Beispiel Gerber – seit Jahren Mitglied beim schweizerischen Autorenverband – zurzeit damit beschäftigt, zu wichtigen Schweizer Kulturverbänden Kontakt aufzunehmen. Ein grosses Anliegen des Holderbankers wäre es ausserdem, Kooperationen zwischen Schweizer Städten und Gemeinden und ihren ukrainischen Pendants zu arrangieren. Ist das überhaupt realistisch? Unumwunden gibt er zu, dass zurzeit vieles Wunschdenken ist. Gleichzeitig erwähnt er aber auch die guten Partner in der Ukraine. «Man stelle sich vor: Eine Stadt wie Solothurn könnte eine Partnerschaft mit Kiew eingehen. Ist diese Vorstellung naiv», fragt Gerber und gibt die Antwort gleich selber: «Am Schluss hängt es weniger von uns ab, als mehr von den Entscheidungsträgern.» Klar sei aber, dass die Ukraine ein wahnsinniges Potenzial habe, eine 5-Millionen-Stadt wie Kiew einen riesigen Nachholbedarf. «Wenn das hier nicht gesehen wird, dann wäre das auch naiv.»

Seine Vergangenheit

Kommen wir nochmals zurück zum Foto. Wenn Sie nun die ganze Zeit dachten, der Mann auf dem Bild oder der Name Simon Gerber komme Ihnen irgendwie bekannt vor, dann liegen Sie bestimmt nicht daneben. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar gross, dass Sie zumindest einmal von dem Holderbanker gehört oder gelesen haben. Simon Gerber ist nämlich eine Ex-Geisel. Während der Balkankriege reiste der damalige Leiter der «Kulturbrücke Schweiz-Sarajevo» mehrfach in die Krisenregion, um sich mit lokalen Kulturschaffenden auszutauschen. Zwischenfälle gab es keine – bis zum 2. April 1995: Serbische Soldaten nahmen Gerber und die Übersetzerin Marija Wernle-Matic an einem Checkpoint fest und inhaftierten sie unter einem Vorwand. Nach 34 Tagen in Geiselhaft kamen sie frei. Knapp zwei Jahrzehnte sind seit diesem Tag vergangen. Die Gefangenschaft hat Simon Gerber verändert, etwas aber konnten die serbischen Soldaten dem 58-Jährigen nicht nehmen: den Drang, Menschen in Krisengebieten zu helfen.