Ausstellung

«Viele Frauen hatten es nicht leicht»: Sie war die erste Pfarrerin von Solothurn

89 Jahre alt ist Veronika Thurneysen. Sie war die erste Pfarrerin der Stadt und wohnt noch heute in Solothurn.

89 Jahre alt ist Veronika Thurneysen. Sie war die erste Pfarrerin der Stadt und wohnt noch heute in Solothurn.

Am Samstag beginnt die Ausstellung über die erste Pfarrerin im Bündnerland. Erste Pfarrerin der Stadt Solothurn war Veronika Thurneysen.

«Die illegale Pfarrerin», so heisst der Titel der neuen Ausstellung in der Reformierten Stadtkirche. Diese Ausstellung stützt sich auf das gleichnamige Buch und widmet sich der Pfarrerin Greti Caprez-Roffler, die 1931 im kleinen Bergdorf Furna im Prättigau im Kanton Graubünden als erste Frau zur Gemeindepfarrerin gewählt wurde.

Im selben Jahr als die Bündner Pfarrerin gewählt wurde, kam Veronika Thurneysen in Davos zur Welt. 1980 wurde sie die erste Gemeindepfarrerin in Solothurn. Heute ist sie pensioniert und lebt in der Stadt, umgeben von Zimmerlinden und Büchern. Ihr war das Schicksal von Caprez bekannt. Thurneysens Vater war auch Pfarrer und hat lange im Bündnerland gearbeitet. «Ja, die ersten Pfarrerinnen hatten es hart und mussten kämpfen», sagt sie. Sie habe aber in ihrem Berufsleben nie kämpfen müssen: «Spätestens bei meiner Wahl zur Pfarrerin war das Thema, dass ich eine Frau bin, erledigt.»

Doch damit will sie nicht sagen, dass der Weg dorthin einfach war. «Ich kenne viele Frauen, die hatten es nicht leicht, wie beispielsweise Marie Speiser in Zuchwil.» Speiser kam 1901 in Basel zur Welt und studierte dort Theologie. Sie war hochqualifiziert, konnte trotzdem 1931 «nur» Gemeindehelferin werden. «Die ihr angemessene Pfarrerstelle wurde ihr vorläufig verwehrt, weil sie als Frau von der Kirche nicht ordiniert wurde», sagt Veronika Thurneysen.

Jede Kantonale Kirche hatte ihre eigene Regierung

«Heute kann man sich das fast nicht vorstellen, aber damals gab es noch einen richtigen ‹Kantönligeist›», erinnert sich Thurneysen. So konnte jede Kantonalkirche entscheiden, ob Frauen Pfarrerinnen werden dürfen. Die Stadt Solothurn gehört zur Reformierten Landeskirche Bern-Jura-Solothurn. Die Berner Kantonalkirche, zu der Solothurn gehört, hat 1954 mit der ersten Frauenordination den entscheidenden Schritt gemacht, dass auch Theologinnen ein Gemeindepfarramt übernehmen dürfen. Damit dieser Umbruch geschah, wurden innerkirchlich beinahe 40 Jahre lang intensive Gespräche geführt. «Das kam nicht mit einem Rutsch», erklärt Thurneysen.

Als sie 1979 ordiniert wurde, war das Thema weitgehend weg vom Tisch. Von der Solothurner Wahlkommission wurde nie besprochen, dass sie eine Frau war und auch keine entsprechenden Fragen gestellt. «Auch im Kollegium – ich war die einzige Frau unter vier Männern – hatte ich die gleichen Rechte und Pflichten wie meine Kollegen und spürte überhaupt keinen Unterschied», versichert sie.
Was bei dieser Entwicklung eine Rolle spielte, ist der Personalmangel: Die Kirche hatte auch damals Mühe gehabt, alle Stellen zu besetzen. «Das war schon bei Caprez so», erklärt Thurneysen. So waren die vielen kleinen Bündner Gemeinden froh, wenn sie geeignetes Personal fanden – egal ob Frau oder Mann.

Seit Thurneysens Zeit als Pfarrerin hat sich einiges verändert. Im Kollegium war sie noch die einzige Frau, heute arbeiten drei Frauen im Viererteam. «Es ist längst nicht mehr so, dass der Pfarrberuf eine Männerdomäne ist», sagt Thurneysen. Dies sei all den Frauen zu verdanken, die noch vor ihr für mehr Gerechtigkeit in der Reformierten Kirche gekämpft haben.

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Autorin

Judith Frei

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