Solothurn

Unbequeme Fragen bis zum bitteren Ende

Der junge Mann (Matthias Schoch) und der Polizist (Günter Baumann) im Verhör, das einen unerwarteten Ausgang nimmt.

«Der Weg ins Morgenland» von Dominique Ziegler wurde in Solothurn zum ersten Mal auf Deutsch aufgeführt.

Zwei Männer in einem Verhörraum. Ein Polizist (Günter Baumann), schon etwas in die Jahre gekommen, desillusioniert, und ein junger Mann (Matthias Schoch) mit Bart, in Outdoor-Bekleidung, voller Energie und in Jugend-Slang sprechend, vielleicht etwas naiv.

Dem jungen Mann wird vorgeworfen, sich radikalisiert zu haben. Er wolle nach Syrien zu seinen Brüdern in den Dschihad ziehen. Es gibt klare Indizien: ein Flugbillett nach Istanbul, wohin Leute reisen, die aus Westeuropa in Syrien für den IS kämpfen wollen.

Ebenso fand man auf seinem Rechner grausame Kriegs-Videos und in seiner heruntergekommenen Wohnung ein einziges Buch: den Koran.

Ist das genug, um einen Mann festzuhalten und polizeilich zu vernehmen? Um ihn daran zu hindern, im Krieg Gräueltaten zu begehen? Oder um unsere Gesellschaft zu schützen, weil er vielleicht plant, ein Attentat in einem Café, einer Redaktion oder an einem Weihnachtsmarkt zu begehen?

Der Polizist glaubt es und wird beauftragt, mehr von diesem jungen Mann und seinen Motiven zu erfahren, vielleicht Namen seiner Auftraggeber herauszufinden. Er weiss schon vieles.

Dass er von den Eltern rausgeschmissen wurde, keine Arbeit hat und kleinkriminell ist, dass er keine Freundin hat und im Knast mit Islamisten in Kontakt gekommen ist, dort habe er erstmals so etwas wie Struktur, Freundschaft und Angenommen-Werden erfahren, sagt der junge Mann.

Der Islam biete ihm alles, was er bis dahin vermisst hatte. Allah helfe ihm, die Scharia ist richtig und von der westlichen Welt und ihren verkommenen Werten sei er angeekelt. Die beiden Protagonisten bekämpfen und belauern sich.

Jeder bringt seine Argumente, die man kennt, fast klischeehaft. «Ohne Internet, dem westlich dekadenten Leben, wüsstest du gar nichts vom Kalifat», der Polizist. «Ohne Schnaps in deinem Kaffee würdest du dieses Leben gar nicht aushalten», der junge Mann.

Die Verhörsituation steigert sich bis zum bitteren Ende. Das Stück von Dominique Ziegler aus dem Jahr 2016 wurde bereits erfolgreich in Frankreich, Belgien und Genf aufgeführt. Der Theaterautor und -Regisseur Dominique Ziegler (*1970) ist der Sohn von Jean Ziegler.

In einem Interview sagte er einmal, er habe nichts am Hut mit «modernen Stücken, mit welchen der Autor seine Neurose auf die Bühne bringt». Ziegler denkt, dass «das Theater eine Gesellschaftskritik sein muss, die überall verwendet werden kann».

Regisseur Robin Telfer verlässt sich in diesem Kammerspiel ganz auf die beiden Schauspieler Günter Baumann und Matthias Schoch, die wie in einem Zweikampf das Stück seinem unweigerlichen Ende zuführen.

Keine Minute der Entspannung, kein Wort zu viel oder zu wenig. Die beiden bewegen sich auf ganz wenigen Quadratmetern, völlig der Verhörsituation ausgeliefert. Beklemmend das Bühnenbild von Vazul Matusz mit einem Tisch, zwei Stühlen, einem Laptop.

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