Wenn ein Konzertveranstalter von einer «Konsolidierungsphase» spricht, dann könnte das bieder klingen. Bei einem Betrieb, der seit 22 Jahren existiert und seit fast 10 Jahren im selben Lokal verweilt, dürfe man sogar eine gewisse Verstaubtheit vermuten, wie jener Konzertveranstalter gleich selber zu Bedenken gibt. Wenn es sich bei Besagtem aber um Pipo Kofmehl handelt, dann kommt bei so einem Gespräch über die vergangene und künftige Entwicklung des Kulturlokals kein Staub auf. Bloss Euphorie und jugendlicher Elan.

Wobei Pipo Kofmehl ja durchaus kein Jugendlicher mehr ist – besonders wenn man ihn mit seinem Team vergleicht. Das Durchschnittsalter der rund 250 vorwiegend ehrenamtlich Mithelfenden betrage etwa 20 Jahre, sagt der Betriebsleiter der Kulturfabrik. Sie sind also jünger als die Institution selbst. «Viele davon wissen nur vom Hörensagen, dass das ‹Kofmehl› früher einmal an einem anderen Standort war», ergänzt Programmchef Chrigu Stuber.

Doch gerade diese stetige Erneuerung des Teams, die hohe Fluktuation, all die Ehrenamtlichen und Enthusiastischen, die immer wieder eingeführt und angelernt werden, genau die sind es, die das Kofmehl jung und dynamisch halten. «Und wir haben auch die Strukturen, um neue Leute hier reinwachsen zu lassen», sagt Pipo Kofmehl. Womit wir eben wieder bei dieser Konsolidierung wären, dieser Phase, in der man in erster Linie das erreichte Niveau zu halten versuche. Im Rostwürfel sei aber auch diese Zeit von Pioniergeist geprägt und bleibe spannend. «Die Fantasie geht nicht flöten», beurteilt der Betriebsleiter. Und Stuber erläutert: «Für jeden, der neu kommt, ist es ja quasi eine Pionierphase.»

Fünf Jubiläen in sieben Jahren

Dass die Kofmehlianer bemüht sind, sich immer wieder neu zu erfinden, merkt, wer in der «anlassfreien Zeit» einen Blick in den Bauch des Rostgetüms wirft. Da wird gerade das Beleuchtungskonzept verbessert. Und über der Galerie steht ein Gerüst, wo pünktlich auf den 21. April 2015 ein neues Balkönli eröffnet werden soll. Dann wird der Rostwürfel nämlich zehn Jahre alt.

Überhaupt stehen in nächster Zeit viele Jubiläen an: fünf in sieben Jahren. Nach dem Zehnjährigen folgt 2016 – wer hätte es gedacht – das Elfjährige, was in Solothurn natürlich ebenfalls gefeiert werden will. Das Kofmehl als Institution hat dann 2017 satte 25 Lenzen hinter sich. Und 2020 wird wieder der Rostwürfel (15 Jahre); 2022 nochmals die Institution (30 Jahre) zelebriert.

Ist also alles Friede, Party, Eierkuchen? Nun, gekämpft wird wie überall. Vor allem mit den steigenden Künstlergagen. «Glücklicherweise steigen aber auch die Besucherzahlen weiter an», sagt Chrigu Stuber. So könne man mit den Gagenanforderungen mithalten, die zweierlei Gründe haben. Einerseits sind die Künstler selbst teurer geworden, da Einnahmen nicht mehr durch CD-Verkäufe, sondern primär durch Liveauftritte generiert werden. Andererseits stehen auf dem Programm der Kulturfabrik Kofmehl auch immer öfter exklusive Acts, die in Solothurn ihr einziges Schweizer Konzert spielen und daher etwas teurer zu stehen kommen.

Dass viele Bands (letzte Saison etwa Everlast, Bonaparte, John Mayall oder Soulfly) den Rostwürfel als Veranstaltungsort suchen, habe nebst dem guten Ruf, dem engagierten Team und der zentralen Lage zwischen Basel, Zürich und Bern auch mit der Stadt selbst zu tun, erklärt Kofmehl. Ein Spaziergang durch Solothurns Altstadt ist für Viele ein willkommener Bonus vor dem Gig.

Nur Gutes gibt es heuer auch über das Verhältnis mit Polizei und Anwohnern zu sagen, mit denen man immer in Kontakt stehe. Massnahmen wie die Lärmschutzwand oder die Security, die das Quartier bewacht, haben sich bewährt, sagt Stuber. «Das Ganze ist eine coole Symbiose, die über die Jahre entstanden ist», findet Pipo Kofmehl. Überhaupt sei die letzte Saison sehr stimmig gewesen, sagt er und windet besonders den Besuchern ein «Kränzli».

Gespräche statt Verbote

Ein durchwegs positives Fazit zu ziehen, wäre hingegen gerade in dieser Saison zynisch. Denn im Januar ist, wie Kofmehl es ausdrückt, «passiert, was man hofft, das nie passieren würde». An den tödlich verunglückten Stagediver denke man auch heute noch jeden Tag, sagt Stuber. Der Unfall habe in der Szene international Wellen geschlagen, weil es vermutlich der erste überhaupt war, der ein so tragisches Ende nahm.

«Wir haben mit Fans und Musikern viele Gespräche geführt», sagt Pipo Kofmehl. «Es war uns wichtig, dass wir nicht mit Verboten arbeiten, sondern die Leute sensibilisieren und sie dazu bewegen, sich mit dem Stagediving und den Risiken auseinanderzusetzen.» Retrospektiv sei dies eines sehr gute Entscheidung gewesen. «Der Unfall hat für alle Beteiligte und auf allen Ebenen viel bewegt», resümiert Stuber. «Stagediving hat es seither kaum mehr gegeben.» Als weitere Konsequenz aber sei das Kofmehl-Team durch das Unglück noch stärker zusammengeschweisst worden.