Werbedreh
Viel Aufwand für einen Kurzauftritt: Coop-Spot soll eine halbe Million kosten

Für drei Tage verwandelte sich ein Teil der Altstadt in ein Winterwunderland: Für einen kurzen Coop-Spot wurde grosszügig dekoriert und umgebaut. Am Dienstag wurde schon wieder aufgeräumt. Das Ganze soll eine Halbe Million gekostet haben.

Wolfgang Wagmann
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Der Werbespot von Coop dauert nur 45 Sekunden.

Der Werbespot von Coop dauert nur 45 Sekunden.

Daniel Wagmann

Die Befürchtungen von Casting Director Christian Casper sollten sich bewahrheiten: «Offenbar ist die Wetterprognose für den zweiten Drehtag von Sonntagnacht auf Montag nicht sehr gut. Da die Dreharbeiten wetterabhängig sind, kann es sein, dass der zweite Drehtag auf Montagabend, den 14. September, verschoben werden muss.»

Was am Dienstag Walter Lüdi, stv. Kommandant der Stadtpolizei, bestätigte: Am Montagabend müsse nochmals gedreht werden, «und zwar gegen den Kronenplatz hin, im Bereich der Suteria.» Doch habe es keine Probleme mit dem Monatsmarkt gegeben und am Dienstag würden die HESO-Fahnen wieder aufgehängt.

Das Rentier hat seine Schuldigkeit getan, es kann gehen.

Das Rentier hat seine Schuldigkeit getan, es kann gehen.

Wolfgang Wagmann

Hin und Her um Statisten

Viel stressiger ging es offenbar in der Drehequipe zu und her – nimmt man die Rekrutierung von Statisten als Massstab. So hatte Christian Caspers ursprünglich pro Nacht ca. 50 Personen gesucht, die als Kunden oder Passanten beim winterlichen Einkauf und als Publikum beim Chorauftritt dienen sollten. Der Casting Director hatte ganze Familien, Frauen, Männer, Jugendliche, als eine bunt gemischte Schar im Visier, die sich von 19 bis 3 Uhr morgens in einer oder zwei Drehnächten bereit halten sollte. «Gage: 250 Franken pro Person pro Drehnacht.»

In einer weiteren Rekrutierungsrunde war dann plötzlich von einer Verfügbarkeit zwischen 19 und 5 Uhr morgens die Rede, und ob man vielleicht auch für eine dritte Drehnacht zu haben sei. Neue Unsicherheit laut Caspers: «In allen drei Nächten wird ein Teil der Statisten voraussichtlich nur bis Mitternacht benötigt. Leider kann die Regie nicht im Voraus entscheiden, wer das sein wird.» Konsequenz: Wer früher heimgeschickt wurde, sollte nur 130 Franken Gage erhalten.

Einige Statisten sollten jedoch weder am Samstag noch Sonntag zum Einsatz kommen – allenfalls ergäbe sich noch eine Chance am Montag. Das Problem für den Casting Director: «die schwierige Logistik», die wetterbedingten Umstellungen und die Tatsache, dass «wir mehr Interessenten haben als zu besetzende Rollen.»

Halbe Million für 45 Sekunden?

Mehr als nur eine Statistenrolle kamen der Suteria und der Nachbar-Boutique «Biba» zu. Ihre Schaufenster wurden nämlich weihnachtlich umfunktioniert, um für den Dreh auch eine Einkaufskulisse zu erhalten. Die deutschen Ausstatter arbeiteten mit neutralen Adventsrequisiten, der eigentliche Geschäftstyp oder gar ein Firmenlogo war nicht mehr zu erkennen. «Ursprünglich hiess es, das Schaufenster werde am Samstagabend geräumt, und am Sonntag stehe es wieder zur Verfügung», erzählt Suteria-Geschäftsinhaber Michael Brüderli. Dass es dann schon am Freitag losging und bis Dienstag dauern sollte, überraschte ihn doch ein wenig.

Und er wundert sich: Eine halbe Million koste der ganze Dreh für einen Spot von nur 45 Sekunden, glaubt Brüderli zu wissen. «Die Leute waren aber sehr nett und ich wurde für unsere Umtriebe auch entschädigt.» Umsatzeinbussen habe es am Wochenende jedenfalls keine gegeben, obwohl die Suteria als Confiserie und Café im neutralen Adventsschmuck nicht mehr als solche wahrgenommen werden konnte. Stossend fand er eher den Kunstschnee überall in den Geschäftslokalitäten und dass sich die Dreh-Crew in einem Zelt mit Coop-Catering verpflegt habe. Das hätten wir auch anbieten können.» Andrerseits habe er vom «Roten Turm» gehört, dass der Filmdreh dort doch etliche Hotelübernachtungen gebracht hätte.

«Keine Reklamationen»

«Wir haben keine Reklamationen aus der Bevölkerung erhalten», findet auch Walter Lüdi für die Stadtpolizei, die Dreh-Verantwortlichen seien sehr nett und kooperativ gewesen. Dennoch nervte sich eine Anwohnerin an der östlichen Hauptgasse über den Nachtlärm, den die Crew mit ihrer lautstarken Unterhaltung und auch dem Wegräumen des Kunstschnees in der Nacht vom Sonntag auf den Märetmontag verursacht hatte. Zudem habe man abends warten müssen, bis man «ins eigene Haus gehen durfte», bemängelt die Leserin gleichzeitig die mangelhafte Information durch Coop, die Filmcrew selber oder die Stadtbehörden, dass ihr zwei schlaflose Nächte bevorstünden.

Tatsächlich war im Vorfeld von offizieller Seite recht karg mit Informationen umgegangen worden. Man wollte offenbar vermeiden, dass zu viel Rummel entsteht, und es sollte auch geheim bleiben, wer hinter den Dreharbeiten steckte. Dass diese am Wochenende stattfanden, führt Walter Lüdi auf die kurzfristige Anfrage zurück: «Wäre sie frühzeitiger erfolgt, hätten wir die Drehtage auf Mitte Woche statt auf den Samstag und Sonntag verlegt.»

Stadtschreiber Hansjörg Boll bestätigte, dass das Ersuchen um den Filmdreh erst zehn Tage vor dem Drehbeginn eingetroffen sei. «Jetzt schauen wir zuerst einmal den Film an» – und sollte kaum etwas von Solothurn zu erkennen sein, scherzte Boll, «wird das beim nächsten Mal Bedingung für das Erteilen einer Bewilligung sein.»

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