Ein Kosmos an Geräuschen und Klängen, an Rhythmen und Themen breitet sich im Raum aus. Lautmalerische Bilder mit schwirrenden Insekten, krabbelnden Spinnen und düsteren, vom Wind zerzausten Wäldern ziehen vor dem inneren Auge vorbei. Ähnlich ging es der Solothurner Cellistin Barbara Gasser, als sie auf das Schaffen von George Crumb stiess.

Als sie dessen Streicherkomposition «Black Angels» hörte, «regte diese wie in einem Film meine innere Fantasie an», so Gasser. Dessen Schaffen wurde so zum Ausgangspunkt der ersten eigenen Produktion des «Spacetets», eines Streicherquartetts, dessen Mitglied Gasser ist.

Mit dem Lausanner Louis Schild fand die Formation einen jungen aufstrebenden Bassisten aus der Improvisations-Szene, der für die Auftragsproduktion «T(raum)» ein Werk komponierte, das auf «Black Angels» Bezug nimmt: «Er wandelt in den gleichen Klangwelten wie Crumb», erklärt Gasser.

Echo des Publikums berücksichtigt

Doch während dieser mit seiner klaren Komposition keine improvisatorischen Freiräume zulässt, gestattet Schilds Werk viele Offenheiten. Was auch Rückschlüsse über die zirkuläre Werkentstehung zulässt: So wurde das Quartett durch den Komponisten mit Tonmaterial versorgt. Die auf dieser Basis entstandenen Improvisationen gaben Schild die Impulse für eine Weiterentwicklung.

Derweil wurde im September dieses Jahres diese «work in progress» anlässlich von Abendkonzerten in Biel vorgeführt. «Die Rückmeldungen aus dem Publikum sind wieder in die Produktion zurückgeflossen», sagt Gasser. Und auch nach dem letzten Feinschliff sind es lediglich das Tonmaterial und die definierten Zeiträume, die Schild als Leitplanken setzt. Rhythmus und Klanggebung hingegen sind improvisiert – womit sie nicht reproduzierbar und dabei doch wiedererkennbar sind.

«Feine, andersartige Klänge»

Die Instrumentierung umfasst hauptsächlich zwei Violinen (Estelle Beiner und Regula Schwab), eine Viola (Isabelle Gottraux) und ein Cello (Barbara Gasser), dies allerdings elektrisch verstärkt. Darüber hinaus aber weitere Tongeber: Zu hören sind ein Gong, eine Glasharfe, Maracas, Fingerhüte und Büroklammern. «Um den Klang weiter zu verfremden, kommen alternative Spieltechniken hinzu», erklärt Gasser.

So tauschen beispielsweise in einzelnen Teilen die linke Hand und die rechte Bogenhand die Plätze, sodass auf der Höhe des Instrumentenhalses gestrichen wird. «Damit werden feine, andersartige Klänge erzeugt. Bekannte musikalische Zitate klingen auf einmal entrückt.»

Louis Schild seinerseits baute auch verbale Elemente in die Komposition ein: Ein Text wird buchstabenweise von den vier Interpreten des Quartetts gleichsam einer menschlichen Schreibmaschine ausgespuckt: Das eine Duo «spielt» die Vokale, das andere die Konsonanten. Der französischsprachige Text dahinter bleibt unverständlich, die rhythmische Struktur wird aber erkennbar.

Das Quartett mit Musikern aus der Deutsch- und Westschweiz überspannt den Röstigraben, als wäre er nicht da. Vor rund fünf Jahren formierte sich die Gruppe anlässlich einer Konzertproduktion mit Bigband. Nach einem Schulterschluss mit dem an Free Jazz orientierten «Lucien Dubuis Trio» kam das nun vorliegende erste eigene Programm «T(raum)» zustande.

Dem Titel entsprechend lotet die Gruppe damit auch die inneren und äusseren Räume der Improvisation aus. Innere, die den Quell der schöpferischen Kraft beheimaten, äussere Räume, die als Umwelteinflüsse die Bewegung der Musik mitinspirieren.

«Stilistisch lässt sich unser Schaffen aber nicht klar einordnen», verdeutlicht Gasser. «Wir befinden uns in einer Zwischenwelt der Klassik, des Jazz und anderer moderner Stile.» Vielmehr legt die Gruppe Wert darauf, «mit den nun anstehenden Konzerten das Publikum während einer Stunde in eine Klangwelt zu entführen, in der man sich üblicherweise nicht befindet.» Es handle sich um eine «Landschaft, die sich im Beisein des Menschen verändern kann – ohne ihn aber auch.»

Konzert 28. und 29. Oktober, jeweils 20.30 Uhr, Kreuzkultur Solothurn. Weitere Konzerte in Biel, Bern und anderen Städten. Infos: www.spacetet.ch