Porträt
«Viele, die ich kannte, leben nicht mehr»

Alt werden in Solothurn: Der 93-jährige Rolf Heim lebt immer noch am Tugginerweg. Er wandert täglich fünf Kilometer, bei jedem Wetter.

Katharina Arni-Howald
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Rolf Heim denkt nicht an den Umzug ins Altersheim, denn dort habe man keine richtigen Aufgaben mehr und baue deshalb schnell ab.Hanspeter Bärtschi

Rolf Heim denkt nicht an den Umzug ins Altersheim, denn dort habe man keine richtigen Aufgaben mehr und baue deshalb schnell ab.Hanspeter Bärtschi

Wer sich dem Hauseingang von Rolf Heim nähert, sieht ihn frühmorgens meist lesend im Wintergarten sitzen. An diesem schönen Sommermorgen sind neben der Zeitung auch Gipfeli vom nahen Beck auf dem Tisch und die Kaffeetassen stehen für den Besuch bereit. Der 93-Jährige liebt es gesellig und freut sich über Gäste. Das Haus und der Garten am Tugginerweg 16 laden geradezu ein, sich an den Tisch zu setzen und zu plaudern. Vor fünf Tagen ist Rolf Heim zum siebten Mal Urgrossvater geworden. Rolf Heim freut sich und sagt: «Der Familienzusammenhalt und eine intakte Familie sind wichtig.»

Fünf Kilometer pro Tag

Normalerweise ginge der am Riedholzplatz aufgewachsene Ur-Solothurner jetzt auf einen seiner geliebten Spaziergänge durch die verschiedenen Quartiere der Stadt oder ins Grüne. Gesundheitliche Probleme beim Spazieren oder Wandern kennt Rolf Heim nicht. Rund fünf Kilometer legt er täglich zurück – auch bei schlechtem Wetter. «Der Arzt hat mir geraten, mich viel zu bewegen und mein Herz auf diese Weise anzuregen.» Und zudem brauche der Mensch im Alter Strukturen. «Wenn man keine hat, geht es rasch bergab.»

«Es ist wunderbar, in Solothurn alt zu werden, ich könnte mir nicht vorstellen, wie das in Zürich wäre.» Die Stadt sei klein und überschaubar. Gerade richtig für einen Mann, der die Menschen und die Geselligkeit liebt und dem seine vor sechs Jahren verstorbene Frau Annemarie immer wieder geraten hat: «Lass den Hut zu Hause, wenn du in die Stadt gehst.» So oft grüssen wie früher muss Rolf Heim auf der Strasse allerdings nicht mehr. «Viele, die ich kannte, leben nicht mehr», bedauert er.

Ein geselliger Mensch

Mit denen, die noch am Leben sind, pflegt Rolf Heim, der auch ein begeisterter Fasnächtler war, immer noch regen Kontakt: in den Bruderschaften, verschiedenen Vereinen und vor allem beim Alt-Pfadfinderverband St. Urs. Man merkt rasch, dass Rolf Heim ein begeisterter Pfadfinder war und ist. Das von ihm vor vielen Jahren initiierte Pfadiheim befindet sich ganz in seiner Nähe. «Es ist eine der besten Lebensschulen», ist er sicher, «dort habe ich auch gelernt zu organisieren.»

Auch mit den Jahrgängern trifft er sich einmal im Monat im «Roten Turm», obschon es auch dort immer weniger werden. Und wie wäre es mit den Grauen Panthern? Der Vollblut-Solothurner winkt ab: «Ich war in meinem Leben sehr aktiv, jetzt möchte ich mich nicht mehr binden und frei sein.»

Einmal in der Woche setzt sich Rolf Heim in den Zug und fährt nach Luzern, Thun oder Genf. Dort geht er aufs Schiff, geniesst den Tag auf dem Wasser oder auf einem Berggipfel und freut sich, wenn er mit jemandem ins Gespräch kommt. «Im Zug ist das nicht mehr möglich, weil dort alle auf ihr Handy oder ihren Computer fixiert sind.» Zum Zeitvertreib hat er für solche Fälle einen Krimi zur Hand. «Früher sind wir mit der Familie immer ans Meer gefahren, jetzt möchte ich die Schweiz kennen lernen.»

Ein Auto lag nicht drin

Ein Auto hat Rolf Heim nie besessen. Vier Kinder und ein Eigenheim, da blieb kein Geld übrig für Extravaganzen. «Beim Hauskauf habe ich darauf geachtet, dass meine Frau keine langen Wege brauchte zum Einkaufen und der Schulweg der Kinder so war, dass sie nicht auf ein ‹Töffli› angewiesen waren.» Der Wohnort im Segetzquartier zahlt sich jetzt auch im Alter aus. «Ich brauche sieben Minuten bis zum Westbahnhof und auch die Einkaufsmöglichkeiten befinden sich in nächster Nähe.»

Mit nachbarschaftlicher Hilfe seiner Familie und einem Enkel, der den Rasen mäht, während er die Blumen pflegt und den Hag schneidet, ist es kein Problem, im eigenen Haus alt zu werden, wenngleich dies ein wenig Luxus ist. Aber eben: «Wo soll ich denn hin, für eine Eigentumswohnung ist es jetzt zu spät.» Der nächste Schritt wäre das Altersheim, aber das steht nicht auf der Wunschliste von Rolf Heim. «Dort hat man keine Aufgaben mehr und baut deshalb rasch ab.» Zudem reden die Menschen in den Heimen nicht mehr miteinander. Undenkbar für einen geselligen Stadtmenschen, der es liebt, mit der Familie und Freuden zusammen zu sein.

Gemütliche Restaurants fehlen

Gibt es etwas, das Rolf Heim im Alter vermisst? «Ja», sagt er: «Die alten gemütlichen Restaurants, die es früher in der Stadt gab.» Kebab-Buden liegen ihm nicht und der Landhausquai ist ihm fremd. Wir schauen auf die Uhr. Der Mittag rückt näher. Zeit für Rolf Heim, zum Mittagessen ins «Astoria» zu gehen. Dort hat er an den Werktagen seinen Stammplatz. Natürlich darf beim feinen Essen das Glas Wein nicht fehlen. In letzter Minute denkt er an sein Handy. «Das muss ich mitnehmen, sonst fragen sie mich wieder, weshalb ich nicht erreichbar war.»