Solothurn

Traditionsgeschäft schliesst nach 285 Jahren seine Tore

(Andreas Kaufmann)

Geschäftsinhaber Hans Ulrich Dikenmann blickt wehmütig in die sich bald leerenden Schubladen.

(Andreas Kaufmann)

Nach 285 Jahren kommt für die Schlangen-Apotheke an der Gurzelngasse 23 in Solothurn endgültig das Aus. Für die Besitzer und Geschäftsleiter des altehrwürdigen Geschäfts ist das eine bittere Pille.

Eigentlich steht die Schlange des Äskulap für ein unversehrtes, langes Leben. Auch über dem Geschäftseingang der «Schlangen-Apotheke» prangt dieses uralte Wappentier der Heilkunde. Das kommt nicht von ungefähr, denn mit 285 Jahren ist der Traditionsapotheke definitiv ein langes Leben beschieden. Vorher an der Hauptgasse 29/31 angesiedelt, hat sie sich in den letzten 46 Jahren am Domizil der Gurzelngasse 32 mit Hingabe den «Bräschte» der Solothurner Bevölkerung gewidmet.

Ende März schliesst die Apotheke

Doch der einst goldene Schimmer der Skulptur ist verblasst – sinnbildlich für das baldige Ende der «Schlangen-Apotheke». Per 31. März schliessen die Geschäftsinhaber Hans-Ulrich und Fredy Dikenmann mit Tochter Miriam die Pforten aus finanziellen Gründen. Rund sechs Personen müssen sich nach einer neuen Stelle umsehen, lediglich für zwei Lehrlinge ist bereits gesorgt. Dikenmann selbst hilft im Alter von 83 Jahren im Hintergrund als Helfer und «Stütze» mit.

«Die Schliessung ist bitter für uns. Es geht aber nicht anders», sagt der Doktor der Pharmazie. Und da sich für den Betrieb der Apotheke keinen Abnehmer fand, wird diese liquidiert. Die Liegenschaft geht per Ende April an Urs Rudolf der Zytglogge Immobilien AG. Im Spätsommer soll im Erd- und Untergeschoss die Swisscom mit einem Shop einziehen. In den oberen Stockwerken will Rudolf rund sechs Wohnungen realisieren. Geschäftsaktivitäten und Kundendossiers der Dikenmanns werden ihrerseits von der Ambassador-Apotheke an der Wengistrasse übernommen.

Margeneinbruch trägt Mitschuld

Doch warum verlor die Schlange ihren Glanz? Fragt man Dikenmann nach den Gründen, so nennt er äussere Umstände: «Der Verdienst im Medikamentenverkauf ist zusammengefallen. Die ständigen Margensenkungen machen einen Betrieb unrentabel», stellt Dikenmann fest. So sei der Druck seitens Preisüberwacher und Krankenkassen gewachsen. Hinzu kommen aus seiner Sicht Mitstreiter im gleichen Markt: «Ärzte geben Medikamente grossteils selbst ab.»

Darüber hinaus macht Dikenmann auch geltend, dass die Arzneimittelliste C ebenfalls für Drogerien freigegeben sei. Zudem hinterlasse aus seiner Sicht auch der Versandhandel seine Spuren. Doch auch er erinnert sich an den alten Glanz: «In den 1970ern und 1980ern erlebten Apotheken goldenen Jahre. Da ging es der Branche noch gut. Zeitweise arbeiteten hier 18 Personen.» Doch heutzutage sehe die Lage etwas anders aus: «Viele begreifen nicht, dass wir trotz vorzüglicher Geschäftslage nicht weitermachen können», erwidert Dikenmann auf Reaktionen, die er zu hören bekommt.

Unter das reine Bedürfnis nach einer Grundversorgung mischen sich auch nostalgische Gefühle langjähriger Kundschaft: «Meine Eltern und ich sind häufig hergekommen», zitiert Dikenmann einen enttäuschten Kunden, der sich an früher erinnert. Ist die Liquidation der Apotheke erst mal abgeschlossen, will er noch mehr Zeit mit seiner Frau und dem «King des Hauses», dem Kater Leo, verbringen, wie er schmunzelnd verrät.

Noch einiges zu tun

Ganz loslassen wird Dikenmann bis zum bitteren Ende nicht. So hat er im hinteren Teil des Erdgeschosses ein Labor betrieben, in dem er unter anderem Präparate für eine gynäkologische Praxis entwickelt hat und immer noch vertreibt. Für den altgedienten Forscher war diese Beschäftigung gerade das Richtige und jetzt, gegen das Ende hin, erst recht: «So gibt es was zu tun.» Doch auch sonst dürfte ihm im April die Arbeit in der Schlangenapotheke nicht ausgehen.

So müssen nun vier Stockwerke geräumt werden: Im Erdgeschoss ist es der Verkaufsbereich mit zum Teil historischen Schubladenstöcken sowie besagtem Labor, im ersten Stock der Bürobereich und der Probierraum für Kompressionsstrümpfe. Im zweiten und dritten Obergeschoss befinden sich weitere Lagerräume, wobei auch noch Chemikalien zu entsorgen seien, so Dikenmann. Im dritten Stock übt zurzeit ausserdem noch eine Töpfergruppe ihre Tätigkeiten aus, die mit dem Verkauf der Liegenschaft ebenfalls eine neue Bleibe suchen muss. «Früher führte mein Vater auf diesem Stock noch ein Apothekenmuseum, das er später wieder auflöste», erinnert sich Dikenmann. Nun verschwindet auch der andere, grössere Teil dieser 285-jährigen Erfolgsgeschichte. Zumindest die Äskulapschlange soll erhalten bleiben. Swisscom will sie als Erinnerung übernehmen.

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