1968, dem Jahr der Jugendunruhen und des Einmarsches der Armeen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei, war Verena Keller an der Schaubühne in (West-)Berlin engagiert. Weil ihr die Frauenrollen in den Stücken von Bert Brecht besonders zusagten, streckte sie ihre Fühler in die DDR aus und bekam einen Zweijahresvertrag an den Städtischen Bühnen Quedlinburg. Der Aufenthalt in der DDR dauerte schliesslich acht Jahre. Zuletzt war sie Regieassistentin in Zeitz. «Hätte ich damals nicht die Alternative Zeitz-Schweiz vor mir gehabt, so wäre ich verzweifelt.»

Neben dem Theater hatte sie auch immer Kontakt zu kirchlichen Kreisen. «Ohne Kirche hätte ich in der damaligen DDR keine Heimat gefunden.» Im Abstand von rund vier Jahrzehnten hat Verena Keller ihre Erlebnisse und Abenteuer im kürzlich erschienenen Buch «Silvester in der Milchbar» festgehalten. Sie berichtet darin natürlich über ihre Theaterarbeit, ihre Rollen, über ihre Kolleginnen und Kollegen, über Menschen in der DDR, die engen Wohnverhältnisse und den fehlenden Komfort. Sie wertet darin nicht den real existierenden Sozialismus, sondern schildert quasi in Nahaufnahme, wie die Menschen in diesem System lebten.

(Quelle: youtube/vergangenheitsverlag)

Verena Keller und «Silvester in der Milchbar»

Das Theater in Quedlinburg bot ihr schöne Aufgaben, sodass Verena Keller anfänglich kein Heimweh nach der Schweiz und Solothurn empfand. Ihre Theaterferien konnte sie ohnehin in Westeuropa verbringen. Im Februar 1969 traf sie in Güntersberge die Schwestern Elsa und Vally Schimmeyer, und sogleich wurde Solothurn wieder präsent. Bevor Verena Keller ihr Engagement in Quedlinburg antrat, absolvierte sie mit ihrem Vater, Franz Keller, eine Art Abschiedstournee bei Solothurner Bekannten und Verwandten. Die Textilkünstlerin Gertrud Jauslin schrieb ihr die Adresse der Schimmeyers auf einen Zettel und bat sie, ihnen ihre Grüsse zu überbringen.

Die DDR-Englein

In der Zwischenkriegszeit nahm die ausgebildete Lehrerin Gertrud Jauslin an einem internationalen Kongress in Oberhausen teil und machte dort die Bekanntschaft von Elsa Schimmeyer. Später liess sie sich von ihr in einem Kurs in Quedlinburg ins Weben einführen. Die Bekanntschaft wurde auch innerhalb der «Wandervögel» gepflegt, einer Gruppe, welche nach alternativen Lebensformen suchte. Darunter waren auch Anthroposophen wie die Schimmeyers. Die Freundschaft überdauerte den Krieg und Veronika Medici, die Tochter von Gertrud Jauslin, kann sich noch gut an die Schimmeyer-Schwestern erinnern.

Sie seien häufig zu Besuch gekommen, und wenn sie mit ihren wallenden Kleidern und den offenen, weiss gewordenen Haaren durch Solothurn flanierten, habe es durchaus Aufsehen erregt. Hans Jauslin, der bekannte Maler und Ehemann von Gertrud, habe sie als DDR-Englein bezeichnet. Veronika und ihr Bruder Mathias hätten als Kinder auch immer Geschenkpäcklein bekommen. Dank den Jauslins hätten Elsa und Vally Schimmeyer die Solothurner Kunstszene gut gekannt. Vally war Puppenmacherin und gilt als Erfinderin der Harzhexen.

Der Besuch

«Ja, die gute Trude hat mir von Ihnen geschrieben. Ihren Besuch haben wir schon lange erwartet», so wurde Verena Keller von Elsa Schimmeyer in Empfang genommen. Hinter dem Flügel bemerkte Verena Keller einen Webstuhl. Diesen habe sie von Gertrud Jauslin geerbt, meinte Elsa Schimmeyer und zeigte auch ein an der Wand hängendes Jugendbildnis der Solothurnerin.

In ihrem Buch schildert Verena Keller ausführlich diesen Besuch, dem weitere folgten. Neben dem Sein, aber auch der Schein das Theaters, wo sie als Märchenprinzessin im «Gestiefelten Kater», als Verdächtige in Agatha Christies «Fuchsjagd» oder als Lehrerin in Maxim Gorkis «Kleinbürger», um nur drei Rollen zu nennen, brillierte.

Sonntag, 3. März, 16 Uhr, liest Verena Keller aus ihrem Buch im Salon am Sonntag im Kabinett für sentimentale Trivialliteratur am Klosterplatz 7.