«Renommierte Läden, die dichtmachen, ausgeschilderter Totalausverkauf und dunkle Schaufenster.» – Die Misere, in welche die Detailhandelbranche je länger je mehr hineinschlittert, lässt sich kaum mit treffenderen Worten ausdrücken, als es Christine Maier tut. Die ehemalige TV-Journalistin moderierte den HESO-Talk der Standortförderung Espace Solothurn zum Thema «Detailhandel im digitalen Dichtestress.» Eine Problematik, die nach Solothurn passt, wovon Ladenleerstände zeugen – oder Voten aus dem anwesenden Publikum: «Ja, die Detailhändler haben bös. Das macht mir Sorgen», ist zu hören.

Und das Gespenst, das offenbar umgeht, heisst Digitalisierung. Auch Maier gibt zu: «Seitdem ich einmal per SMS eine Briefmarke kaufen musste, weiss ich: Dafür werde ich wohl nie mehr an den Postschalter gehen.» Und dann wären da noch Alibaba, Amazon und Zalando: «Die Konkurrenz ist nicht mehr next door.» Maier hält aber auch fest, wer die Zügel in den Händen hält: «Wir sind mit unserem Konsumverhalten alle mitbeteiligt.»

Bekleidungsbranche leidet

Im Hauptteil wurden drei Perspektiven aus unterschiedlicher «Flughöhe» beleuchtet. Sascha Jucker, Ökonom bei der Crédit Suisse, hat sich auf die Entwicklung des Detailhandels spezialisiert und warf einen makroökonomischen Blick auf die Thematik. So seien es mit den Währungsturbulenzen des Euros und der Digitalisierung zwei Kräfte, die die Entwicklung antreiben. Nicht weniger als zehn Prozent des Detailhandelsvolumens gehen via Einkaufstourismus verloren, und weitere zehn über den Online-Einkauf – Tendenz steigend. Denn: «Es handelt sich dabei nicht um einen temporären Trend.»

Allerdings sind die einzelnen Detailhandelszweige unterschiedlich betroffen. Während der Food-Bereich (noch) kaum durch Online-Konkurrenz bedroht werde, haben sich Schweizer Mitstreiter wie Digitec im Bereich Heimelektronik schon früh gut positioniert. «Nicht bestanden» habe den digitalen Stresstest die Bekleidungsbranche. Auch nach der Markteroberung durch Zalando «weigert sie, sich anzuerkennen, dass die Leute Bekleidung online einkaufen.»

Ideen aus der Ostschweiz

Tragfähige Lösungen aus der Ostschweiz könnten hilfreich sein: Um nämlich das Projekt «Zukunft St. Galler Innenstadt» vorzustellen, wird deren städtische Standortleiterin Isabel Schorer schweizweit eingeladen. Im 2016 lancierten Projekt wurde im partizipativen Verfahren ein Massnahmenplan ausgearbeitet, um dem «Lädelisterben» entgegenzuwirken und dem Wandel des Konsumverhaltens und dem Strukturwandel zu begegnen. «Wir müssen den Wandel als Chance erkennen und das Jammern überwinden», ermutigte dazu Schorer.

Zu den Massnahmen zählen unter anderem die Einrichtung einer Koordinationsstelle für die gebündelte Vermarktung, ein Heimlieferservice angesichts fehlenden zentraler Parkmöglichkeiten, sowie die Förderung von Zwischennutzungen, um Leerstände zu verhindern. Erste Ergebnisse zu diesem Punkt: «Wir haben 50 Prozent weniger Leerstände als noch vor zwei Jahren», so Schorer.

Detailhandel als Eventort

Auch der dritte Redner erkennt den Strukturwandel «als Chance, und nicht als Stresstest», sagte Daniel Wagmann, der in zweiter Generation den «Chuchilade» führt, als «early adapter» schon vor zehn Jahren einen Onlineshop einführte und bald auch alle Betriebsabläufe digitalisierte. «Denn was wir haben, gibts alles auch online.» Als Quereinsteiger im Detailhandel musste er sich ein breites Wissen autodidaktisch aneignen, ohne dass er sich an vorgefertigten Lehrbuchmeinungen orientieren wollte.

Dies betrifft auch seine Branchenauffassung: «Der Fachhandel ist ein totes Modell. Und der Fachhändler muss innovativ sein – zum Entertainer werden.» Was in seinem Fall konkret heisst: In enger Zusammenarbeit mit Partnern Gastro-Workshops und Soirees nach Feierabend durchführen, «sodass der Service zum Erlebnis wird», verrät Wagmann.

Grussworte überbrachte Regierungsrätin Brigit Wyss, die die Bedeutung des Standorts Solothurn nicht nur als Arbeits-, sondern auch als Wohnstätte hervorhob: «Fachkräfte sollen nicht nur hierher pendeln, sondern hier leben.» Abschliessend appellierte Peter Riedweg, Präsident der Standortförderung, dazu, aktiv zu werden: «Wenn wir nichts draus machen, sind wir selbst schuld.»