Schlagefreunde
Über den Schlager –Das missverstandene Genre

Der Solothurner Verein «Schlagerfreunde» initiiert mit «Potpourri» eine neue Anlassreihe. Die Initiantin klärt die Frage: Was verbirgt sich hinter dem musikalischen Genre, das oft der Gefahr ausgesetzt ist, lächerlich gemacht zu werden?

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Barbara Schäfer will jungen Schlagertalenten in Solothurn eine Plattform geben.

Barbara Schäfer will jungen Schlagertalenten in Solothurn eine Plattform geben.

Andreas Kaufmann

Angesichts des TV-Misserfolgs der Stadlshow mögen böse Geister der Schlagerszene ein baldiges Sterben voraussagen wollen. Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen zeigt sich die Schlagerszene erstaunlich lebendig – beispielsweise in Solothurn. So war bereits im vergangenen Mai der Verein «Schlagerfreunde Solothurn» durch Initiantin und Obfrau Barbara Schäfer ins Leben gerufen worden.

Darüber hinaus: Wenn «Krokus» den Hardrock in die Stadt importiert hat und das ehemalige Classic-Open-Air seinerseits die klassische Musik, so will die 60-jährige musikbegeisterte Frau Solothurn nun zur Schlagerstadt machen. Mit dem Anlassformat «Musik liegt in der Luft» tat der Verein 2015 im luzernischen Dagmersellen seine ersten Schritte.

Für den 20. Februar lanciert Schäfer nun den Auftakt zu einer Anlassreihe, die sich hier etablieren soll: «Potpourri». «Es ist Zeit, den Begriff gerade für die jüngere Bevölkerung wieder zu reaktivieren», meint die Initiantin. Und dem Vereinszweck, nämlich jüngeren, aufstrebenden Schlagerstimmen eine Plattform und damit Öffentlichkeit zu schaffen, wird auch im «Potpourri» Rechnung getragen.

Mit dem Berner Pascal Silva, dem Zürcher Nico Sanders, dem Luzerner Simon Broch und mit der regional bekannten Michelle Ryser aus Lohn-Ammannsegg hat Schäfer eine junge Besetzung für ein Abendprogramm zusammengetrommelt.

Wie Schäfers Passion begann
Gerade der auftretende 22-jährige Simon Broch wurde im November 2012 denn auch der Grund für Barbara Schäfer, in die Schlagerwelt einzutauchen: «Ich habe den sympathischen Simon kennen gelernt, als er in einer Luzerner Schlagerbar im Service tätig war», erinnert sich die Vereinspräsidentin.

Ab und zu habe er dann auch zum Mikrofon gegriffen und Schäfer bei einer Gelegenheit verraten, was er später werden möchte: «Schlagersänger.» Ihr Ehemann Stefan Proll, selbst Musikproduzent, Komponist und Sänger, hat nach anfänglichem Zögern begonnen, an der noch rohen, unreifen Stimme, an der Aussprache und an der Bühnenpräsenz von Broch zu arbeiten.

Heute hat der junge Schlagersänger, wie er sich nach der erhaltenen Förderung sicher nennen darf, bereits einige CD-Produktionen hinter sich, erfreut sich diverser Privatengagements und trat auch schon an einem Stadtfest auf. Hinter dem Lenkrad hat der gelernte Lastwagenfahrer auch selbst schon einige Melodien und Texte ersonnen, die er dann mit Proll zur CD- und Auftrittsreife vollendete.

Schäfer weiss: In der Schlagerszene wandeln Newcomer auf einem harten Pflaster. «Um in eine Show zu gelangen oder um eine CD zu produzieren, ist oft viel Geld nötig. Geld, das die jungen Leute oft nicht aufbringen können.»
Für junge Menschen da sein

Umso mehr widmet sich die gebürtige Solothurnerin der Förderung junger Menschen: «Dies war schon mein Anliegen, als meine Tochter Ballettstunden nahm», erinnert sie sich. Damals, also 1995, wurde sie als Mutter und Hausfrau aktiv und initiierte den Internationalen Wettbewerb für Klassisches Ballett, der seither dem aufstrebenden Tanznachwuchs als Plattform diente, um im Hinblick auf eine Karriere das eigene Können mit jenem der anderen zu vergleichen. 2002 übergab Schäfer die Organisation dem Schweizerischen Ballettlehrer-Verband.

Gleichenorts wie der jährlich stattfindende Anlass findet auch ihr «Potpourri» statt. Nach ihrer beruflichen Tätigkeit in der Buchhaltung begann sie 2012 als Nachtwache im Wohnheim Kontiki Subingen. «Die Arbeit ist unglaublich schön.» Ebenso widmet sich Schäfer mit Leidenschaft der Fotografie – und nun eben der Förderung von Simon Broch. «Meine Töchter sagen manchmal scherzhaft: ‹Mami hat einen adoptiert›, womit sie nicht ganz unrecht haben.»

Das missverstandene Genre
Liebe, Schmerz, Glückseligkeit, verpackt in einfache Texte, Mitsingen, Mitklatschen. Die Rezeptur des Schlagers ist einfach – und vielleicht gerade deswegen oftmals dem gesellschaftlichen Spott ausgesetzt. Schäfer selbst ist unter dem Einfluss klassischer Musik aufgewachsen und ist heute noch ein Opernfan. Doch der Schlager kam im Kindesalter dazu. «Mit 11 war es Roy Black, mit 13 Gilbert Bécaud und danach kamen die Musicals», erinnert sie sich und ergänzt: «Ohne Gesang kann ich nicht sein.»

Was aber verbirgt sich hinter dem musikalischen Genre, das oft der Gefahr ausgesetzt ist, lächerlich gemacht zu werden? «An einem Schlagerkonzert nimmt der Herr Doktor neben dem Handwerker Platz – sowie Jung neben Alt. Und der Ehemann begleitet seine Frau und freut sich, wenn sie sich freut.

Manchmal nehme ich auch Bewohner des ‹Kontiki› mit, die ihre Zimmer zum Teil regelrecht mit Fotos ihrer Stars tapeziert haben.» Beim Schlager gehe es um den Gesamteindruck um Leichtigkeit und um jenen Seelenbalsam, der den grossen TV-Formaten einer regelrechten Schlagerindustrie oft abgeht.

«Die Stadlshow bestand zum Schluss nur noch aus schnellen Schnitten, hektischen Kameraführungen, unterbrochenen Liedern und unnötigen Tanzdarbietungen, die im Hintergrund stattfinden.» Es sei aber nicht das, was der richtige Schlagerfan will: «Er sucht die Nähe zum Star, freut sich über dessen Entwicklung, gibt Rückmeldungen, positive wie kritische. Und genau diese Möglichkeit bieten wir ihm.»

Schlager-«Potpourri» Samstag, 20. Februar, 19.15 Uhr (Tür), Konzertsaal Solothurn. Tickets: www.starticket.ch.

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