Es klirrte. Und mir dämmerte, dass gerade etwas passierte, das Ärger bringt. Sonntag, 5 Uhr früh. Als ich endlich zum Fenster raus in die Gasse blickte, lag unten im Schaufenster unseres Hauses ein Fahrrad. Ein Militärfahrrad. Irgendjemand, an irgendeiner Promillegrenze wohl, hatte gerade Lust, ein Velo in eine Scheibe zu schmeissen. Die Polizei war rasch da, war freundlich und hilfsbereit. Und trotzdem gibt es schönere Arten, sonntags aufzuwachen als das erste Gespräch mit der Polizei zu führen. Es war mir neu, dass Velos jetzt auch gefährlich sind, wenn sie gar nicht gefahren werden. Das Militärvelo immerhin, solide Schweizer Wertarbeit halt, hat den Vorfall überlebt. Bald hat es der Besitzer mitgenommen. Seither habe ich es nicht mehr in der Gasse gesehen. Vielleicht wird die Waffe nachts jetzt zu unser aller Schutz drinnen verwahrt.

Auch das andere Velo ist jetzt weg. Zwei Monate lang stand es vor der Jesuitenkirche, hatte quasi Kirchenasyl. Ein altes, weisses Herrenfahrrad, an dem der Rost nagt. Einmal war es vor dem Kircheneingang, wurde dann verschoben vors Steinmuseum, dann zurück, vor die Honolulu-Bar, wieder vor die Kirche, vors Steinmuseum. Wem es gehört, weiss ich nicht. Es hat einen schönen FC Solothurn-Kleber, einen dieser alten, am Rahmen. Vielleicht musste es der Besitzer aus tragischen Gründen stehen lassen. Vielleicht wurde es einfach günstig entsorgt.

Ich jedenfalls hatte meine Freude daran. Es fiel niemandem auf, nur denen, denen es schon einmal aufgefallen war. Ein Velo, das in der Stadt steht, ist halt ein Velo, das in der Stadt steht. Der Rosthaufen hatte fast eine subversive Note in der allmorgendlich proper herausgeputzten Altstadt. Jetzt aber ist das Velo weg. Jemand hatte genug. Es empfängt jetzt an der Laterne vor dem Tourismusbüro Solothurn-Besucher.

Velos bleiben stehen, wo der Besitzer will. Velofahrer fahren durch, wo sie wollen. Auf zwei Rädern herrscht wenig Gesetzestreue, dafür Anarchie. Klar. Wenn ich schon nicht Auto fahre, dann kann ich doch durch, wo ich will. Das ist sogar eine erfolgreiche Haltung, wie sich zeigt. Die Stadt wird das nachmittägliche Fahrverbot in der Altstadt (gab es das wirklich je?), fallen lassen. Unlängst schon wurde das Fahrverbotsschild entlang des Schanzengrabens beim Kunstmuseumspark entfernt, das noch kaum je ein Velofahrer eingehalten hat. Die Stadt geht jetzt neue Wege – und versuchts mit Humor. Kürzlich stellte sie vor dem chronisch verstopften Meistergässli beim Landhausquai einen Plakatständer auf. «Stell dein Fahrrad nicht in diese Gasse. Nicht ‹nur kurz›. Nicht ‹nur eine Minute›. Nicht ‹mal eben›», stand da drauf. Natürlich war bald schon ein Velo an den Plakatständer gekettet...