Schon in den 40er-Jahren habe sein Vater als Kinotechniker gearbeitet und unter anderem ein Wanderkino betrieben, sagt Martin Ritschard. Der Berner trinkt einen Schluck Kaffee, zündet sich eine Zigarette an und wühlt in Erinnerungen. Krimskrams aus dem Projektorraum war früher sein Spielzeug. Als Jugendlicher führte Tinu Ritschard im Auftrag eines Sportgeschäfts bereits Werbefilme vor, auf dem Schulhof veranstaltete er seine ersten Open-Air-Filmabende. «Ich wurde in die Kinowelt hineingeboren», sagt er.

Als der Vater Mitte der 90er-Jahre die ersten Solothurner Sommerfilme auf die Leinwand projizierte, war Martin Ritschard dabei. 1999, nach dem Tod des Vaters, machte der Sohn alleine weiter. Er übernahm auch die Sammlung alter Filmrollen, Wochenschauen und ausgedienter Kino-Utensilien, die Walter Ritschard schon seit frühen Jahren aufgebaut hatte. «Mein Vater sammelte diese Dinge immer mit der Idee, sie eines Tages den Menschen in Form einer Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Das hat er zu Lebzeiten nicht mehr geschafft.» Inzwischen ist aus der Kollektion jedoch die heutige Kinemathek «Lichtspiel» in Bern entstanden.

Nun ist alles digitalisiert

Der 54-jährige Martin Ritschard lebt in Rümligen im Gürbetal. Beruflich ist er eigentlich in der Rundfunktechnik tätig. Was also verbindet ihn seit all diesen Jahren – 18 an der Zahl – mit den Solothurner Sommerfilmen? «Die Menschen, die Institution», kommt die Antwort unvermittelt. «Man gehört einfach dazu. Ausserdem ist die Atmosphäre sehr speziell, wie die Leinwand da auf der Krummturmschanze zwischen den Bäumen steht.»

Die Veränderungen, die das Open-Air-Kino des Alten Spitals über die Jahre hinweg erfahren hat, schildert Ritschard anhand der technischen Entwicklung. In dieser Hinsicht lasse sich die Geschichte der Sommerfilme in drei Epochen unterteilen: 35-Millimeter-Rollen mit Tonformat in mono, dann dieselben Filmrollen mit Dolby Stereo und schliesslich, vor einem Jahr, fand die Digitalisierung von Ton und Bild statt. Dasselbe gilt für das Open-Air-Kino Plaffeien, das ebenfalls von dem Rümliger operiert wird.

Martin Ritschard hievt eine gelbe Box auf den Tisch und öffnet sie. Darin befindet sich eine Festplatte, auf der ein Spielfilm gespeichert ist. Auf einem Memorystick hat der Operateur einen elektronischen Schlüssel, um den Film für die Vorführung freizugeben. «Die Gestaltung eines Kinoprogramms ist heute in erster Linie PC-Administration», sagt Ritschard. «Das Montieren fällt weg, was eine grosse Erleichterung ist.»

Die analogen 35-Millimeter-Filme seien oft in einem bedenklichen Zustand gewesen. Da habe man Rollen mit gerissenem Filmstreifen erhalten, die man vor der Vorstellung erst flicken musste. Einmal habe er eine Rolle komplett vom Verleiher austauschen lassen. Doch die Ersatzrolle – eine von mehreren Akten, aus denen der ganze Film letztlich besteht – war anders geschnitten: Sie beinhaltete mehr Filmmaterial, als ersetzt werden musste, wodurch bei der Vorführung eine Szene im Film doppelt vorkam. «Die Zuschauer nahmen es mit Humor», erinnert sich Ritschard. «Und ich sagte bloss: ‹Das war eine Schlüsselszene, die haben wir absichtlich zweimal gebracht.›»

«Es gibt nichts dazwischen»

Anekdoten aus der analogen Zeit gibt es viele. Ein heikles Thema waren immer die Kohlenstäbe als Belichtungsquelle. Im Gegensatz zu den späteren Xenon-Lampen brannten diese herunter. Als die Filme immer länger wurden, entwickelte sich das Berechnen der Brenndauer und das Platzieren der Filmpause, um die Lampe auszutauschen, zunehmen zum Glücksspiel.

Heute funktioniere die Technik oder sie funktioniere nicht, sagt Ritschard. «Es gibt nichts dazwischen.» Das Ungenaue ist aus der Kinowelt verschwunden. «Wenn mich früher jemand fragte, wie lange es bis zur Pause dauert, schaute ich auf die Filmrolle und schätzte: ‹ungefähr zehn Minuten.› Heute werfe ich einen Blick auf die digitale Anzeige und sage: ‹9 Minuten und 15 Sekunden.›» Aber das Ungewisse und das Improvisieren sei auch schön gewesen, sagt Ritschard. «Man hat ja dennoch alles unter Kontrolle gehabt.»

Keine Gags mehr im Voraus

Bis auf die Leinwand und das Objektiv erinnert im modernen Projektorraum nichts mehr an alte Zeiten. Selbst die kleinsten Utensilien sind nicht mehr dieselben. «Was ich früher an Reparatur- und Putzmaterial dabei hatte, habe ich heute einfach an Netzwerkkabeln dabei.» Klingt irgendwie unromantisch, nicht? Ein wenig an Charme eingebüsst habe die Arbeit des Operateurs wohl schon, räumt der Berner ein. Ein Stück weit habe man das im Vorjahr auch dem sehr «cinephilen» Solothurner Publikum angemerkt.

Normalerweise seien immer Leute vorbei gekommen, die einen Blick auf den Projektor werfen wollten und sich für die Technik interessierten. Das falle nun weg. «Jetzt sieht es im Projektorraum aus, wie zu Hause im Wohnzimmer. Und wie ein Computer oder ein Beamer aussieht, wissen die Leute – auch wenn mein Beamer ein bisschen grösser ist.»

Zudem habe ihm der eine oder andere Sommerfilm-Besucher schon gesagt, dass er das Rattern der Filmrollen vermisse. Und dann gibt es noch ein ganz wichtiges Element, das – zumindest vorübergehend – von der Krummturmschanze verschwunden ist: «Am Sonntag habe ich früher jeweils als Gag vor dem Hauptfilm eine alte Werbung oder den Trailer eines Kinoklassikers aus dem Archiv des Vaters abgespielt.»

Das ist im Moment nicht möglich, denn die Filmchen hat Ritschard nur auf 35 Millimeter – und die Digitalisierung einer Filmrolle ist nicht gerade günstig. «Aber ich denke nicht, dass sich die Festplatten als Datenträger für Filmvorführungen so lange halten werden wie die Rollen – nämlich 100 Jahre. Vielleicht ist mit der nächsten Technologie der Gag vom Sonntagabend ja dann wieder möglich.»