Solothurn
Tuning-Rowdies auf Tour: Wenn am Ritterquai der Ausnahmezustand herrscht

Mit dem Frühling beginnt für die Polizei auch der stetige Kampf gegen die Tuning-Szene am Ritterquai. Am Wochenende soll es ein Fahrverbot richten. Die Polizei denkt jetzt auch über das Anbringen von Berliner Kissen nach.

Wolfgang Wagmann
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Sie sind jung, tragen die Haarpracht wie Shaqiri und fallen auch sonst auf. Denn keines ihrer Autos sieht aus wie im Herstellerkatalog. Tuning ist ihr Lebensinhalt, und den stellen sie nun zur Schau. Sonntagnachmittag, die Riviera entlang der Aare ist gut bestückt auch mit jüngeren, attraktiven Damen. Sie räkeln sich auf Bänkli und Mürli am Ritterquai. Dort, vor den Garage-Ausfahrten der Regio Energie findet der Autosalon von Solothurn statt. PS-Protze, die hören lassen, was ihre doppel-ausgepufften, hochglanzpolierten Boliden hergeben.

Um dann mit einem Kavalierstart loszuröhren, hinauf zur Rötibrücke, Vollgas und wieder zurück. Dorthin, wo man nicht recht weiss, ob die Ufer-Schönheiten wirklich so gelangweilt sind, wie sie tun. Oder ein Familienvater am Ende des Rötibrücke-Fussgängerstegs angesichts der motorisierten Krawall-Truppe möglichst ebenso lautstark das «A...» aus dem Wortschatz klaubt. Und darauf «e Chlapf zum Grind» folgen lässt. Der genaue Wortlaut ist nicht rekonstruierbar, da Motor zu laut, Mann!

Natürlich geht das nicht. Im Frühling will man die Krokusse im Stadtpark wachsen hören. Und so schreitet die Stadtpolizei ein. Gegen den Krach der Saatkrähen im Kreuzacker ist man machtlos, gegen die Tuning-Rowdies jedoch nicht. Fahrverbote sollen den Ritterquai zur PS-freien Zone machen. Zumindest am Wochenende. Die Freaks scheint das nicht zu kümmern. Wir waren wohl zur falschen Zeit dort. «Doch, doch, wir haben einige von ihnen gebüsst, mit 100 Franken», versichert Stapo-Kommandant Peter Fedeli. «Danach sind sie nicht mehr gekommen.» Aha.

Zuerst habe man es mit einem Fahrverbot probiert, ergänzt durch «Zubringerdienst gestattet». «Da war natürlich jeder ein Zubringer», meint Fedeli leicht frustriert. Denn mit den jetzigen Fahrverboten werden auch die begehrten Kundenparkplätze auf dem Klosterplatz zur Haupteinkaufszeit am Samstag abgeschnürt. «Das sind halt dann die Einschränkungen», so der Kommandant lakonisch. «Wir sperren am Samstag erst ab 14 Uhr. Und nur bei schönem Wetter.» Was ja statistisch an Wochenenden in Solothurn nur sehr selten der Fall ist. Andernfalls bleibt nur der K-Tipp: Stadtkunden sollten sich Samstag vor 14 Uhr um ihren Parkplatz auf dem Klosterplatz kümmern ...

Berliner Kissen

Doch damit nicht genug: Die Stadtpolizei macht sich ernsthafte, weitergehende Gedanken um eine tuningfreie Zone am Ritterquai. Peter Fedeli erwägt deshalb den automobilistischen Super-GAU: das Anbringen eines oder mehrerer Berliner Kissen. «Das wurde doch mal angeregt», erinnert sich Fedeli vage. Stimmt. Vor der Einführung von Tempo 30 im Schützenmattquartier hatte Kurt Füeg mit seiner Typ AG an der Schützenmattstrasse solches vorgeschlagen.

Andrerseits: Eine gut positionierte Radarfalle am Wochenende (gibt zwar Arbeit) brächte im «Dreissiger» wohl mehr als nur 100 Franken wie fürs Missachten des Fahrverbots. Vielleicht müsste der eine oder andere der Tuning-Jungs gar sein Billett abgeben. Das würde vielleicht für Ruhe sorgen. Doch so einfach ist das nicht.

Denn vorne am Ritterquai gilt immer noch Tempo 50. Die Begegnungszone Altstadt mit Tempo 20 fängt erst vor dem Bindella an, die Tempo-30-Zone östlich der Rötibrücke. Zwischendrin, im Filetstück, wirds also eher schwierig mit Berliner Kissen. Abgesehen davon, dass die täglich ausrückenden Monteure der Regio Energie daran wohl kaum ihre Freude hätten.

Item, wir sehen, die Situation ist vertrackt. Das schreit förmlich nach einer Anti-Tuning-Arbeitsgruppe. Die dem Gemeinderat dann eine happige, wohldurchdachte Bekämpfungsstrategie zur Beschlussfassung unterbreitet. Vielleicht wäre aber zuerst eine ganz einfache Massnahme zu prüfen: ein Aufenthaltsverbot für Ufer-Beautys am Ritterquai. Damit die Jungs nichts zu gucken und – zu protzen haben.

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