Der Bilderbuchsommer ist vorbei. Es ist kühler geworden in Solothurns Gassen. Die aus allen Landesteilen angereisten Mitglieder des Schweizerischen Studentenvereins (StV) – es dürften mehrere hundert gewesen sein – liessen sich jedoch nicht davon abhalten, in der Altstadt in Erinnerungen an die alte Burschenherrlichkeit zu schwelgen und den Austausch mit der Bevölkerung zu pflegen.

Rotbemützte ältere Herren blickten auf goldene Jugendjahre zurück, während die Aktiven und Studierenden zum Ausdruck brachten, dass die von den Vorvätern hochgehaltenen Werte und Traditionen weiterleben und das Verbindungsleben trotz gesellschaftlichen Veränderungen weitergeführt wird. Auch zahlreiche, im einst vorwiegend katholisch geprägten Studentenverein organisierte Frauen zeigten Farbe und trugen ihr Couleur mit Stolz zur Schau.

Bis 1955 verboten

Der erste Höhepunkt des Festes war der Fackelzug am Samstagabend. Ein weiteres Highlight folgte am Sonntagnachmittag. Ein farbenprächtiger Cortège belebte die Altstadt und verzauberte nebst den zahlreich angereisten Angehörigen auch die Bevölkerung.

Frauen standen mit Rosen am Trottoirrand, die sie den singenden aktiven und ehemaligen Studenten und Studentinnen in die Hand drückten. Während die einen strammen Schrittes oder hoch zu Ross vorbeizogen, sass die Prominenz in Kutschen und schenkte dem Fussvolk ein Lächeln. Auch am Himmel lächelte endlich die Sonne. Mit dabei auch die berittene Artilleriemusik, die Stadtmusik Solothurn und der Tambourenverein.

Der darauf folgende, farbenfrohe Festakt auf der St. Ursentreppe gab dem emeritierten Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg, Urs Altermatt, Gelegenheit, sich an die anwesenden Verbindungen zu richten. Der in Solothurn lebende Historiker, der dem StV 1961 beitrat, erinnerte in seiner Festansprache an die rund 170-jährigen Beziehungen mit Solothurn. Bereits 1846 sei die erste Sektion in Solothurn gegründet worden. Diese sei jedoch in den kulturkämpferischen Konflikten des 19. Jahrhunderts wieder eingegangen oder verboten worden. Erst 1955 entstand unter dem Namen «Palatia Solodorensis» eine neue Verbindung an der Kantonsschule.

Die Öffentlichkeit suchen

Altermatt, der auch Herausgeber der StV-Geschichte ist, forderte vom Verein auf die Gegenwart bezogen mehr staatsbürgerlichen Gemeinsinn und warnte vor einer Flucht aus der Öffentlichkeit und einem damit verbundenen Rückzug ins Private. «Ich plädiere dafür, dass sich der StV auf seine christlichen Werte und seinen staatsbürgerlichen Bildungsauftrag zurückbesinnt.»

Altermatt kam aber auch auf das gegenwärtige Flüchtlingsdrama zu sprechen und bemängelte, dass Europa bisher nicht in der Lage gewesen sei, eine gemeinschaftliche Lösung in der humanistischen Tradition der europäischen Werte zu finden. «Damit die Berufung auf die europäische Wertegemeinschaft nicht eine leere Floskel bleibt, müssen sich Europa und die Schweiz auf eine gemeinsame Asyl- und Zuwanderungspolitik einigen», kritisierte Altermatt die gegenwärtige Orientierungslosigkeit.

Auch in Bezug auf den Wahlherbst sprach Altermatt Klartext: «Die Politik reduziert sich gegenwärtig auf Infotainment und Unterhaltungstheater, das die Bürger zu Guckkasten-Bürgern und Claqueuren degradiert.» Diese würden mit Klamauk und Sauglattismus unterhalten und bekämen ausser polarisierenden Schlagwörtern wenig politische Orientierung.

«Perfekt organisiert»

Auf das Fest angesprochen erzählte ein Farbenbruder aus Laufen über seine Eindrücke: «Als ehemaliger Solothurner hat mich der Anlass im Herzen gepackt.» Er habe gespürt, dass man zusammen gehöre und über das gemeinsame Gedankengut miteinander verbunden sei. Im Übrigen sei alles perfekt organisiert gewesen.

Rundum zufrieden mit dem friedlichen und von Freundschaft geprägten Fest in einer schönen Umgebung war auch OK-Präsident Walter Straumann. «Solothurn hat ein caché, das wie geschaffen ist für Vereinsanlässe in dieser Grösse», sagte er noch beeindruckt vom morgendlichen Gottesdienst in der voll besetzten und festlich geschmückten St.-Ursen-Kathedrale. Wie Urs Altermatt hatte sich auch Festprediger und Couleurbruder Bischof Felix Gmür mit der Asylpolitik auseinander gesetzt.