Der 85-jährige Urs Schwarz, Biologe und Pionier der Naturgarten-Philosophie, öffnet die Türe. Frisch und munter steht er da. Er freut sich über den Besuch und sagt: «Es geht mir gut. Ich bin zufrieden.» Man sieht es ihm an. Positiv denken und positiv leben - das sei wahrscheinlich das Geheimnis seiner Zufriedenheit und Gesundheit, meint er. Noch immer gehe er täglich in seinen Garten, beobachte Tiere und Pflanzen, freue sich an dem, was wächst und blüht, und achte darauf, dass das Gleichgewicht der Bewohner seines Gartens intakt bleibe. «Denn es ist ja nicht so, dass man in einem Naturgarten einfach alles wachsen lassen kann.» Aufkommendes Gehölz und Brombeeren gräbt auch Naturgärtner Schwarz aus. «Man will sich ja noch im Garten aufhalten können.» Zwei Enkel helfen ihrem Grossvater bei der Naturgarten-Pflege, erzählt er. Es mache ihnen genauso viel Freude wie ihm selbst noch.

Der Garten ist nicht das einzige

Neben der Gartenpflege und -beobachtung absolviere er morgens täglich ein Bewegungsprogramm drinnen. «Dann gibt es ein gesundes Früchte-Müesli zum Zmorge. Das mache ich schon seit vielen Jahren so. Es bekommt mir», stellt er zufrieden fest. Nach ausgiebigem Zeitunglesen gehts dann immer mal wieder in die Stadt, um Kommissionen zu machen oder alte Bekannte zu treffen.

Auf die Idee «Naturgarten» sei er eigentlich ganz «natürlich» gekommen, erinnert sich Schwarz. «Mein Vater war Förster und hatte für seinen Garten für damalige Verhältnisse revolutionäre Ideen. Er holte die Bäume aus dem heimischen Wald (‹das durfte man damals noch›) und setzte sie in seinen.» Schon er sei der Meinung gewesen, dass man in unseren Gärten heimische Pflanzen ansiedeln müsse, damit sich auch die heimische Fauna darin wohlfühle. Als Knabe habe er diesen Gedanken aufgenommen und auch angewendet. «Ich erinnere mich, wie ich als Kind Unterwuchs im Wald holte, welchen ich dann in unserem Garten unter einem Baum pflanzte. Ich fand, das gehörte doch einfach zusammen.»

Was heute in seinem Garten wächst, hat Schwarz im Laufe der Jahre alles selbst gepflanzt. Vieles sei auch selbstständig hierhergekommen. «Ich mähe kein Gras. So kamen die vielen Blumenarten in meinen Garten.» Auch die Gräser seien wichtig. «Sie sind Futterquellen für verschiedene Schmetterlingsarten.» In seinem Garten schliessen sich die Lebenskreisläufe, Wachsen und Vergehen. «So muss es sein», sagt er.

Die Biologie war vorherbestimmt

Schon in der Primarschule sagte ihm ein Lehrer voraus, dass er einmal Biologe werden würde. Und so kam es auch. Urs Schwarz unterrichtete während vieler Jahre als Biologie-Lehrer an der Kantonsschule Solothurn. «In dieser Zeit entwickelte ich meine Naturgarten-Ideen nach und nach.» Er habe zeit seines Lebens immer viel positive Zustimmung für seine Thesen gefunden, lobt er noch heute. Schon in den siebziger Jahren verfasste er für den WWF Schriften zum Naturgarten. «Ich hatte jedoch mit den Schullektionen zu wenig Zeit, ein ganzes Buch zu schreiben.» 1980 kam es dann doch dazu: Vor 33 Jahren erschien Urs Schwarz' Sachbuch-Bestseller «Der Naturgarten». Das Buch erreichte eine Auflage von über 100 000 Exemplaren - ein sensationeller Erfolg. Der Titel stand monatelang auf den Sachbuch-Bestseller-Listen im deutschsprachigen Raum. Urs Schwarz konnte seine Unterrichtsstunden reduzieren und sich vermehrt den wissenschaftlichen Studien für den Naturgarten widmen. «Ich hielt viele Vorträge im In- und Ausland und wurde vom Amt für Raumplanung des Kantons Solothurn als wissenschaftlicher Berater angestellt. Die damalige Regierung brachte meinen Ideen sehr viel Goodwill entgegen.» Schwarz lobt noch heute die Land- und Forstwirtschaft sowie die Hoch- und Tiefbauämter. «Lediglich bei der Wasserwirtschaft hatte ich wenig Erfolg», bedauert er. Als Schwarz 1992 in Pension ging, erkundete er aus persönlichem Interesse vollumfänglich den Alpenraum. «Den Jura, dessen Flora und Fauna kannte ich. Ich wollte etwas Neues sehen.»

Was soll erreicht werden?

Das Ziel des Naturgartens, den in sich geschlossenen und immer wiederkehrenden Lebenskreislauf, hat Schwarz in seinem Garten erreicht. «Die einheimischen Lebensgemeinschaften zwischen Flora und Fauna werden gefördert und unterstützt.» Biodiversität nennt sich das heute. Jeder einzelne Land- und Gartenbesitzer könne etwas dafür tun, sagt er.

Die heute stark zunehmenden invasiven Pflanzen erachtet Schwarz nicht nur als Unglück. «Man kann beobachten, dass sich diese Pflanzen nur dort ansiedeln, wo die Böden degeneriert sind. Invasive Pflanzen hat es immer gegeben. Manche blieben, andere sind wieder verschwunden. Und wenn die Vögel, Insekten und ‹Hüslischnecken› dort Nahrung finden, kann ich nichts Schlechtes daran erkennen.» In wirklich intakten, heimischen Lebensräumen finden fremde Pflanzen keinen Boden, ist er überzeugt.

Es ist Vorfrühling

Schwarz' Garten sieht noch nicht im herkömmlichen Sinn schön aus. Liegen gebliebenes Gehölz unter Büschen, Asthaufen mitten im Gras, das Gras ist vom Schnee plattgedrückt. Hier fühlen sich Raupen, Käfer oder Spinnen wohl. Und schon erkennt man die ersten Frühlingsboten an ihren ersten Trieben. Die stinkende Nieswurz beispielsweise, verwandt mit der Christrose, drängt sich zwischen liegendem Laub hervor. «In meinem Garten soll es aussehen wie auf einer Waldlichtung oder wie am Waldrand», sagt Schwarz, und behutsam betrachtet er die unscheinbare Nieswurz-Blüte.